Anthony Collins (1676–1729) war ein englischer Jurist, Philosoph und Essayist, der als einer der frühesten Anhänger der Aufklärungsphilosophie in Großbritannien bekannt wurde. Durch seinen Wohlstand war er der Notwendigkeit enthoben, seinen juristischen Beruf auszuüben, und konnte unabhängig als Gentleman leben. Mit dem älteren John Locke (1632–1704) verband ihn in dessen letzten Lebensjahren eine enge Freundschaft. Dessen Hauptwerk An Essay Concerning Human Understanding („Versuch über den menschlichen Verstand“ 1689/1690), begründete seine sensualistische (die Sinne betreffende) Erkenntnistheorie. Er ließ als Quelle der Erkenntnis hauptsächlich nur mehr sensation (Sinneswahrnehmung) und reflection (Selbstwahrnehmung) zu. Auch begründete er wie seine zeitgenössischen Mitkämpfer die Forderung nach religiöser Toleranz (außer gegenüber Katholiken und Atheisten) und wandte sich gegen die Auffassung von der Unfehlbarkeit der Religion und gegen die Dogmen der Kirche. Nach Locke könne es jeder Mensch mit Gott halten, wie er wolle, und nicht, wie es ihm die Religion vorschreibe.
Collins bekannte sich früh zum philosophischen „Deismus“, in einer Zeit, da offener Atheismus noch als ein todeswürdiges Verbrechen geahndet wurde. Um die Jahrhundertwende 1700 bekannten sich bereits mehrere Intellektuelle zu einer deism (lat. deus „Gott“) genannten Glaubensvorstellung, die allein auf Logik und Beobachtung beruhte und jegliche übernatürliche Spekulation ablehnte. Als erster Erschaffer des Universums galt nach wie vor ein „Gott“ oder „Höchstes Wesen“ (Être suprême), aber dessen weiteres Eingreifen wurde als „nicht begründbar“ angesehen. Eine göttliche Existenz offenbare sich somit lediglich in der Natur selbst, womit natürlich auch alle theologischen Begründungen unhaltbar waren, ebenso Zeremonien, Prophezeiungen, Offenbarungen und religiöse Texte als legitime oder verlässliche Quellen göttlichen Wissens abzulehnen sind, daher ebenso Intoleranz, religiöser Zwang oder gar Religionskriege. Im weiteren Sinne wurde somit der Deismus als eine freidenkerische Glaubensvorstellung im Zeitalter der Aufklärung angesehen und von einem Großteil der bekannten zeitgenössischen Aufklärungsphilosophen geteilt.
Als konsequentester Aufklärer seiner Zeit galt in Großbritannien der irische Philosoph John Toland (1670–1722), dessen Buch Christianity not Mysterious 1697 in Ermangelung der Habhaftigkeit des Autors in Dublin öffentlich verbrannt wurde. Er war der Erste, den man „Free-Thinker“ nannte.
Collins hatte sich der kleinen rührigen Gruppe um Toland und Matthew Tindal (1657–1733) angeschlossen, die Gedankenfreiheit und die Trennung von Kirche und Staat einforderten, somit die Keimzelle der künftigen Free-Thinker-Bewegung werden sollten und die hierzu 1711 eine Wochenschrift mit Namen The Free-Thinker gründeten. Ein bedeutender Unterstützer der Gruppe war auch Anthony Ashley-Cooper, Dritter Earl of Shaftesbury (1671–1713).
Anthony Collins’ Buch (zunächst anonym verfasst) aus dem Jahr 1713 mit dem Titel: A Discourse Of Free-Thinking, Occasion’d by The Rise and Growth of a Sect call’d Free-Thinkers („Ein Diskurs über das Freie Denken, veranlasst durch das Aufkommen und Anwachsen einer Sekte, die man Frei-Denker nennt“) wurde praktisch zum Manifest der Bewegung. Collins war damit die Popularisierung und Begriffsdefinition der Free-Thinker zu verdanken. Und obwohl er seine Auffassungen von Freiem Denken und Deismus deutlich in Abgrenzung zum offenen Atheismus definierte, wurde er scharf von Bischöfen und konservativen Autoren angegriffen, sodass er gezwungen war, mehrmals die Flucht nach den Niederlanden anzutreten.
In der Sache blieb Collins seinen Grundsätzen treu und forderte die Befreiung des Denkens von allen Dogmen. Er empfahl das Recht auf Bildung für alle Gesellschaftsschichten, da er in Unbildung die Quelle gesellschaftlicher Unordnung sah. Im Rest Europa erlangte er schließlich Bekanntheit durch Übersetzungen seiner Schriften durch den Enzyklopädischen Paul Thiry d’Holbach (1723–1789) sowie Übersetzungen des A Discourse Of Free-Thinking … (siehe Ausgabe 1965). Collins’ Übertragungen von Cicero-Texten und weitere Schriften, die nach seinem Tod vernichtet wurden, schlossen sein schriftstellerisches Werk ab.

Anthony Collins: A Discourse of Free-Thinking. London 1713.
Faksimile-Neudruck mit deutschem Paralleltext. Hrsg., übersetzt und eingeleitet von Günter Gawlick. Stuttgart 1965.
Anthony Collins gab hier Begriffsdefinitionen und eine Übersicht über die Argumente der öffentlichen Diskussion. Er verteidigte argumentativ das Freie Denken gegenüber den Dogmatikern. Im ersten Abschnitt proklamiert er darin „Das Recht auf Freies Denken“ mit fünf Argumenten:
1. Argument, welches beweist, dass jedermann das Recht auf Freies Denken besitzt.
2. Freies Denken ist das einzige Mittel, mit dem man in den Wissenschaften Vollkommenheit erreicht.
3. Der Verzicht auf Freies Denken führt zu Absurditäten.
4. Es kann keine vernünftige Beschränkung des Denkens geben.
5. Freies Denken ist eine Wohltat …
Als größte Wohltat empfand er in der Verbannung der Teufelsfurcht, die in den Niederlanden schon „zur größten Vollkommenheit“ verbannt sei, aber in England noch immer die Menschen unfrei halte. In weiteren logischen und stark formulierten Argumenten behandelt er weitere Aspekte und nennt als kräftigsten Beweis gegen alle Einwände der Kritiker:
„Freidenker sind tatsächlich zu allen Zeiten die verständigsten und tugendhaftesten Menschen gewesen, wie die folgenden Beispiele zeigen: Sokrates, Platon, Aristoteles, Epikur, Plutarch, Varro, Cato der Zensor, Cicero, Cato von Utica, Seneca, Salomo, jüdische Propheten, Josephus, Origenes, Minucius Felix, Synesius, Lord Bacon, Hobbes, Tillotson.“
Literaturhinweis: Enlightenment & Free-thinkers. Aufklärung in England. John Tolands Briefe an Serena & Pantheistikon. Hrsg. von Heiner Jestrabek, Reutlingen 2015.



