110 Jahre nach der Schlacht an der Somme

Ein – fester – Platz an der Somme

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Beitragsbild: Armin Schreiner

Der verlustreichsten Schlacht im Ersten Weltkrieg wird auch nach 110 Jahren noch jedes Jahr aufs Neue gedacht, von den Alliierten, Briten und Franzosen, Truppenteilen aus aller Welt und Zivilisten, den Nachkommen der Opfer von damals, Veteranen verschiedener neuerer und hochaktueller Kriege. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist auch eine kleine humanistische Delegation aus Deutschland dabei. Armin Schreiner vom Humanistischen Verband Nordrhein-Westfalen berichtet.

Nein, Sie haben sich im Titel nicht ver­le­sen. Auch wenn am ers­ten Juli übli­cher­wei­se die Son­ne scheint, so ist hier wirk­lich die Som­me gemeint, das klei­ne, beschau­li­che Flüss­chen inmit­ten gold­gel­ber Fel­der mit roten Mohn­blu­men im Nor­den Frank­reichs, an dem im Jah­re 1916 eine fürch­ter­li­che Schlacht tob­te und über eine Mil­li­on Men­schen ihr Leben las­sen muss­ten. Neben Eng­län­dern, Wali­sern, Nord­iren, Kana­di­ern und Aus­tra­li­ern, um nur eini­ge zu nen­nen, stand den Fran­zo­sen auch ein schot­ti­sches Sport­ba­tail­lon der „Roy­al Scots“ zur Sei­te, „McCrae’s Bat­tali­on“, das sich im Wesent­li­chen aus den Fuß­ball­clubs Edin­burghs rekru­tier­te – und danach kei­nen Fuß­ball mehr spiel­te. Am 1. Juli 2026 war ich nicht zum ers­ten Mal dabei, bei der Pil­ger­fahrt der Schot­ten zum Ehren­mal in dem Dörf­chen Con­tal­mai­son, wo vor 110 Jah­ren die Front ver­lief, und dies ist mei­ne Geschich­te …

So wie vie­le gute Geschich­ten begin­nen, beginnt auch die­se bei einem Bier. Es ist der Bericht über ein bemer­kens­wer­tes Stück mensch­li­cher Erin­ne­rungs­kul­tur, das Gene­ra­tio­nen ver­bin­det und auch mein eige­nes Den­ken nach­hal­tig geprägt hat, durch den Aus­tausch von Mei­nun­gen genau­so wie durch neue Freund­schaf­ten.

Bild: Armin Schrei­ner

Das ers­te Bier die­ser Geschich­te wur­de in mei­ner Hei­mat­stadt Wit­ten an der Ruhr getrun­ken, als eine Knei­pen­be­kannt­schaft, der schot­ti­sche Sän­ger und Lie­der­ma­cher Craig Her­bert­son, mir von Con­tal­mai­son und dem all­jähr­li­chen Ritu­al erzähl­te. Er wer­de jedes Jahr dort­hin ein­ge­la­den, sag­te er, um eine sei­ner Kom­po­si­tio­nen („Hearts of Glo­ry“) zum Geden­ken an die ermor­de­ten Sol­da­ten vor­zu­tra­gen. Und es wür­de auch mir gefal­len, fuhr er fort, nicht nur wegen der Musik, son­dern auch wegen des Whis­kys, der Bie­re und der vie­len net­ten Men­schen, die ich dort ken­nen­ler­nen könn­te. Nun bin ich kein His­to­ri­ker und erst recht kein Mili­ta­rist, aber mei­ne Neu­gier war geweckt. Im Jah­re 2014 war es dann schließ­lich so weit, ich frag­te mei­nen Vater, einen wasch­ech­ten „Wil­helm“ übri­gens, ob er mich beglei­ten wür­de, und ich frag­te die schot­ti­schen Orga­ni­sa­to­ren, ob eine deut­sche Teil­nah­me an der Fei­er­lich­keit über­haupt gewünscht sei. Die Ant­wort kam schnell und über­zeu­gend: „Nach 100 Jah­ren ist es wohl mehr als an der Zeit, dass von euch hier mal jemand auf­kreuzt!“

Also fuh­ren wir los. Zuvor hat­ten wir einen Kranz aus ech­ten roten Blu­men bestellt, da es bei deut­schen Flo­ris­ten kei­ne künst­li­chen Mohn­blü­ten zu kau­fen gab, wie sie für das bri­ti­sche Welt­kriegs­ge­den­ken typisch sind. Dar­auf die Auf­schrift: „No more War!“ – „Nie wie­der Krieg!“

War es nur unser Ein­druck, oder wur­den wir tat­säch­lich von den Mili­tär­ver­tre­tern der ehe­ma­li­gen Alli­ier­ten – in his­to­ri­schen Uni­for­men – ziem­lich miss­trau­isch beäugt?

Bild: Armin Schrei­ner

Wahr­schein­lich nicht all­zu lan­ge; denn nach der bewe­gen­den Zere­mo­nie hat­ten wir nicht die gerings­ten Pro­ble­me, uns unter die Gäs­te zu mischen und gegen­sei­tig mehr als freund­lich zu beschnup­pern. Im Lau­fe des Nach­mit­tags erfuhr ich auch, dass Ver­tre­ter der UNESCO erwar­tet wur­den, die die Eig­nung von Con­tal­mai­son zur Auf­nah­me in die Lis­te des Welt­kul­tur­er­bes prü­fen woll­ten. Tat­säch­lich fand die schot­ti­sche Gedenk­fei­er dort näm­lich seit 1917 jedes Jahr statt, sogar wäh­rend der Zwei­te Welt­krieg wüte­te – ledig­lich in der Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie 2020 und 2021 soll­ten schot­ti­sche Abge­sand­te letzt­lich feh­len.

Aber zurück in das Jahr 2014: Plötz­lich und ziem­lich laut­stark mar­schier­te zu aller Über­ra­schung eine gro­ße Grup­pe der Hof­mu­si­ker von Köni­gin Eli­sa­beth II – kom­plett mit den klas­si­schen Bären­fell­müt­zen – die abge­le­ge­ne Land­stra­ße hin­un­ter.

Bild: Armin Schrei­ner

Sie war auf der Suche nach Craig, dem Kom­po­nis­ten von „Hearts of Glo­ry“, um ihn um die Erlaub­nis zu bit­ten, das Lied am Ori­gi­nal­schau­platz spie­len zu dür­fen. Erst danach, so gestat­te es die Queen, kön­ne es in das könig­li­che Reper­toire auf­ge­nom­men wer­den.

Zwei Jah­re spä­ter dann, das Mas­sa­ker an der Som­me jähr­te sich zum 100. Mal, soll­te ich die Queen auch per­sön­lich ken­nen­ler­nen – eigent­lich. Sie hat­te sich ange­kün­digt, ließ sich aus gesund­heit­li­chen Grün­den jedoch kurz­fris­tig durch ihren Sohn Charles, den jet­zi­gen bri­ti­schen König, ver­tre­ten. Und auch die­sen traf ich dort nicht, weil er sei­ne offi­zi­el­le Rede am Ehren­mal der „namen­lo­sen“ Toten in Thiep­val, der ehe­ma­li­gen deut­schen Stel­lung, hielt, wäh­rend ich mit einer huma­nis­ti­schen Anspra­che in Con­tal­mai­son bei den Schot­ten im Pro­gramm stand, streng getrennt durch mili­tä­ri­sche Check­points und ein ein­drucks­vol­les fran­zö­si­sches Poli­zei­auf­ge­bot. Tat­säch­lich wur­de ich fort­an gebe­ten, mit einer Rede regel­mä­ßig Teil der schot­ti­schen Fei­er­lich­kei­ten zu sein.

Bild: Armin Schrei­ner

Gan­ze zehn Jah­re sind seit­dem ver­gan­gen, und es gereicht mir noch immer zur Ehre und Freu­de, nicht nur eine deut­sche Per­spek­ti­ve auf das sinn­lo­se Mor­den der Ver­gan­gen­heit zu ver­mit­teln, son­dern stets auch aktu­el­le Krie­ge und Kon­flik­te zu the­ma­ti­sie­ren, ver­bun­den mit dem Auf­ruf, sich an Hass und Men­schen­feind­lich­keit im eige­nen Land nicht zu betei­li­gen. Hier ein Aus­zug aus mei­ner Rede von 2026 in deut­scher Über­set­zung:

„Nach­dem ich bereits im ver­gan­ge­nen Jahr – wie schon seit vier Jah­ren – den Krieg auf ukrai­ni­schem Gebiet ange­spro­chen habe, gibt es nun noch einen wei­te­ren Krieg, des­sen Opfer zu bekla­gen sind: den Krieg im Iran. Mit wach­sen­der Trau­er wer­de ich zuneh­mend ver­zwei­fel­ter, wenn ich heu­te erneut den Nobel­preis­trä­ger Wil­liam Faul­k­ner zitie­re: ‚Das Ver­gan­ge­ne ist nicht tot; es ist nicht ein­mal ver­gan­gen.‘

In die­sem Jahr, genau 110 Jah­re nach der berüch­tigts­ten Schlacht des Ers­ten Welt­kriegs, ‚des Kriegs, der alle Krie­ge been­den soll­te‘, sehen wir uns mit noch mehr Krie­gen kon­fron­tiert, nicht etwa weni­ger, die in ver­schie­de­nen Tei­len der Welt erbit­tert aus­ge­foch­ten wer­den. Vie­le Men­schen ver­lie­ren noch immer ihr Leben, genau wie damals an der Som­me 1916, wie­der ein­mal aus­ge­löst durch ego­is­ti­sche Aggres­si­on, wie schon so oft zuvor, im Namen eines Prä­si­den­ten, eines Lan­des, einer Reli­gi­on oder eines wirt­schaft­li­chen Anspruchs – was auch immer!

Als Deut­scher weiß ich, was es bedeu­tet, eine his­to­ri­sche Last zu tra­gen, und ich befürch­te, dass wie­der dunk­le Zei­ten vor uns lie­gen könn­ten, getra­gen von der Gedan­ken­lo­sig­keit der Bür­ger und aus­ge­nutzt von skru­pel­lo­sen Popu­lis­ten. Des­halb möch­te ich Sie alle noch ein­mal an ein wei­te­res berühm­tes Zitat erin­nern, und zwar an das des Phi­lo­so­phen Geor­ge San­ta­ya­na: ‚Wer sich sei­ner Ver­gan­gen­heit nicht erin­nert, ist dazu ver­dammt, sie zu wie­der­ho­len.‘

Glück­li­cher­wei­se sind wir alle hier, um uns an die Ver­gan­gen­heit zu erin­nern!“

Erin­nern bedeu­tet für mich dabei aller­dings deut­lich mehr. Geleb­te Erin­ne­rungs­kul­tur ist untrenn­bar ver­bun­den mit dem Erwerb von Wis­sen über die Zeit und die Lebens­um­stän­de ande­rer Men­schen. Von daher ist die jähr­li­che Fahrt nach Frank­reich immer auch eine Bil­dungs­rei­se, die – und das gilt für die schot­ti­schen Pil­ger glei­cher­ma­ßen – ergänzt wird durch den Besuch von Kriegs­grä­bern, authen­ti­schen Schlacht­fel­dern, Muse­en und den Recher­chen mit­ge­reis­ter His­to­ri­ker.

Und das muss kei­ne so „kno­chen­tro­cke­ne“ Ver­an­stal­tung sein, wie es sich jetzt viel­leicht liest. Unter­des­sen mun­kelt so man­cher Schot­te, dass sogar Deut­sche, was bis­her undenk­bar schien, einen gewis­sen Sinn für Humor haben könn­ten. Dar­an bin ich mög­li­cher­wei­se nicht ganz unbe­tei­ligt. Jeden­falls gibt es nun ein Band, das Band der Freund­schaft, das nicht nur mich immer wie­der nach Con­tal­mai­son zurück­keh­ren ließ, son­dern das im Gegen­zug dafür sorg­te, dass auch die Schot­ten auf jeder Rei­se min­des­tens eins der deut­schen Grä­ber­fel­der besu­chen. Was mich betrifft, so wur­de ich in die­sem Jahr als Mit­glied auf Lebens­zeit in den „McCrae’s Bat­tali­on Trust“ auf­ge­nom­men und den­ke somit, dass ich noch die eine oder ande­re Rede vor mir habe. Aber auch ganz grund­sätz­lich scheint das Geden­ken an den Ers­ten Welt­krieg kei­nes­falls zu erlö­schen, im Gegen­teil. Erst in die­sem Jahr noch radel­te ein jun­ger Mann die gesam­te Stre­cke von der schot­ti­schen Haupt­stadt nach Con­tal­mai­son, um wei­te­re För­der­gel­der für den Aus­bau des Ehren­mals ein­zu­wer­ben.

Bild: Armin Schrei­ner

Es gäbe so viel zu erzäh­len, so vie­le Geschich­ten, alte natür­lich und trau­ri­ge, aber auch lus­ti­ge, dass die­ser Platz hier nicht aus­reicht, um sie alle zu erzäh­len. Von daher fürch­te ich, dass Sie war­ten müs­sen, bis Sie mich irgend­wo in einer Knei­pe tref­fen, viel­leicht im nächs­ten Jahr an der Som­me; denn – wie Sie wis­sen – begin­nen vie­le gute Geschich­ten bei einem Bier …

„No more War!“ – „Nie wie­der Krieg!“

steht noch immer auf dem Kranz von uns Deut­schen, der nun auch aus den sinn­bild­li­chen Mohn­blü­ten besteht.

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