Vor nicht allzu langer Zeit war die Möglichkeit, öffentlich die eigene Meinung zu äußern, durch allgegenwärtige Filter kontrolliert – man könnte auch sagen: durch Zensur. Leserbriefe wurden von der Redaktion ausgewählt, Zeitungsartikel von Journalist*innen geschrieben, ausgewählt und redigiert, ebenso wie Rundfunk- oder Fernsehbeiträge. Ungefilterte öffentliche Meinungsäußerung war so exotischen Orten wie der „Speakers’ Corner“ in London vorbehalten und diente eher der Belustigung als dem öffentlichen Diskurs. Alles andere musste erst durch eine Redaktion.
Heute können alle ungehindert, unkontrolliert und jederzeit eigene Ansichten weltweit verbreiten – noch dazu anonym: in sozialen Netzwerken, per E‑Mail, auf der eigenen Website, in Foren. Trotzdem kommt gerade jetzt der Vorwurf auf, die Meinungsfreiheit werde eingeschränkt. Mir scheinen hier zwei Dinge verwechselt zu werden:
- Die Möglichkeit, eine Meinung zu äußern, darf nicht damit verwechselt werden, dass sie auch gehört – und schon gar nicht, dass ihr zugestimmt wird.
- Die Möglichkeit zur Meinungsäußerung birgt und barg schon immer die Gefahr, dafür sanktioniert zu werden – sozial, wirtschaftlich oder juristisch.
Wer Nachbar*innen beschimpft, darf sich nicht wundern, wenn er*sie nicht zu deren Geburtstag eingeladen wird – selbst wenn er*sie recht hat. Wer eine fremde Person beleidigt, muss mit einer Bestrafung rechnen, weil das verboten war und ist. Wer im Bekanntenkreis über die eigene Führungskraft herzieht, darf sich nicht über eine ausbleibende Beförderung wundern, falls diese davon erfährt. Und wer sich politisch äußert, kann dafür bei Freund*innen, Verwandten und Bekannten in Ungnade fallen, selbst wenn es sich um eine harmlose, überhaupt nicht strafbare und politisch sogar erwünschte Meinung handelt. Deshalb gilt es in vielen Kontexten als klug, Religion und Politik als Gesprächsthemen zu meiden und stattdessen über das Wetter oder die neueste Mode zu sprechen. War und ist die Meinungsfreiheit deshalb eingeschränkt? Nein – und ja. Die eigene Meinung äußern konnte man immer, folgenlos war das aber noch nie.
Freiheit bedeutet Verantwortung
Was also hat sich geändert? Viele Menschen haben es zu Recht als Befreiung empfunden, endlich ungehindert und ungefiltert über das Internet ihre – schon immer richtigen – Ansichten verbreiten zu können. Doch sie waren sich nie des Risikos bewusst, dass sie dabei eingehen: Hinterher können sie wahlweise als Idiot*innen, Spinner*innen, Extremist*innen oder Straftäter*innen dastehen, je nachdem, was sie von sich gegeben haben. Und keine Redaktion schützt sie mehr vor sozialen oder strafrechtlichen Konsequenzen, indem sie den Beitrag vor der Veröffentlichung prüft, zur Überarbeitung zurückgibt oder ablehnt. Sartre würde sagen, sie seien „in die Freiheit geworfen“. Freiheit aber bedeutet eben auch Verantwortung.
Fake News als Folge fehlender Verantwortlichkeit
Hier schließt sich der Kreis zu Fake News, Hate Speech und Deepfakes. Sie entstehen gerade dadurch, dass sie nicht nach journalistischen Grundsätzen geprüft werden, sondern an jedem Filter vorbei die Öffentlichkeit erreichen. Umso wichtiger wäre es, dass eine namentlich bekannte Person dafür geradesteht und zur Verantwortung gezogen werden kann.
Jede Zeitung, jede Website braucht ein Impressum, jedes Flugblatt ein V.i.S.d.P., jeder Leserbrief eine*n Absender*in mit Adresse – warum sind ausgerechnet im Internet anonyme Kanäle und Absender*innen erlaubt? Strafbare Äußerungen juristisch zu ahnden oder Urheber*innen unbedachter, falscher oder manipulativer Äußerungen sozial zu sanktionieren – in der analogen Welt ein sinnvolles und wirksames Regulativ – wird im Internet damit praktisch unmöglich. Gleichzeitig schürt das die Erwartung, jeden beliebigen Unsinn ungestraft in die Welt setzen und jede Konsequenz daraus als Einschränkung der Meinungsfreiheit darstellen zu können. Hier herrscht tatsächlich der Wilde Westen – und die Gesetzlosen zeigen auf den Sheriff als Spielverderber.
Alle Informationen gleich unsicher?
Eine weitere Folge ist die Vorstellung, alle Informationen seien gleich unsicher. Inhalte von Zeitungen, des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und von Politiker*innen werden auf dieselbe Stufe wie ungeprüfte oder bewusst manipulative Äußerungen gestellt – und damit delegitimiert. Klassische Kommunikationskanäle sind zwar weder neutral noch immer korrekt. Trotzdem macht es einen Unterschied, ob eine Redaktion oder ein*e Politiker*in eine Veröffentlichung verantwortet – nicht umsonst lassen die vorher Jurist*innen darüber sehen – oder eine anonyme Gerüchtequelle im Internet. Die eigentliche Gefahr besteht weniger darin, dass anonymen Quellen geglaubt wird, sondern dass niemandem mehr geglaubt wird, weil es angeblich „sowieso keine verlässlichen Informationen mehr gibt“.
Ein digitaler Ausweis als Lösung?
Es sollte zum Standard werden, dass man nur mit einem digitalen Ausweis im Internet etwas verbreiten kann. Das würde viele dazu bringen, noch einmal nachzudenken, bevor sie auf „Senden“ drücken. Es würde die Verfolgung strafbarer Inhalte ermöglichen, auch wenn diese dadurch nicht verschwinden würden. Und es würde die Qualität des Internets insgesamt steigern, wenn sich alle der eigenen Verantwortung für das, was sie verbreiten, bewusster wären. Gäbe es dazu noch ein öffentlich-rechtliches soziales Netzwerk – gebaut ohne die kommerzialisierten Suchtfaktoren privatwirtschaftlicher Plattformen –, könnte damit sogar ein Verbot sozialer Medien für Jugendliche überflüssig werden.
Verantwortung als Kern der Freiheit
Der Kern jeder gesellschaftlichen Ordnung ist die Verantwortung der Einzelnen für ihr Handeln. Wird dies, wie derzeit im Internet, dauerhaft ignoriert, sind Entgleisungen, Verrohung und Gesetzlosigkeit die erwartbaren Folgen. Hier ist politisches Handeln gefragt.
Wem können wir im Zeitalter von Deepfakes, Künstlicher Intelligenz und gezielter Desinformation noch glauben? Die Humanistische Akademie Deutschland lädt am 28. und 29. November 2026 zu ihrer nächsten Fachkonferenz nach Dortmund ein. Zum Save-the-date



