World Humanist Congress 2026

„Die Geschichte der Freiheit ist eine Geschichte des Widerstands“

| von

Beitragsbild: Clay Banks/unsplash

Menschenrechte sind kein historischer Besitzstand. Sie sind eine Entscheidung, die jede Generation neu treffen muss. Beim Humanist World Congress in Ottawa sprach Francesca Klug darüber, weshalb Widerstand heute wieder zu einem Schlüsselbegriff der Menschenrechtspolitik werden muss.

Beim World Huma­nist Con­gress in Otta­wa erin­nert die bri­ti­sche Men­schen­rechts­exper­tin Fran­ce­s­ca Klug dar­an, dass die inter­na­tio­na­le Men­schen­rechts­ord­nung nicht für gute Zei­ten geschaf­fen wur­de. Gera­de dort, wo demo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen, uni­ver­sel­le Rech­te und die Idee einer gemein­sa­men Mensch­lich­keit unter Druck gera­ten, müs­se sich zei­gen, ob wir bereit sind, sie zu ver­tei­di­gen.

„The histo­ry of liber­ty is a histo­ry of resis­tance“ – die Geschich­te der Frei­heit sei eine Geschich­te des Wider­stands. Mit die­sem Gedan­ken spann­te Fran­ce­s­ca Klug beim Huma­nist World Con­gress in Otta­wa einen wei­ten Bogen: von den Frei­heits­ideen der Auf­klä­rung über die All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te von 1948 bis zu den gegen­wär­ti­gen Angrif­fen auf Men­schen­rech­te, Rechts­staat­lich­keit und inter­na­tio­na­le Insti­tu­tio­nen.

Klug weiß, wovon sie spricht: Die Pro­fes­so­rin ist Visi­ting Pro­fes­sor bei LSE Human Rights und eine der pro­fi­lier­tes­ten bri­ti­schen Exper­tin­nen für Men­schen­rech­te und Ver­fas­sungs­recht. 15 Jah­re lang lei­te­te sie dort das Human Rights Futures Pro­ject, beriet die bri­ti­sche Regie­rung bei der Ein­füh­rung des Human Rights Act von 1998 und war Grün­dungs­kom­mis­sa­rin der bri­ti­schen Equa­li­ty and Human Rights Com­mis­si­on.

In Otta­wa sprach sie über „Human Rights as Resis­tance“ – und dar­über, wes­halb Wider­stand heu­te wie­der zu einem Schlüs­sel­be­griff der Men­schen­rechts­po­li­tik wer­den muss. Huma­nis­mus und Men­schen­rech­te – ver­wandt, aber nicht iden­tisch. Zwi­schen Huma­nis­mus- und Men­schen­rechts-Poli­tik sieht Klug eine enge his­to­ri­sche und nor­ma­ti­ve Ver­bin­dung. Bei­de gehen von der Wür­de des Men­schen, von Ver­nunft und von der Gleich­wer­tig­keit aller Men­schen aus. Den­noch sei­en die­se ‚Pro­jek­te‘ nicht iden­tisch. Wäh­rend der Huma­nis­mus eine inter­na­tio­na­le Bewe­gung sei, die sich auf gemein­sa­me Ideen und Wer­te bezie­he, sei­en Men­schen­rech­te zunächst ein Sys­tem ethi­scher Prin­zi­pi­en, die recht­li­che Gestalt anneh­men kön­nen. Und genau hier sieht Klug eine Auf­ga­be für Huma­nis­tin­nen und Huma­nis­ten: Men­schen­rech­te brau­chen Men­schen, die für sie ein­tre­ten. Denn die All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te von 1948 war nie nur als juris­ti­scher Text gedacht. Ihre Prä­am­bel rich­tet sich aus­drück­lich nicht allein an Staa­ten, son­dern auch an jeden ein­zel­nen Men­schen. Rech­te und Frei­hei­ten sol­len durch Bil­dung, Auf­klä­rung und gesell­schaft­li­ches Han­deln geför­dert wer­den. Wider­stand gegen ihre Aus­höh­lung, so Klugs Argu­ment, ist damit gewis­ser­ma­ßen bereits in die DNA der Men­schen­rechts­er­klä­rung ein­ge­schrie­ben. Ihre fun­da­men­ta­le Bot­schaft: Wir alle gehö­ren zu einer Mensch­heits­fa­mi­lie.

Bemer­kens­wert ist dabei der huma­nis­ti­sche Ein­fluss auf die Ent­ste­hung der moder­nen Men­schen­rechts­ord­nung. Klug erin­ner­te an Per­sön­lich­kei­ten wie H. G. Wells und Juli­an Hux­ley sowie an erklär­te Huma­nis­tin­nen und Huma­nis­ten unter den Betei­lig­ten an der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te. Anders als frü­he­re Men­schen­rechts­er­klä­run­gen ver­zich­te­te die Erklä­rung von 1948 dar­auf, Rech­te aus Gott, Reli­gi­on oder einer über­na­tür­li­chen Ord­nung her­zu­lei­ten. Statt­des­sen beginnt sie bei der Wür­de und dem glei­chen Wert jedes Men­schen, bei Ver­nunft und Gewis­sen und bei der Vor­stel­lung, dass alle Men­schen einer gemein­sa­men Mensch­heits­fa­mi­lie ange­hö­ren. Das klingt heu­te ver­traut. 1948 aber war es – nach Natio­nal­so­zia­lis­mus, Holo­caust und Welt­krieg – eine gera­de­zu radi­ka­le Aus­sa­ge. Zugleich, so Klug, kor­ri­gier­te die Erklä­rung eine bis heu­te ver­brei­te­te Kari­ka­tur der Men­schen­rech­te: Men­schen­rech­te bedeu­ten nicht, dass iso­lier­te Indi­vi­du­en schran­ken­los ihre eige­nen Inter­es­sen ver­fol­gen kön­nen. Die Erklä­rung betont aus­drück­lich auch unse­re Ver­bun­den­heit und unse­re Ver­ant­wor­tung gegen­über der Gemein­schaft. Bür­ger­li­che und poli­ti­sche Rech­te ste­hen des­halb neben wirt­schaft­li­chen, sozia­len und kul­tu­rel­len Rech­ten. Frei­heit allein genügt nicht, wenn Men­schen nicht über die Vor­aus­set­zun­gen ver­fü­gen, sie tat­säch­lich zu leben.

Was geschieht, wenn der Fortschritt seine Richtung ändert?

Ein sehr beein­dru­cken­der Teil von Klugs Rede war ihre Dia­gno­se der Gegen­wart. Die Men­schen­rechts­ord­nung, die in den ver­gan­ge­nen 80 Jah­ren auf­ge­baut wur­de, sei kei­nes­wegs unum­kehr­bar. Klug beschrieb eine Ent­wick­lung, in der wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se und Exper­ti­se an Auto­ri­tät ver­lie­ren, Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen durch sozia­le Medi­en ver­stärkt wer­den, christ­li­cher Natio­na­lis­mus und eth­no­na­tio­na­lis­ti­sche Iden­ti­täts­vor­stel­lun­gen erstar­ken und inter­na­tio­na­le Insti­tu­tio­nen zuneh­mend infra­ge gestellt wer­den. Men­schen­rechts­kon­ven­tio­nen, Flücht­lings­schutz, inter­na­tio­na­le Gerich­te und selbst die Regeln des huma­ni­tä­ren Völ­ker­rechts gera­ten unter Druck. Beson­ders beun­ru­hi­gend sei, dass die­se Angrif­fe längst nicht mehr nur von auto­ri­tä­ren Regi­men aus­ge­hen. Auch demo­kra­tisch gewähl­te Regie­run­gen und poli­ti­sche Bewe­gun­gen stel­len Insti­tu­tio­nen infra­ge, die Mehr­hei­ten begren­zen und Min­der­hei­ten schüt­zen sol­len. Damit stellt sich eine unbe­que­me Fra­ge: Was pas­siert, wenn sich der berühm­te „arc of the moral uni­ver­se“, der lan­ge Bogen hin zur Gerech­tig­keit, plötz­lich in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung bewegt? Klugs Ant­wort ist eben­so ein­fach wie anspruchs­voll: Dann müs­sen wir wider­ste­hen. Nicht zurück in eine Welt ohne gemein­sa­me Regeln. Dabei geht es nicht dar­um, die bestehen­de Men­schen­rechts­ord­nung zu idea­li­sie­ren. Klug spricht aus­drück­lich von ihrer Wider­sprüch­lich­keit, von Dop­pel­stan­dards und von nicht ein­ge­lös­ten Ver­spre­chen – ins­be­son­de­re gegen­über Men­schen und Gesell­schaf­ten des Glo­ba­len Südens. Doch ihre his­to­ri­sche Per­spek­ti­ve macht deut­lich, was auf dem Spiel steht: Vor 1948 exis­tier­ten prak­tisch kei­ne wirk­sa­men inter­na­tio­na­len Regeln dafür, wie Staa­ten ihre eige­nen Bür­ge­rin­nen und Bür­ger behan­deln durf­ten. Begrif­fe und Stan­dards, die uns heu­te selbst­ver­ständ­lich erschei­nen – Geno­zid, Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit, Fol­ter­ver­bo­te oder das Recht auf ein fai­res Ver­fah­ren –, muss­ten erst geschaf­fen und inter­na­tio­nal ver­an­kert wer­den. Men­schen haben die­se Ord­nung auf­ge­baut. Men­schen kön­nen sie auch wie­der zer­stö­ren. Wider­stand muss klug sein.

Wie aber kann Widerstand aussehen?

Klug nennt drei Vor­aus­set­zun­gen. Ers­tens müs­se die Men­schen­rechts­be­we­gung wie­der stär­ker vom Men­schen her den­ken. Men­schen­rech­te dürf­ten nicht als abs­trak­tes juris­ti­sches Spe­zi­al­ge­biet erschei­nen. Sie müss­ten mit den Erfah­run­gen der­je­ni­gen ver­bun­den wer­den, die von ihnen pro­fi­tie­ren – gera­de auch der­je­ni­gen, deren sozia­le und wirt­schaft­li­che Rech­te bis­lang nicht ein­ge­löst wur­den.

Zwei­tens brau­che glaub­wür­di­ger Wider­stand mora­li­sche Kon­sis­tenz. Men­schen­rech­te gel­ten nicht nur für Men­schen, deren Über­zeu­gun­gen wir tei­len. Wer Uni­ver­sa­li­tät bean­sprucht, muss sie auch gegen­über Anders­den­ken­den gel­ten las­sen. Ver­nunft und Empa­thie, so Klug, blei­ben dafür ent­schei­dend.

Und drit­tens darf Wider­stand nicht nur Abwehr sein. Er muss Hoff­nung anbie­ten. Eine Men­schen­rechts­be­we­gung, die ledig­lich bewah­ren will, was in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten erreicht wur­de, wird die kom­men­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen kaum gewin­nen. Kli­ma­kri­se, künst­li­che Intel­li­genz, unre­gu­lier­te sozia­le Medi­en, Des­in­for­ma­ti­on und eine poli­ti­sche Kul­tur, in der die Gren­ze zwi­schen Wahr­heit und Lüge zuneh­mend ver­wischt: Eine erneu­er­te Men­schen­rechts­po­li­tik müs­se Ant­wor­ten auf die Welt geben, die gera­de ent­steht – nicht allein die Welt ver­tei­di­gen, die wir kann­ten.

„Resistance begins within“

Am Ende führt Klug ihren Gedan­ken zurück zum Huma­nis­mus. Sie erin­nert an Albert Ein­stein, Huma­nist und Flücht­ling vor dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land, der bereits in den 1930er-Jah­ren zum Wider­stand gegen die Ero­si­on von Rech­ten und Frei­hei­ten auf­rief. Die Gene­ra­ti­on, die nach 1945 die moder­ne Men­schen­rechts­ord­nung schuf, habe ihre Regeln nicht for­mu­liert, um die Ver­gan­gen­heit zu besie­gen. Die Ver­gan­gen­heit war bereits gesche­hen. Sie schuf sie für die Zukunft – für genau jene Momen­te, in denen Gesell­schaf­ten wie­der zu ver­ges­sen begin­nen, wes­halb die­se Regeln not­wen­dig gewor­den waren.

Eine Bot­schaft aus Otta­wa: Men­schen­rech­te sind kein his­to­ri­scher Besitz­stand. Sie sind eine Ent­schei­dung, die jede Gene­ra­ti­on neu tref­fen muss. Wir kön­nen zuse­hen, wie ihre uni­ver­sel­le Idee Stück für Stück an Bedeu­tung ver­liert. Oder wir kön­nen sie ver­tei­di­gen, wei­ter­ent­wi­ckeln und für eine ver­än­der­te Welt neu mit Leben fül­len. Still­ste­hen, so Fran­ce­s­ca Klug, ist kei­ne Opti­on (mehr).

Inhalt teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen