Mensch sein

Die notwendige Rehabilitation des unsichtbaren Freundes

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Die Hoffotografen

Beitragsbild: XIBEI JIA/unsplash

Der „unsichtbare Freund“ gehört zu den beliebtesten Spottfiguren der Religionskritik. Doch der Spott trifft weniger den Glauben als eine zutiefst menschliche Fähigkeit: Wir können Gespräche mit Menschen führen, die nur innerlich anwesend sind.

Im Super­markt. Eine Frau steht vor dem Regal, die Mar­me­la­de in der Hand. Plötz­lich stellt sie das Glas zurück. Nicht weil ihr eine ande­re Frucht bes­ser schmeckt, son­dern weil sie ihre Mut­ter sagen hört: „Bit­te kein Food-Was­te. Erst die alte Mar­me­la­de auf­brau­chen!“ Dabei ist ihre Mut­ter seit Jah­ren nicht mehr am Leben.

Im Büro. Ein Mann steht vor einer schwie­ri­gen Ent­schei­dung. Was hät­te sein alter Men­tor ihm gera­ten, wäre er noch hier? Er schließt die Augen und fragt stumm: „Was wür­dest du machen, wärst du in mei­ner Situa­ti­on?“

Auf dem Fried­hof. Eine Frau besucht das Grab ihres Part­ners, legt Blu­men auf die Erde und erzählt ihm von ihrem Tag.

Wohl nie­mand hiel­te die­se Men­schen für ver­rückt. Patho­lo­gisch ist dar­an zunächst nichts – solan­ge inne­re und äuße­re Wirk­lich­keit unter­scheid­bar blei­ben und das Erle­ben nicht erheb­li­chen Lei­dens­druck ver­ur­sacht oder die all­täg­li­che Lebens­füh­rung mas­siv beein­träch­tigt.

Ein Gehirn, viele Menschen

Wir tra­gen ande­re in uns: ihre Stim­men, Wor­te, Ges­ten, ihre Bli­cke, die Art, wie sie sich beweg­ten. Psy­cho­lo­gie und Neu­ro­wis­sen­schaft spre­chen von inne­ren Reprä­sen­tan­zen: Unser Gehirn bil­det men­ta­le Model­le wich­ti­ger Bezugs­per­so­nen, die ver­füg­bar blei­ben, auch wenn die­se nicht anwe­send sind.

Der Mensch ist, könn­te man sagen, vol­ler Men­schen.

Wir wer­den so sehr durch Bezie­hun­gen geprägt, dass sie mit­be­stim­men, wer wir sind und wie wir im Leben ste­hen. War­um also über den „unsicht­ba­ren Freund“ spot­ten, sobald es um Reli­gi­on geht?

Der erwart­ba­re reli­gi­ons­kri­ti­sche Ein­wand: Zum unsicht­ba­ren Freund wird gebe­tet – in der Über­zeu­gung, dass tat­säch­lich jemand zuhört.

Die­ser Unter­schied ist real. Huma­nis­tisch gesinn­te Men­schen kön­nen bezwei­feln, dass dort jemand ist, und das Gesche­hen als Selbst­ge­spräch deu­ten. Doch damit ist über den Cha­rak­ter die­ses Gesprächs wenig gesagt.

Wir spre­chen, obwohl unser Gegen­über nicht im Raum ist. Wir for­mu­lie­ren Angst und Hoff­nung, Dank­bar­keit und Schuld – und rich­ten sie manch­mal an ein inner­lich gegen­wär­ti­ges Gegen­über. Dabei kann sich etwas ver­än­dern. Ein Gedan­ke ord­net sich, eine neue Per­spek­ti­ve ent­steht, Trost stellt sich ein. Gele­gent­lich sogar eine Ant­wort.

Auch das Selbst­ge­spräch hat kei­nen guten Ruf. Dabei ist es eine all­täg­li­che Form mensch­li­chen Den­kens und kei­nes­wegs per se son­der­bar. Wir beru­hi­gen uns, stel­len Fra­gen und geben uns Ant­wor­ten – nicht sel­ten mit den Stim­men jener Men­schen, die wir in uns tra­gen.

Auch die Psy­cho­the­ra­pie nutzt die­ses Ver­mö­gen längst: mit lee­ren Stüh­len, inne­ren Antei­len, ima­gi­nä­ren Hel­fern oder Ver­stor­be­nen. Nicht weil das Gegen­über im Zim­mer säße, son­dern weil ein inne­rer Dia­log rea­le Wir­kun­gen ent­fal­ten kann.

Menschen sind Beziehungswesen

Das Pro­blem liegt nicht dar­in, mit einem unsicht­ba­ren Freund zu spre­chen. Pro­ble­ma­tisch wird es vor allem dort, wo aus dem Erle­ben eines Gegen­übers eine unhin­ter­frag­ba­re Gewiss­heit über des­sen Exis­tenz wird, die auch für ande­re Men­schen Gel­tung bean­sprucht.

Die zen­tra­le Erkennt­nis, auf die der „unsicht­ba­re Freund“ ver­weist, ist: Men­schen sind Bezie­hungs­we­sen. Wir den­ken, füh­len und erin­nern nicht als abge­schlos­se­ne Ein­zel­ne. Ande­re Men­schen leben in unse­rer inne­ren Welt fort und wer­den zu einem Teil des­sen, was wir selbst sind.

Des­halb ist der unsicht­ba­re Freund huma­nis­tisch zu reha­bi­li­tie­ren – eben­so wie das Selbst­ge­spräch.

Bei­des ver­weist auf etwas zutiefst Mensch­li­ches: Wir den­ken in Bezie­hun­gen – selbst dann, wenn nie­mand im Zim­mer ist.

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