Im Supermarkt. Eine Frau steht vor dem Regal, die Marmelade in der Hand. Plötzlich stellt sie das Glas zurück. Nicht weil ihr eine andere Frucht besser schmeckt, sondern weil sie ihre Mutter sagen hört: „Bitte kein Food-Waste. Erst die alte Marmelade aufbrauchen!“ Dabei ist ihre Mutter seit Jahren nicht mehr am Leben.
Im Büro. Ein Mann steht vor einer schwierigen Entscheidung. Was hätte sein alter Mentor ihm geraten, wäre er noch hier? Er schließt die Augen und fragt stumm: „Was würdest du machen, wärst du in meiner Situation?“
Auf dem Friedhof. Eine Frau besucht das Grab ihres Partners, legt Blumen auf die Erde und erzählt ihm von ihrem Tag.
Wohl niemand hielte diese Menschen für verrückt. Pathologisch ist daran zunächst nichts – solange innere und äußere Wirklichkeit unterscheidbar bleiben und das Erleben nicht erheblichen Leidensdruck verursacht oder die alltägliche Lebensführung massiv beeinträchtigt.
Ein Gehirn, viele Menschen
Wir tragen andere in uns: ihre Stimmen, Worte, Gesten, ihre Blicke, die Art, wie sie sich bewegten. Psychologie und Neurowissenschaft sprechen von inneren Repräsentanzen: Unser Gehirn bildet mentale Modelle wichtiger Bezugspersonen, die verfügbar bleiben, auch wenn diese nicht anwesend sind.
Der Mensch ist, könnte man sagen, voller Menschen.
Wir werden so sehr durch Beziehungen geprägt, dass sie mitbestimmen, wer wir sind und wie wir im Leben stehen. Warum also über den „unsichtbaren Freund“ spotten, sobald es um Religion geht?
Der erwartbare religionskritische Einwand: Zum unsichtbaren Freund wird gebetet – in der Überzeugung, dass tatsächlich jemand zuhört.
Dieser Unterschied ist real. Humanistisch gesinnte Menschen können bezweifeln, dass dort jemand ist, und das Geschehen als Selbstgespräch deuten. Doch damit ist über den Charakter dieses Gesprächs wenig gesagt.
Wir sprechen, obwohl unser Gegenüber nicht im Raum ist. Wir formulieren Angst und Hoffnung, Dankbarkeit und Schuld – und richten sie manchmal an ein innerlich gegenwärtiges Gegenüber. Dabei kann sich etwas verändern. Ein Gedanke ordnet sich, eine neue Perspektive entsteht, Trost stellt sich ein. Gelegentlich sogar eine Antwort.
Auch das Selbstgespräch hat keinen guten Ruf. Dabei ist es eine alltägliche Form menschlichen Denkens und keineswegs per se sonderbar. Wir beruhigen uns, stellen Fragen und geben uns Antworten – nicht selten mit den Stimmen jener Menschen, die wir in uns tragen.
Auch die Psychotherapie nutzt dieses Vermögen längst: mit leeren Stühlen, inneren Anteilen, imaginären Helfern oder Verstorbenen. Nicht weil das Gegenüber im Zimmer säße, sondern weil ein innerer Dialog reale Wirkungen entfalten kann.
Menschen sind Beziehungswesen
Das Problem liegt nicht darin, mit einem unsichtbaren Freund zu sprechen. Problematisch wird es vor allem dort, wo aus dem Erleben eines Gegenübers eine unhinterfragbare Gewissheit über dessen Existenz wird, die auch für andere Menschen Geltung beansprucht.
Die zentrale Erkenntnis, auf die der „unsichtbare Freund“ verweist, ist: Menschen sind Beziehungswesen. Wir denken, fühlen und erinnern nicht als abgeschlossene Einzelne. Andere Menschen leben in unserer inneren Welt fort und werden zu einem Teil dessen, was wir selbst sind.
Deshalb ist der unsichtbare Freund humanistisch zu rehabilitieren – ebenso wie das Selbstgespräch.
Beides verweist auf etwas zutiefst Menschliches: Wir denken in Beziehungen – selbst dann, wenn niemand im Zimmer ist.



