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Rückblick auf den Humanistentag 2019

„Humanisten für Menschenrechte und Toleranz“

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Deutscher Humanistentag Hamburg 2019.
Deutscher Humanistentag Hamburg 2019.

Beitragsbild: Evelin Frerk

Vom 5. bis zum 8. September 2019 trafen sich beim Deutschen Humanistentag 2019 (DHT 2019) in Hamburg interessierte säkulare Menschen, Vertreter*innen aller größeren säkularen Organisationen sowie Gäste anderer europäischer Länder. An den vier Tagen gab es zahlreiche Gelegenheiten zum Austausch zu wichtigen humanistischen Fragestellungen. Das thematisch vielfältige Programm bestand aus Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops und wurde ergänzt u.a. durch Exkursionen, Theaterstücke und einen Science Slam. Aufgrund der Vielfalt der Themen sollen in diesem Rückblick nur einige Schlaglichter aufgeführt werden.

Eröff­net wur­de der DHT 2019 am Don­ners­tag­abend, 5. Sep­tem­ber, im Rei­ma­rus-Saal im Haus der Patrio­ti­schen Gesell­schaft. Das klei­ne welt­an­schau­ungs­po­li­ti­sche Thea­ter­stück „Auf­ge­klärt?!“ mach­te den Auf­takt, dar­auf folg­te ein Streit­ge­spräch zwi­schen Prof. Dr. Wer­ner Zager (Evan­ge­li­sche Erwach­se­nen­bil­dung Worms-Won­ne­gau) und Dr. Micha­el Schmidt-Salo­mon (Vor­stands­spre­cher der Giord­a­no-Bru­no Stif­tung) zum The­ma „Der neue Athe­is­mus“. Anschlie­ßend wur­de in einer phi­lo­so­phi­schen Gesprächs­run­de der gegen­wär­ti­ge Popu­lis­mus und die Fra­ge „Wer ist das Volk?“ erör­tert. Das Abend­pro­gramm ende­te mit dem huma­nis­ti­schen Thea­ter­stück „Kris­ti­na und Des­car­tes“ von Josh Gold­berg.

Humanistische Vielfalt als Trumpf

Am Frei­tag, dem 6. Sep­tem­ber, wur­de das Pro­gramm auf zwei Ver­an­stal­tungs­räu­me aus­ge­wei­tet. Bei der Podi­ums­dis­kus­si­on „Orga­ni­sier­ter Huma­nis­mus?“ wur­de über die Per­spek­ti­ven säku­la­rer Gemein­schaf­ten dis­ku­tiert. „Säku­la­re sind indi­vi­du­ell. Das muss man erken­nen und akzep­tie­ren“, sag­te Rai­ner Rosen­zweig (KORSO). Es gebe eine brei­te Dis­kus­si­on im säku­la­ren Spek­trum – wich­tig sei es, dort mit einer kla­ren Stim­me zu spre­chen, wo es Schnitt­men­gen gebe. Wer­ner Schultz (HVD) erklär­te, auch inner­halb säku­la­rer Orga­ni­sa­tio­nen wie dem Huma­nis­ti­schen Ver­bands Deutsch­lands gebe es „eine Men­ge Dis­kus­sio­nen“, die­se Wider­sprü­che müs­se man jedoch aus­hal­ten. Dr. Sven Speer (Forum Offe­ne Reli­gi­ons­po­li­tik) ergänz­te, es sei wich­tig, Alli­an­zen zu schlie­ßen und auf Augen­hö­he mit­ein­an­der zu spre­chen, um Kon­fes­si­ons­freie vor der Poli­tik reprä­sen­tie­ren zu kön­nen. Mode­ra­tor Hel­mut Fink schloss mit dem Fazit: „Es kommt dar­auf an, in Schlüs­sel­fra­gen Posi­ti­on zu bezie­hen.“

Ingrid Mat­thä­us-Mai­er, ehe­ma­li­ge MdB, the­ma­ti­sier­te im Anschluss den Kom­plex „Men­schen­rech­te oder Kir­chen­rech­te“ und zeig­te anhand sehr kon­kre­ter Fall­bei­spie­le auf, wo die Pri­vi­le­gi­en und Son­der­rech­te der Kir­chen das Pri­vat­le­ben und das Selbst­be­stim­mungs­recht von Bürger*innen ein­schrän­ken; ins­be­son­de­re ging sie auf das kirch­li­che Arbeits­recht und die damit ver­bun­de­ne reli­giö­se Dis­kri­mi­nie­rung am Arbeits­platz ein – etwa Kün­di­gun­gen wegen einer zwei­ten Hei­rat.

Unter­halt­sam mul­ti­me­di­al gestal­tet der Poli­to­lo­ge Cars­ten Frerk sei­nen Vor­trag „Staats­leis­tun­gen an die Kir­chen – gerecht­fer­tigt?“ Die Kurz­ant­wort auf die­se Fra­ge lau­te: „Nein!“, so Frerk – und hol­te dann bezüg­lich der Geschich­te und Gegen­wart der Staats­leis­tun­gen doch etwas wei­ter aus.

Den Abschluss des Frei­tags­pro­gramms bil­de­te die Podi­ums­dis­kus­si­on „Men­schen­rech­te bei Reli­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten“. Hier spra­chen Ralf Meis­ter (Lan­des­bi­schof der evan­ge­lisch-luthe­ri­schen Lan­des­kir­che Han­no­ver), Dr. Huber­tus Schö­ne­mann (Lei­ter der katho­li­schen Arbeits­stel­le für mis­sio­na­ri­sche Pas­to­ral, Erfurt), Waqar Tariq (Libe­ral-Isla­mi­scher Bund, Bera­ter des Bun­des­vor­stan­des, Koor­di­na­tor Gemein­de Frank­furt a. M.), Dr. Micha­el Schmidt-Salo­mon (Vor­stands­spre­cher der Giord­a­no-Bru­no-Stif­tung) und Bay­kal Ars­lan­bu­ga (Vor­stands­mit­glied Ale­vi­ti­sche Gemein­de Deutsch­land). Der Kon­sens des viel­fäl­tig besetz­ten Podi­ums lau­te­te: Men­schen­rech­te dür­fen unter kei­ner­lei Vor­be­halt gestellt wer­den. Meis­ter wies mit Besorg­nis dar­auf hin, dass es welt­weit eine Ver­bin­dung zwi­schen Fun­da­men­ta­lis­mus und Natio­na­lis­mus gebe. Ars­lan­bu­ga mahn­te, Into­le­ranz im Namen von Reli­gi­ons­frei­heit dür­fe nicht tole­riert wer­den und warn­te davor, als Zivil­ge­sell­schaft zu spät aktiv zu wer­den. Men­schen­rech­te sei­en das Ergeb­nis jahr­hun­der­te­lan­ger Bemü­hun­gen und müs­sen wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den, aus inne­rer Dyna­mik und durch äuße­ren Druck. Schmidt-Salo­mon beton­te, dass Men­schen­rech­te kei­ne Rech­te von Kol­lek­ti­ven sei­en, Kol­lek­tiv­rech­te sei­en von Indi­vi­du­al­rech­ten abge­lei­tet. Die hier­zu­lan­de geleb­ten Wer­te von Huma­nis­mus und Auf­klä­rung sei­en kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, daher müs­se man ent­schie­den für sie ein­tre­ten.

Humanistische Jugend, humanistische Werte

Der drit­te Tag des DHT 2019 blick­te auf die huma­nis­ti­sche Jugend. In ver­schie­de­nen Vor­trä­gen und Prä­sen­ta­tio­nen wur­den Jugend­wei­he und Jugend­fei­er ver­schie­de­ner Bun­des­län­der aus­führ­lich vor­ge­stellt. Ein High­light bil­de­te sicher­lich der Vor­trag von Siri Sand­berg, Ver­tre­te­rin des Human-Etisk For­bund – des Human-ethi­schen Ver­ban­des Nor­we­gens. Sand­berg skiz­zier­te anschau­lich, wie sich die „Huma­nis­ti­sche Kon­fir­ma­ti­on“ in Nor­we­gen von einer „Rand­er­schei­nung“ zu einem so gro­ßen Erfolg ent­wi­ckeln konn­te, dass sich heu­te jede*r fünfte*r Jugend­li­che eine sol­che huma­nis­ti­sche Zere­mo­nie ent­schei­det.

Einen wei­te­ren Höhe­punkt am Sams­tag bil­de­te außer­dem der The­men­schwer­punkt „Säku­la­re Flücht­lings­hil­fe – war­um sie not­wen­dig ist“. Cars­ten Frerk und Ditt­mar Stei­ner vom gemein­nüt­zi­gen Ver­ein Säku­la­re Flücht­lings­hil­fe e. V. stell­ten her­aus, dass vie­le Hilfs­an­ge­bo­te für Geflüch­te­te von reli­giö­sen Orga­ni­sa­tio­nen ange­bo­ten wür­den; spä­tes­tens seit 2015 sei deut­lich gewor­den, dass die­se Lücke mit Ange­bo­ten auch für Geflüch­te­te gefüllt wer­den müss­te, die dem Islam abge­schwo­ren haben. Eine der wich­tigs­ten For­de­run­gen des Ver­eins ist die Aner­ken­nung von Apo­sta­sie als Asyl­grund. Im Anschluss spra­chen zwei aus Sau­di-Ara­bi­en geflüch­te­te Frau­en über ihre Erfah­run­gen in Deutsch­land.

Am letz­ten Tag, dem Sonn­tag, wur­de das Selbst­be­stim­mungs­recht über das eige­ne Leben und Ster­ben aus­führ­lich the­ma­ti­siert. Gita Neu­mann vom Huma­nis­ti­schen Ver­band Deutsch­lands refe­rier­te zur Wirk­sam­keit von Pati­en­ten­ver­fü­gun­gen, Dr. Flo­ri­an Wil­let und Clau­dia Magri von Digni­tas spra­chen über men­schen­wür­di­ges Ster­ben in der Schweiz: „20 Jah­re nach der ers­ten Frei­tod­be­glei­tung einer deut­schen Staats­bür­ge­rin in der Schweiz“. Abschlie­ßend wur­de in einer Panel­dis­kus­si­on ein Blick in die Zukunft gewor­fen: § 217 StGB auf der Kip­pe – was kommt danach?

Humanismus ist politisch

Mit dem DHT 2019 soll­te ein Signal für die Ver­tei­di­gung von Demo­kra­tie, Men­schen­rech­ten und Tole­ranz gesetzt wer­den. Im Anschluss an die Ver­an­stal­tung erklär­te Kon­ny G. Neu­mann, Vor­sit­zen­der des Säku­la­ren Forums Ham­burg und Spre­cher des DHT 2019: „Das reich­hal­ti­ge inter­de­pen­den­te The­men­an­ge­bot mit Refe­ren­tin­nen und Refe­ren­ten aus Wis­sen­schaft, Poli­tik und Kul­tur unter dem Mot­to ‚Für Men­schen­rech­te und Tole­ranz‘ mach­te unter ande­rem deut­lich, dass Men­schen­rech­te unge­teilt sind und nicht durch zum Bei­spiel reli­giö­se Vor­schrif­ten wie die Scha­ria ein­ge­schränkt wer­den dür­fen, wie es in der Kai­ro­er Erklä­rung zu lesen ist. Unein­ge­schränk­te Men­schen­rech­te gibt es nur in demo­kra­ti­schen Staa­ten, aber auch hier ist dar­auf zu ach­ten, dass Ein­mi­schung von außen unbe­dingt ver­mie­den wer­den muss.“

Dies sei am Bei­spiel der Säku­la­ren Flücht­lings­hil­fe deut­lich gewor­den. Auch in Ham­burg sei­en Geflüch­te­te, die dem Koran abge­schwo­ren haben, gefähr­det, so Neu­mann. Beim DHT 2019 sei daher beschlos­sen wor­den, auch in Ham­burg einen Ver­ein zur säku­la­ren Flücht­lings­hil­fe ein­zu­rich­ten. Dort sol­len auch Gesprä­che mit der Poli­tik zur Sen­si­bi­li­sie­rung in die­sem Bereich geführt wer­den, so Neu­mann.

Das Fazit des Ver­an­stal­ters: Die Zusam­men­ar­beit der säku­la­ren Orga­ni­sa­tio­nen mit Wissenschaftler*innen, Politiker*innen sowie Kul­tur­schaf­fen­den habe ein brei­tes Publi­kum ange­spro­chen und „Ergeb­nis­se gezei­tigt, mit denen wei­ter­ge­ar­bei­tet wer­den kann und muss“.

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