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Wichtige Tage im Leben feierlich begehen

Humanistische Lebensfeiern in Krisenzeiten

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Beitragsbild: Pixabay/Sasin Tipchai

Feiern, besonders Lebensfeiern sind wichtig für uns Menschen. Wichtige Tage im Leben besonders feierlich zu begehen gehört seit Jahrtausenden zu unserer Kultur, sei es nun die Feier zur Geburt, zum Erwachsenwerden, zur Besieglung einer Partnerschaft oder zum Abschied. Doch was, wenn das feierliche Begehen dieser besonderen Ereignisse nicht mehr möglich ist?

Die Ein­schrän­kun­gen auf­grund der sich aus­brei­ten­den SARS-CoV‑2 Pan­de­mie wirk­ten sich in den ver­gan­ge­nen Mona­ten zwangs­läu­fig auch auf die Durch­füh­rung von Lebens­fei­ern aus. Die Jugend­fei­ern im Früh­jahr muss­ten in NRW kom­plett abge­sagt wer­den. Eini­ge wer­den viel­leicht im Herbst nach­ge­holt wer­den, ande­re erst im nächs­ten Jahr. Namens­fei­ern sind zumin­dest ver­scho­ben wor­den, bis es wie­der die Mög­lich­keit geben wird, sich im klei­nen Rah­men, mit Ver­wand­ten und Freun­den zu tref­fen, um die jun­gen Men­schen in der Gemein­schaft zu begrü­ßen. Sämt­li­che Hoch­zeits­fei­ern sind auf das nächs­te Jahr ver­legt wor­den oder nur in klei­nem Rah­men im Stan­des­amt statt. Vie­le Braut­leu­te, die sich dar­auf gefreut haben, mit ihren Ver­wand­ten und Freun­den den Tag gemein­sam zu fei­ern, sind ver­un­si­chert und war­ten oft bis zum letz­ten Moment, um ihr Fest abzu­sa­gen. Zum Teil, weil sie nicht wis­sen, ob die Loca­ti­on zur Ver­fü­gung steht oder aber, weil die Rück­mel­dun­gen der Gäs­te schlep­pend ver­lau­fen.

Fei­ern unter die­sen Bedin­gun­gen durch­zu­füh­ren, ist schwie­rig, wenn nicht gar unmög­lich. Doch Men­schen brau­chen Fei­ern, gera­de in Zei­ten, in denen die Welt Kopf zu ste­hen scheint.

Ledig­lich Trau­er- und Abschieds­fei­ern konn­ten statt­fin­den – aller­dings nur die Hälf­te der sonst übli­chen Fei­ern und auch nur in einem Rah­men, in dem Trau­er nicht (aus-)gelebt wer­den kann. Die Anzahl der zuge­las­se­nen Trau­er­gäs­te war auch in NRW beschränkt, wobei die Zahl von Stadt zu Stadt vari­ier­te. Mal waren es fünf, mal zehn, mal auch zwan­zig. Oder die Zahl war nicht genau defi­niert, nur die nächs­ten Ange­hö­ri­gen durf­ten teil­neh­men. Die Hin­ter­blie­be­nen muss­ten sich dann die Fra­ge stel­len, wer denn zu die­ser Grup­pe gehört – auch gute Freun­de? Vie­le woll­ten Abschied neh­men, durf­ten es aber nicht. Ange­hö­ri­gen wur­de dann auch vor­ge­schla­gen, doch einen Spa­zier­gang in der Nähe der Trau­er­ze­re­mo­nie zu machen, um wenigs­tens ein wenig dabei zu sein.

Abschieds­fei­ern konn­ten in den ers­ten Wochen nur drau­ßen statt­fin­den, oft ohne Musik, bei jedem Wet­ter, auch an reg­ne­ri­schen und win­di­gen Tagen. Abstand muss­te gewahrt wer­den, nie­mand konn­te gestützt oder in den Arm genom­men wer­den, eine Hilf­lo­sig­keit, die inten­siv zu spü­ren war. Gera­de Anteil­nah­me hilft den Trau­ern­den. Wenn man sich nicht in den Arm neh­men, kei­ne Hän­de schüt­teln darf, dann ist das ziem­lich ste­ril, eine bedrü­cken­de Stim­mung.

Für die Sprecher*innen des HVD-NRW war die Stim­mung eben­so bedrü­ckend. Kei­ne Haus­be­su­che, um sich mit den Ange­hö­ri­gen über das Leben der Ver­stor­be­nen aus­zu­tau­schen, sie näher ken­nen zu ler­nen, kein Hän­de­schüt­teln zur Begrü­ßung, kein Kon­do­lie­ren nach der Trau­er­fei­er. Was tun?

Gera­de bei den Abschieds­fei­ern hat sich gezeigt, wie wich­tig zwi­schen­mensch­li­cher, kör­per­li­cher, Kon­takt ist, auch wenn es nur das Rei­chen von Hän­den ist oder die kur­ze Berüh­rung am Arm, um Trost zu spen­den. Dies wie­der zu ler­nen, wird eine der wich­tigs­ten Auf­ga­ben für die Zeit nach der Pan­de­mie sein. Es darf nicht gesche­hen, dass aus Angst vor Infek­tio­nen, Nähe auf Dau­er ver­mie­den wird. Denn das führ­te dann fast zwangs­läu­fig zu einer emo­tio­na­len Ver­ar­mung und Ver­ein­sa­mung. Dar­an mit­zu­ar­bei­ten, wird künf­tig eine der Auf­ga­ben der Sprecher*innen des HVD sein.

Auch die Sprecher*innen des HVD-NRW waren dar­auf ange­wie­sen, sich über Video- oder Tele­fon­kon­fe­ren­zen aus­zu­tau­schen, für vie­le, wie auch mich, eine neue Erfah­rung. Das Unbe­ha­gen kei­ne Haus­be­su­che durch­zu­füh­ren, Ange­hö­ri­gen nicht kon­do­lie­ren zu kön­nen, war greif­bar zu spü­ren. Alle sind über jede Erleich­te­rung dank­bar.

Nach den ers­ten Locke­run­gen war die Irri­ta­ti­on sehr groß, dass die Wie­der­öff­nung der Trau­er­hal­len nicht dazu­ge­hör­te. Erst nach einer Inter­ven­ti­on waren die zustän­di­gen Ämter bereit, die Hal­len nach und nach wie­der dem Publi­kum zur Ver­fü­gung zu stel­len, natür­lich unter Beach­tung aller Hygie­ne­be­stim­mun­gen. Manch­mal waren die­se Bestim­mun­gen aller­dings ein wenig gro­tesk. So soll­ten die Sprecher*innen wäh­rend ihrer Rede einen Mund-Nasen­schutz tra­gen – das wäre unge­fähr so, als wür­de ein Chir­urg auf das Skal­pell ver­zich­ten müs­sen.

Restau­rants, Fit­ness­stu­di­os, Auto­häu­ser konn­ten also bereits wie­der öff­nen, die Trau­er­hal­len teils erst viel spä­ter. Wäh­rend auf kirch­li­chen Fried­hö­fen längst die Kapel­len öff­ne­ten, waren die Trau­er­hal­len auf den kom­mu­na­len Fried­hö­fen geschlos­sen. Ein trau­ri­ges Bei­spiel war die Stadt Lünen: Die Trau­er­hal­len öff­ne­ten hier erst wie­der am 15. Juni, zur glei­chen Zeit wie Spaß­bä­der und Well­ness­oa­sen.

Erst in der Kri­se zeigt sich, wie wich­tig eigent­lich selbst­ver­ständ­li­che Lebens­fei­ern sind. Es gilt Schlüs­se zu zie­hen, wie in Zukunft gewähr­ge­leis­tet wer­den kann, dass Lebens­fei­ern wei­ter durch­ge­führt wer­den kön­nen. Es gilt, Ideen für Alter­na­ti­ven zu ent­wi­ckeln. Ers­te Ange­bo­te von Trau­er­fei­ern auf Video oder mit Video­über­tra­gung gibt es schon. Ob dar­in die Lösung für die Zukunft liegt, ist aller­dings eher zwei­fel­haft. Eine Auf­ga­be, der wir uns als Humanist*innen beson­ders stel­len wer­den!

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