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Bürgermeister der Tiroler Gemeinde Wörgl

Michael Unterguggenberger: Der Freidenker, der ein Wunder bewirkte

Michael Unterguggenberger (2.v.l.) und Treuhänder, 1933.
Michael Unterguggenberger (2.v.l.) und Treuhänder, 1933.

Beitragsbild: Unterguggenberger Institut Wörgl

Als Bürgermeister der kleinen Tiroler Gemeinde Wörgl bewirkt der Sozialist und Freidenker Michael Unterguggenberger während der Weltwirtschaftskrise ein durch und durch weltliches Wunder. Er überzeugt seinen Gemeinderat, ein finanztechnisches Experiment zu starten, mit dem es gelingt, die Auswirkungen der Krise auf Wörgl einzudämmen.

Dass ein­mal Jour­na­lis­ten aus aller Welt vor sei­nem Büro Schlan­ge ste­hen und etli­che Amts­kol­le­gen um sei­nen Rat bit­ten wür­den, war Micha­el Unter­gug­gen­ber­ger nicht in die Wie­ge gelegt. Im Jahr 1884 gebo­ren, muss er mit nur zwölf Jah­ren die Schu­le abbre­chen, um als Hilfs­ar­bei­ter im Säge­werk zum Unter­halt sei­ner Fami­lie bei­zu­tra­gen. Nach drei Jah­ren hat er etwas gespart und kann es sich leis­ten, eine Mecha­ni­ker­leh­re zu begin­nen. Aus­ge­lernt geht er als Hand­werks­bur­sche auf Wan­der­schaft, kommt mit der Gewerk­schafts­be­we­gung und der Sozi­al­de­mo­kra­tie in Kon­takt, der er sich 1904 anschließt. Wie vie­le Sozia­lis­ten sei­ner Zeit treibt ihn ein enor­mer Bil­dungs­hun­ger an. Er ist auf der Suche nach Kon­zep­ten, um die Welt gerech­ter zu machen. Ab 1905 arbei­tet er bei der öster­rei­chi­schen Bun­des­bahn als Lok­füh­rer. In sei­ner frei­en Zeit liest er viel und eig­net sich öko­no­mi­sches Wis­sen an.

Wäh­rend des 1. Welt­kriegs fällt ihm zufäl­lig eine Schrift des Öko­no­men Sil­vio Gesell in die Hän­de. Gesell macht die Kri­sen­haf­tig­keit des Kapi­ta­lis­mus dar­an fest, dass das Geld nicht mehr nur als Tausch­mit­tel die­ne, son­dern durch Zin­sen und die damit ver­bun­de­ne Wert­stei­ge­rung ein Eigen­le­ben ent­wi­ckelt habe, das immer wie­der zu Stö­run­gen in der Real­wirt­schaft führt. Er plä­diert für die Abschaf­fung von Zin­sen und die Ein­füh­rung von Straf­zin­sen, sodass das Geld wie alle ande­ren Waren auch mit der Zeit an Wert ver­liert. Damit wür­den die Besit­zer von Geld gezwun­gen, es schnell wie­der aus­zu­ge­ben und die Wirt­schaft blie­be in gleich­mä­ßi­gem Schwung. Die­se Theo­rie heißt Frei­wirt­schafts­leh­re.

Im Dezem­ber 1931 wird Micha­el Unter­gug­gen­ber­ger, der seit 1919 dem Gemein­de­rat ange­hört, Bür­ger­meis­ter von Wörgl. Die Lage des klei­nen Städt­chens mit 4.200 Ein­woh­nern ist deso­lat. Im Zuge der Welt­wirt­schafts­kri­se ist das ört­li­che Wirt­schafts­le­ben fast zusam­men­ge­bro­chen, die Arbeits­lo­sig­keit liegt bei knapp 25 Pro­zent, sin­ken­den Steu­er­ein­nah­men ste­hen wach­sen­de Aus­ga­ben für Sozi­al­für­sor­ge ent­ge­gen. Die offi­zi­el­le Poli­tik ver­sucht der Kri­se durch Spar­maß­nah­men Herr zu wer­den, ver­schlim­mert die Situa­ti­on damit aber wei­ter. Micha­el Unter­gug­gen­ber­ger ist über­zeugt, dass Spa­ren der fal­sche Weg ist.

Er schreibt: „Ich schrän­ke mich ein und gehe bar­fuß (hilft das dem Schus­ter?). Ich schrän­ke mich ein und rei­se nicht (hilft das der Bun­des­bahn?). Ich schrän­ke mich ein und esse kei­ne But­ter (hilft das dem Bau­ern?).“ Ent­spre­chend will er die Wirt­schaft ankur­beln und die Umlauf­ge­schwin­dig­keit des Gel­des erhö­hen. Er greift auf die Frei­wirt­schafts­leh­re von Sil­vio Gesell zurück. „Lang­sa­mer Geld­um­lauf ist die Haupt­ur­sa­che der bestehen­den Wirt­schafts­läh­mung. Jede Geld­stau­ung bewirkt Waren­stau­ung und Arbeits­lo­sig­keit. Das trä­ge umlau­fen­de Geld der Natio­nal­bank muss im Bereich der Gemein­de Wörgl durch ein Umlaufs­mit­tel ersetzt wer­den, wel­ches sei­ner Bestim­mung als Tausch­mit­tel bes­ser nach­kom­men wird als das übli­che Geld.“

Wenn es gelingt, die Umlauf­ge­schwin­dig­keit des Gel­des zu erhö­hen, kann mit rela­tiv gerin­gen Mit­teln viel erreicht wer­den. Da die Aus­ga­be von Geld der Natio­nal­bank vor­be­hal­ten ist, soll die Gemein­de statt­des­sen „Arbeits­wert­schei­ne“ aus­ge­ben, die eins zu eins an die öster­rei­chi­sche Wäh­rung, den Schil­ling, gekop­pelt sind. Die­se Schei­ne ver­lie­ren nach einem Monat ein Pro­zent an Wert und müs­sen dann durch den Kauf von Wert­mar­ken wie­der auf den Nenn­wert gebracht wer­den. Der Umlauf der Arbeits­wert­schei­ne, nach Sil­vio Gesells Theo­rie auch Frei­geld genannt, ist durch die glei­che Men­ge an rea­lem Geld gedeckt, das die Gemein­de bei der ört­li­chen Raiff­ei­sen­kas­se depo­niert. Ein Umtausch ist zu einer Gebühr von zwei Pro­zent jeder­zeit mög­lich.

Nun galt es den Gemein­de­rat und die ört­li­che Wirt­schaft von die­ser Idee zu über­zeu­gen. Hier geschieht nun das ers­te Wun­der. Micha­el Unter­gug­gen­ber­ger hält nichts von par­tei­po­li­ti­schen Dog­men. Sein Han­deln ist prag­ma­tisch und dar­an ori­en­tiert, den Men­schen Nut­zen zu brin­gen. Er selbst ist beschei­den, es ist ihm nicht wich­tig, im Ram­pen­licht zu ste­hen. Mit sei­ner Mensch­lich­keit und Über­zeu­gungs­kraft gelingt es ihm, das Frei­wirt­schafts­expe­ri­ment über Lager- und Par­tei­in­ter­es­sen hin­weg durch­zu­set­zen. Der Gemein­de­rat beschließt den Plan von Micha­el Unter­gug­gen­ber­ger im Juli 1932 ein­stim­mig. Mit dem Pfar­rer und dem Apo­the­ker gewinnt er zwei Bür­ger­lich-Kon­ser­va­ti­ve als Treu­hän­der für die Akti­on. Die ört­li­che Raiff­ei­sen­kas­se ver­zich­tet auf Gebüh­ren für die Ver­wal­tung und die Geschäf­te und Betrie­be zei­gen sich bereit, das Frei­geld zu akzep­tie­ren. Die Bür­ger kön­nen damit auch alle Gemein­de­steu­ern und Gebüh­ren beglei­chen sowie Mie­ten bezah­len.

Die Gemein­de­an­ge­stell­ten erhal­ten einen Teil ihres Lohns in Arbeits­wert­schei­nen, gleich­zei­tig legt die Gemein­de ein Arbeits­be­schaf­fungs­pro­gramm auf, des­sen Teil­neh­mer voll­stän­dig mit Frei­geld ent­lohnt wer­den. Der Erfolg ist über­wäl­ti­gend. Um einen Wert­ver­lust zu ver­mei­den, geben die Men­schen das Frei­geld sofort wie­der aus. Es ent­wi­ckelt eine hohe Umlauf­ge­schwin­dig­keit und fließt ent­spre­chend schnell wie­der in die Gemein­de­kas­se zurück, weil nun­mehr Steu­er­schul­den getilgt und Abga­ben pünkt­lich bezahlt wer­den. Mit den Not­stands­ar­bei­ten kann die Infra­struk­tur des Ortes ver­bes­sert, sogar eine Brü­cke gebaut wer­den. Die Arbeits­lo­sig­keit in Wörgl redu­ziert sich um 16 Pro­zent, wäh­rend sie im glei­chen Zeit­raum in Öster­reich durch­schnitt­lich um 19 Pro­zent ansteigt. Dabei blei­ben die Prei­se sta­bil. Das all­seits so bezeich­ne­te „Wun­der von Wörgl“ nimmt sei­nen Lauf.

Einstellung des Experiments trotz großem Erfolg

Der offen­kun­di­ge Erfolg des Expe­ri­ments erregt welt­wei­te Auf­merk­sam­keit, bei Jour­na­lis­ten, Poli­ti­kern und Wis­sen­schaft­lern. Etli­che Gemein­den wol­len dem Bei­spiel fol­gen. Jedoch gibt es auch vie­le Anfein­dun­gen. Selbst die öster­rei­chi­schen Sozia­lis­ten distan­zie­ren sich von dem Expe­ri­ment ihres Genos­sen, mit dem Argu­ment, dass es kei­ner­lei grund­le­gen­de Ver­än­de­run­gen bewir­ke und nicht mit der mar­xis­ti­schen Theo­rie ver­ein­bar sei. Letzt­lich aber wird das Pro­jekt von der Natio­nal­bank und der Regie­rung blo­ckiert. Bei­de bestehen auf dem geld­po­li­ti­schen Pri­vi­leg der Natio­nal­bank und fürch­ten um die Geld­wert­sta­bi­li­tät. Die Geset­zes­la­ge ist auf ihrer Sei­te. So schei­tert im Novem­ber 1933 der Ein­spruch der Gemein­de Wörgl gegen die erlas­se­nen Ver­bots­ver­fü­gun­gen letzt­in­stanz­lich vor dem Ver­wal­tungs­ge­richts­hof. Das Expe­ri­ment muss been­det wer­den.

Auch Micha­el Unter­gug­gen­ber­gers poli­ti­sches Wir­ken endet bald. Im Febru­ar 1934 zer­schla­gen die zuneh­mend auto­ri­tär regie­ren­den öster­rei­chi­schen Christ­so­zia­len die Orga­ni­sa­tio­nen der Arbei­ter­be­we­gung und set­zen die sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Bür­ger­meis­ter ab.

Hat­ten die ört­li­chen Kir­chen­ver­tre­ter sich noch wohl­wol­lend an sei­nem Expe­ri­ment betei­ligt, bestehen sie nach sei­nem Tod im Dezem­ber 1936 wie­der auf den welt­an­schau­li­chen Dif­fe­ren­zen. Micha­el Unter­gug­gen­ber­ger war mit sei­ner Frau und den Kin­dern im Jahr 1929 aus der Kir­che aus­ge­tre­ten und lässt sich feu­er­be­stat­ten. Da das im streng katho­li­schen Tirol nicht mög­lich ist, muss sein Sarg zu die­sem Zweck nach Salz­burg über­führt wer­den, wo sich das nächs­te Kre­ma­to­ri­um befin­det. Sei­ne Frau will sei­ne Urne auf dem Wörg­ler Fried­hof bestat­ten las­sen, was ihr der Pfar­rer jedoch ver­wei­gert. Der Frei­den­ker soll nicht in geweih­ter Erde ruhen, nur die Ecke für die Selbst­mör­der bie­tet er der Wit­we zur Bestat­tung an. Erst als sich Rosa Unter­gug­gen­ber­ger nach einem Jahr des Streits bereit erklärt, mit ihren Kin­dern wie­der in die Kir­che ein­zu­tre­ten, kann die Urne am Wörg­ler Wald­fried­hof bei­gesetzt wer­den. Dort ist sein Grab noch heu­te zu besich­ti­gen.

Nach einer lan­gen Pha­se des Ver­ges­sens gibt es mitt­ler­wei­le in Wörgl eine viel­fäl­ti­ge Erin­ne­rungs­kul­tur, die sich dem Andenken Micha­el Unter­gug­gen­ber­gers wid­met. Eine Stra­ße ist nach ihm benannt, es gibt ein Denk­mal und ein Insti­tut trägt sei­nen Namen.

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