Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg

Herzensbildung und Urteilsfähigkeit

| von
Buchseiten bilden ein Herz

Beitragsbild: Ravi Kant/ Pexels

Der neue Band der Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg stellt die Humanistische Bildung in den Mittelpunkt. Die philosophischen, sozial- und erziehungswissenschaftlichen Beiträge des Bandes diskutieren Menschenbilder im Anthropozän und angesichts von Digitalisierung, verbinden Bildungstheorie mit Gesellschaftstheorie, untersuchen Wertebildungsprozesse in Schule und Gesellschaft und heben die Bedeutung von Dialogfähigkeit im Pluralismus hervor. Humanistische Praktikerinnen und Praktiker aus unterschiedlichen Bundesländern geben Auskunft über verschiedene Ethik-Unterrichte und über das Fach Humanistische Lebenskunde. Wir haben mit Ralf Schöppner, Akademie-Direktor und Herausgeber des Bandes, über Inhalt und Anspruch der Publikation gesprochen.

Ralf, der 13. Band der Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg widmet sich dem Thema „Humanistische Bildung“. Was ist das eigentlich, humanistische Bildung?

Huma­nis­ti­sche Bil­dung heu­te nimmt das klas­si­sche huma­nis­ti­sche Bil­dungs­ide­al auf und modi­fi­ziert es. Es bleibt bei der Idee, dass Men­schen sich selbst und gemein­sam gemäß Vor­stel­lun­gen von Selbst­be­stim­mung und Huma­ni­tät ent­wi­ckeln kön­nen, ohne Not­wen­dig­keit eines Rück­griffs auf reli­giö­se Tra­di­tio­nen. Und es bleibt auch bei einer Bil­dung des gan­zen Men­schen: Ziel ist nicht sei­ne gesell­schaft­li­che Ver­wert­bar­keit, son­dern die Stär­kung sei­ner kogni­ti­ven, sozia­len, emo­tio­na­len, ethi­schen und ästhe­ti­schen Fähig­kei­ten. Anders aber als im klas­si­schen Bil­dungs­hu­ma­nis­mus sind wir heu­te sehr skep­tisch gegen­über Voll­kom­men­heits­idea­len und schät­zen auch die mensch­li­chen Schwä­chen und Gren­zen. Anders ist heu­te auch die deut­li­che Berück­sich­ti­gung sozia­ler Ein­ge­bun­den­heit von Indi­vi­du­en und der Not­wen­dig­keit gerech­ter gesell­schaft­li­cher Rah­men­be­din­gun­gen: Inklu­si­on und kei­ne Eli­ten­bil­dung, einen inter­kul­tu­rel­len und kei­nen euro­zen­tri­schen Huma­nis­mus.   

Bild: Hof­fo­to­gra­fen

Dr. phil. Ralf Schöpp­ner (*1968) ist prak­ti­scher
Phi­lo­soph, Poli­tik- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler. Er ist Direk­tor der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Deutsch­land sowie der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin-Bran­den­burg.

Wie wird humanistische Bildung vermittelt, wie und wo erfolgt sie?

Oft wird huma­nis­ti­sche Bil­dung als soge­nann­te „Wer­te­ver­mitt­lung“ ver­stan­den. Was irre­füh­rend ist: als ob ein Wis­sen­der einem Unwis­sen­den das Rich­ti­ge ein­trich­tert. Wenn wir schon von Wer­ten spre­chen, dann eher von Wer­te­bil­dung: als ein viel­stim­mi­ger und oft genug anstren­gen­der Pro­zess, in dem Bewer­tun­gen erlernt und erprobt wer­den. Was nicht nur expli­zi­te Dis­kus­sio­nen meint, son­dern gene­rell gemein­sa­me Pra­xis. Huma­nis­tisch wird ein sol­cher Pro­zess, wenn Betei­lig­te sich dar­um bemü­hen, dass die Bedürf­nis­se und Beson­der­hei­ten der Ein­zel­nen zur Ent­fal­tung kom­men und zugleich gemein­sam getra­ge­ne Regeln ent­ste­hen. Wenn es um Self-Empower­ment, Gesel­lig­keit, Empa­thie und Unter­stüt­zung geht, für die man die Zustän­dig­keit nicht an ande­re Instan­zen abge­ben kann. Und wenn dabei der Blick über die eige­nen Tel­ler­rän­der von Fami­lie, Peer­group, Regi­on oder Nati­on hin­aus­geht und glo­bal wird. Immer dann und über­all dort, wo Men­schen das mit­ein­an­der aus­tra­gen, fin­det – in einem wei­ten Sinn – huma­nis­ti­sche Bil­dung statt.      

Der neue Band der HABB-Schriftenreihe behandelt auch Themen wie das Anthropozän bzw. den Anthropozentrismus. Der Humanismus stellt ja traditionell den Menschen in den Mittelpunkt. Sollte sich das humanistische Menschenbild ändern, auch im Rahmen einer „humanistischen Bildung“?

Der Mensch bleibt Aus­gangs­punkt. Wie soll­te es auch anders gehen? Men­schen kön­nen nur aus­ge­hend von einem mensch­li­chen Stand­punkt Nar­ra­ti­ve und Bil­der pro­du­zie­ren, selbst wenn dies stets in Aus­tausch­pro­zes­sen mit der sozia­len und natür­li­chen Umwelt geschieht. Eine sol­che epis­te­mi­sche Anthro­po­zen­trik ist unver­meid­bar. Spa­ren soll­ten wir uns dage­gen eine mora­li­sche Anthro­po­zen­trik: Wir kön­nen ande­ren Tie­ren und der Natur einen Eigen­wert zuschrei­ben und soll­ten dies auch tun. Das setzt ihrer Nut­zung und Aus­beu­tung für mensch­li­che Zwe­cke Gren­zen. Mas­sen­tier­hal­tung, exor­bi­tan­ter Fleisch­kon­sum und kapi­ta­lis­ti­scher Raub­bau müs­sen ein Ende haben. Ver­ant­wor­tung dafür tra­gen Men­schen, in die­sem Sin­ne kön­nen wir auch heu­te noch von einer Son­der­stel­lung des Men­schen spre­chen.

Schrif­ten­rei­he der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin Bran­den­burg, Band 13. Her­zens­bil­dung und Urteils­fä­hig­keit – Ele­men­te moder­ner huma­nis­ti­scher Bil­dung.
Ralf Schöpp­ner (Hrsg.), 2021, Ali­bri Ver­lag, 216 Sei­ten, 22 €.

Der Titel des Bandes beinhaltet auch das Wort „Herzensbildung“. Was ist damit gemeint und inwiefern ist Herzensbildung Teil humanistischer Bildung?

Dem Band lie­gen Debat­ten zwei­er Tagun­gen im letz­ten Jahr zugrun­de. Es war inter­es­sant dort zu sehen, dass die Fachwissenschaftler*innen „Her­zens­bil­dung“ für einen selbst­ver­ständ­li­chen Teil von Bil­dung hiel­ten, wäh­rend Vertreter*innen huma­nis­ti­scher Orga­ni­sa­tio­nen da zum Teil auch zurück­hal­tend waren. Man kann das anschei­nend für zu banal, zu reli­gi­ons­nah oder gar für Sozi­al­kitsch hal­ten. Dabei steckt schon im Wort Huma­nis­mus, „dass auch der ande­re zählt“ und Huma­ni­tät lässt sich schwer­lich auf eine ratio­na­le oder ver­trags­för­mi­ge Bezie­hung redu­zie­ren. Wenn ich dazu was sagen muss, wür­de ich sagen: Bei Her­zens­bil­dung geht es um die Kul­ti­vie­rung einer Lei­den­schaft für das Glück des ande­ren. Die Meta­pher des Her­zens sagt aber eigent­lich alles und die Aller­meis­ten wis­sen auch sehr genau, was damit gemeint ist.

Vielen Dank!

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