20 Jahre hpd

Aufbruch, Erwartungen und Entwicklungen

| von

Beitragsbild: diesseits 77 (2006), S. 11

Der Humanistische Pressedienst wird zwanzig. Horst Groschopp, Mitgründer und ehemaliger Bundesvorsitzender des Humanistischen Verbandes Deutschlands, blickt auf die Aufbruchsstimmung und die Erwartungen zurück und erzählt von den Konflikten, die das Projekt von Anfang an begleiteten.

Heu­te vor zwan­zig Jah­ren, am 20. Okto­ber 2006, prä­sen­tier­te sich der Huma­nis­ti­sche Pres­se­dienst (hpd) auf einer Pres­se­kon­fe­renz im Ber­li­ner Roten Rat­haus der Öffent­lich­keit. Der hpd erin­nert seit eini­ger Zeit an die­se Ereig­nis­se, etwa durch ein Inter­view mit Micha­el Schmidt-Salo­mon, Vor­stands­spre­cher der Giord­a­no Bru­no-Stif­tung (gbs). Eine in Tei­len ande­re Sicht von Horst Gro­schopp wur­de dort nicht ver­öf­fent­licht, steht aber auf sei­ner Home­page. Die Redak­ti­on nahm den Vor­gang zum Anlass, mit dem dama­li­gen Bun­des­vor­sit­zen­den des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Deutsch­lands (HVD) das fol­gen­de Inter­view zu füh­ren.

Du warst 2006 einer der Gründer des Humanistischen Pressedienstes. Was fand da statt?

Vier Per­so­nen, je zwei von der gbs und vom HVD, grün­de­ten eine Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts (GbR) mit dem Namen HUMAG („Huma­nis­ti­sche Arbeits­ge­mein­schaft“), um eine dem Huma­nis­mus die­nen­de Pres­se­agen­tur „hpd“ und einen sozio­lo­gi­schen For­schungs- und Infor­ma­ti­ons­dienst „Fowid“ zu schaf­fen. GbR bedeu­te­te per­sön­li­che Haf­tung der Gesell­schaf­ter Her­bert Stef­fen, Micha­el Schmidt-Salo­mon, Man­fred Ise­mey­er und Horst Gro­schopp.

Ein ent­spre­chen­der Ver­trag wur­de schon im März unter­zeich­net und eine Redak­ti­on ein­ge­setzt. Deren frü­hes Wir­ken fing an mit Cars­ten Frerk, einem aus­ge­wie­se­nen Sozi­al­wis­sen­schaft­ler als Chef, und Gabrie­le Gro­schopp, eine Diplom­in­ge­nieu­rin und ehe­ma­li­ge „Maschinenbau“-Chefredakteurin, als Stell­ver­tre­te­rin. Sie ver­ließ ab 2. Juli 2009 die Redak­ti­on, weil der HVD ab April 2009 aus dem inzwi­schen Ver­ein gewor­de­nen Pres­se­dienst aus­schied. Das war die ers­te Tren­nung. Noch 2008 hat­te der Bun­des­vor­stand des HVD an sei­ne Lan­des­ver­bän­de appel­liert und sie um Unter­stüt­zung des hpd gebe­ten.

Was fehlte 2006 in der humanistischen Medienlandschaft – und warum war ein Pressedienst die richtige Antwort darauf, obwohl er selbst kein journalistisches Medium sein wollte?

Es fehl­te, was noch heu­te fehlt, ein Dienst für und in Medi­en, der sich huma­nis­ti­schen Ange­le­gen­hei­ten wid­met und ent­spre­chen­de Fra­gen und Stand­punk­te in der Öffent­lich­keit beför­dert, der nicht nur breit ange­legt, viel gele­sen und jour­na­lis­tisch genutzt wird, son­dern auch „Schrei­ber­lin­ge“ anzieht, die gedruckt wer­den wol­len und die etwas Inter­es­san­tes mit­zu­tei­len haben.

Der hpd woll­te kein Ver­bän­desprach­rohr sein, wes­halb eine ein­fa­che und unbe­ar­bei­te­te Wie­der­ga­be von Orga­ni­sa­ti­ons­nach­rich­ten redak­tio­nell unter­sagt war. Für die Ver­brei­tung von Kom­mu­ni­qués blie­ben die Ver­bän­de selbst zustän­dig, aber erklärt und kom­men­tiert konn­ten sie im hpd erschei­nen.

Die­se sub­jek­ti­ven Inter­pre­ta­tio­nen sahen die Absen­der dann oft kri­tisch, so sach­lich sie immer gehal­ten waren. Die Ver­bän­de pro­du­zier­ten selbst zu wenig für einen Markt der Mei­nun­gen und fühl­ten sich zugleich ver­nach­läs­sigt. Rasch wur­de klar, dass eine „Agen­tur“, die der „säku­la­ren Sze­ne“ dient, unter den Bedin­gun­gen, in denen „Öffent­lich­keits­ar­bei­ter“ für ihre Ver­bän­de meist ehren­amt­lich wir­ken, nicht funk­tio­nie­ren kann.

Zwar ver­grö­ßer­te sich die Redak­ti­on, aber es fehl­ten immer ange­mes­se­ne Tex­te von drit­ten Per­so­nen. So kam es zu einer Domi­nanz der­je­ni­gen Mel­dun­gen, die im Umfeld der gbs ent­stan­den, erin­nert sei an die „Bus­kam­pa­gne“ oder den Neu­en Athe­is­mus über Richard Daw­kins „Got­tes­wahn“. Ver­ant­wort­li­che im HVD sahen sich in ihren Posi­tio­nen domi­niert, lie­fer­ten aber wenig zum Kon­trast. Das ursprüng­li­che Anlie­gen, gesell­schafts­po­li­ti­sche The­men auf­zu­grei­fen und sich dar­in zu bewäh­ren, wur­de zwangs­läu­fig ver­fehlt, schon wegen Man­gel an Kapa­zi­tä­ten.

Ich selbst habe für den hpd 80 Tex­te unter mei­nem Namen ver­fasst und wei­te­re unter Pseud­ony­men, etwa Fritz Kum­mer.

So unterschiedliche Akteure haben den hpd gemeinsam auf den Weg gebracht. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande, und was hat sie am Anfang zusammengehalten?

Es waren im Wesent­li­chen zwei Akteu­re mit ihrem jewei­li­gen Umfeld und ihren finan­zi­el­len Poten­zen, gbs und HVD. In der Ver­bän­de­land­schaft war vor­ge­ar­bei­tet wor­den. Seit Janu­ar 2001 rief die „Huma­nis­ti­sche Aka­de­mie Ber­lin“ zwei­mal jähr­lich die „Sich­tungs­kom­mis­si­on“ zusam­men. Das waren lose Zusam­men­künf­te von Ver­tre­tern der „säku­la­ren Sze­ne“, ein Begriff, den der huma­nis­ti­sche Unita­ri­er Hel­mut Kra­mer ein­führ­te, um das Gemein­sa­me zu kenn­zeich­nen (hier fin­det sich sei­ne dama­li­ge Ana­ly­se, die ursprüng­lich im hpd erschien und eine Kurz­ge­schich­te von deren Schick­sal).

Nach Jah­ren der Sprach­lo­sig­keit rede­ten Ver­bän­de­ver­tre­ter wie­der mit­ein­an­der. Das lief auf den KORSO hin­aus, den „Koor­di­nie­rungs­rat säku­la­rer Orga­ni­sa­tio­nen“, der am 16. Novem­ber 2008 ent­stand und den hpd unter­stütz­te, auch ein wenig finan­zi­ell. Aber das war nun ein demo­kra­tisch ver­fass­ter Betrieb mit all den büro­kra­ti­schen Regeln, die das mit sich bringt.

Woran hast Du gemerkt, dass sich die Vorstellungen über die Zukunft des Projekts auseinanderentwickelten?

Als Prä­si­dent, der bestimm­te Zie­le ver­folgt, merkt man so etwas nicht als ers­ter. Es gab inner­re­dak­tio­nel­le Kri­sen, wie um den Film von Wil­ders „Fit­na“, auf den ich hier nicht wei­ter ein­ge­hen will, auch weil dies im Inter­view mit Micha­el Schmidt-Salo­mon aus­führ­lich behan­delt wird, aus sei­ner Sicht.

Wich­ti­ger waren Signa­le aus dem eige­nen Ver­band, beson­ders aus Bay­ern, die in Rich­tung eines eige­nen Pres­se­diens­tes und einer Neu­kon­zep­tio­nie­rung der Ver­bands­zei­tung „dies­seits“ als huma­nis­ti­sches Maga­zin hin­aus­lie­fen. In vie­len Debat­ten wur­den Unter­schie­de in der poli­ti­schen Stra­te­gie zur gbs deut­lich.

Ein immer wie­der zu kor­ri­gie­ren­des Miss­ver­ständ­nis ging auf Ver­wechs­lun­gen im Namen zurück. Schon in der ers­ten und wohl ein­zi­gen Mel­dung in der „dies­seits“ über den hpd, der Herbst­num­mer 2006 (Aus­ga­be 77), S. 11, war es wich­tig mit­zu­tei­len, dass der „Huma­nis­ti­sche Pres­se­dienst“ kei­ne Ein­rich­tung des „Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des“ sei. Das glei­che Pro­blem hat­te auch die „Huma­nis­ti­sche Uni­on“, die zugleich immer wie­der ein­mal demen­tie­ren muss­te, der HVD zu sein, wie auch umge­kehrt.

Dann gab es inner­halb des inzwi­schen gegrün­de­ten geschlos­se­nen hpd-Ver­eins nicht öffent­lich ver­han­del­te Fra­gen der Finan­zie­rung, etwa durch Spon­so­ren und deren Mit­be­stim­mung.

Es ent­wi­ckel­te sich auch eine neue Funk­ti­ons­wei­se des hpd. Denn par­al­lel zu Zusam­men­künf­ten, die zum KORSO führ­ten, ver­folg­ten Micha­el Schmidt-Salo­mon und die gbs seit 2004, also bereits vor der hpd-Grün­dung, das Ziel eines „Zen­tral­ra­tes der Kon­fes­si­ons­frei­en“. Dahin­ter stan­den ande­re Struk­tur­vor­stel­lun­gen als sie in der „Sich­tungs­kom­mis­si­on“ ven­ti­liert wur­den – und wie sie dann 2021 ein­tra­ten, als der KORSO zum „Zen­tral­rat“ wur­de.

Prak­tisch war ein sol­cher Zen­tral­rat von der gbs schon 2007 begon­nen wor­den, als Paul Schulz als mög­li­cher Prä­si­dent in den Raum gestellt wur­de, ein ehe­ma­li­ger Ham­bur­ger Pfar­rer und Autor des mit selt­sa­men The­sen han­tie­ren­den Buches „Codex Athe­os“. Er woll­te ursprüng­lich eine „Initia­ti­ve Säku­la­rer Staat / Säku­la­re Gesell­schaft“. Zudem tra­ten im Herbst 2007 Armin Pfahl-Traugh­ber und Joa­chim Kahl mit einem eige­nen Vor­schlag in die Are­na.

Es ist hier dar­an zu erin­nern, dass im glei­chen Jahr 2007, von der gbs unter­stützt, der „Zen­tral­rat der Ex-Mus­li­me“ ent­stand. Je stär­ker die gbs wur­de, des­to mehr setz­te sie auf media­le Insze­nie­run­gen, die the­ma­ti­sche Gegen­stän­de des hpd wur­den.

In Deinem jüngsten Rückblick beschreibst Du unterschiedliche Verständnisse von Humanismus. Worin unterschieden sie sich aus Deiner Sicht?

Es ging hier weni­ger um „Huma­nis­mus­ver­ständ­nis­se“, all­ge­mei­ne Theo­riefra­gen, son­dern um Kon­se­quen­zen, die aus bestimm­ten poli­ti­schen Zuspit­zun­gen fol­gen. Das zeig­te sich öffent­lich nach­voll­zieh­bar, als aus dem KORSO der „Zen­tral­rat der Kon­fes­si­ons­frei­en“ wur­de und der HVD nun end­gül­tig den hpd ver­ließ, wenn auch noch mit der für mich höf­lich gemein­ten Ver­si­che­rung gegen­über der gbs, man habe noch eine „stra­te­gi­sche Part­ner­schaft“.

Genau dies bezweif­le ich, abge­se­hen von der all­ge­mei­nen Über­ein­kunft, für Huma­nis­mus zu sein und gele­gent­li­cher Zusam­men­ar­beit bzw. bei The­men­über­schnei­dun­gen. Wofür soll die eige­ne Orga­ni­sa­ti­on letzt­lich ein­tre­ten, poli­tisch und jour­na­lis­tisch? Der gro­ße, in mei­nen Augen unver­ein­ba­re Unter­schied hat sei­nen Ursprung in der Kon­zep­ti­on der HVD-Grün­dung 1993: Er will Gleich­be­hand­lung mit den Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten nach Arti­kel 137,7 des Grund­ge­set­zes.

Das bedeu­tet Abschied von den frei­den­ke­ri­schen Ver­su­chen, die voll­stän­di­ge Staat-Kir­che-Tren­nung zu errei­chen, aber auch, um es aktu­ell zu machen, mus­li­mi­sche und anders reli­giö­se Unter­neh­mun­gen in grund­ge­setz­lich ver­brief­te Struk­tu­ren ein­zu­bin­den, so müh­se­lig dies auch sein mag. Zuge­spitzt: Nicht alle Reli­gio­nen raus aus der Bun­des­wehr, son­dern huma­nis­ti­sche und mus­li­mi­sche Seel­sor­ger den bei­den christ­li­chen und der begon­ne­nen jüdi­schen hin­zu­fü­gen; ähn­lich beim Reli­gi­ons­un­ter­richt usw.

Du schreibst, der praktische Humanismus sei im Laufe der Zeit in den Hintergrund geraten. Was verstehst Du unter praktischem Humanismus – und woran hast Du diese Entwicklung erlebt?

Dar­auf bin ich oben schon kurz ein­ge­gan­gen. Aber ich muss grund­sätz­li­cher an die Fra­ge her­an­ge­hen. Es ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass „prak­ti­scher Huma­nis­mus“ ein wei­tes Feld bil­det. Er ist zunächst ein­mal täti­ge Huma­ni­tät und auf die­ser Ebe­ne kann dies auf ver­schie­de­ne Wei­se auch reli­gi­ös moti­viert sein, Haupt­sa­che geüb­te Barm­her­zig­keit, von wo sich ja das Wort „huma­ni­tas“ ablei­tet. Hier gibt es Tätig­kei­ten, die den Prin­zi­pi­en rei­ner Mensch­lich­keit fol­gen.

Aber wir Men­schen sind gesell­schaft­li­che Wesen und inso­fern nicht nur auf ver­schie­de­ne Arten unter­teilt in Geschlech­ter, Regio­nen, Eth­ni­en, Klas­sen, Staa­ten, Sozi­al­ge­mein­schaf­ten, Gene­ra­tio­nen, Fami­li­en usw. Wir leben vor allem in unter­schied­li­chen Grup­pen- und Welt­kul­tu­ren, in denen wir unse­re Wert­vor­stel­lun­gen bezüg­lich Geschlech­ter usw. aus­bil­den und zei­gen, bestä­tigt oder abge­lehnt fin­den.

Es hat sich dabei, übri­gens unter ver­schie­de­nen Begrif­fen, wie die For­schun­gen von Jörn Rüsen und ande­ren über „inter­kul­tu­rel­len Huma­nis­mus“ gezeigt haben, his­to­risch eine welt­wei­te Kul­tur­strö­mung aus­ge­bil­det, die wir Huma­nis­mus nen­nen, die wir als Ver­band welt­an­schau­lich orga­ni­sie­ren, unse­ren Teil leis­ten. Hier haben wir bestimm­te Prin­zi­pi­en (ein Selbst­ver­ständ­nis) for­mu­liert, die das, was vom Ver­band aus prak­tisch getan wird, sei­ne Arbeits- und Fei­er­fel­der, unse­rem Huma­nis­mus zuord­nen und „prak­ti­schen Huma­nis­mus“ nen­nen.

Was hat Dich in der Geschichte des hpd am meisten überrascht?

In mei­nem Alter über­rascht mich nichts mehr, es sei denn, es läuft mal alles wie geplant, was aber schon des­halb ein blö­der Spruch ist, weil immer meh­re­re Leu­te pla­nen und han­deln, auch gegen­ein­an­der. Daher kommt die Sehn­sucht nach Füh­rer­schaft.

Ich weiß nicht, ob es im hpd eine Publi­kums­ana­ly­se gibt. Da sei­ne „Ein­schalt­quo­ten“, wie Cars­ten Frerk neu­lich gezeigt hat, aber höher sind als die von ande­ren Anbie­tern in der „Sze­ne“, wäre mei­ne Fra­ge, wer die Nut­zer sind, wel­che Inter­es­sen sie lei­ten, wel­chen Ein­fluss sie auf Mei­nungs­bil­dung haben, wie der HVD sie anspre­chen könn­te oder ob sie auf einem ganz ande­ren Trip sind?

Inhalt teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Meistgelesen

Nach oben scrollen