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Human Mirrafati im Porträt

Wie ein Exil-Iraner ein säkulares Fest nach Brandenburg brachte

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Persisches Neujahrsfest Nouruz in Falkensee.
Persisches Neujahrsfest Nouruz in Falkensee.

Beitragsbild: Initiative "Willkommen in Falkensee"

Human Mirrafati (*1962) ist Exil-Iraner. Weil ihm als Atheist in seinem Geburtsland die Hinrichtung drohte, floh er 1992 nach Berlin. Seit 2017 veranstaltet er im Berliner Umland mit Geflüchteten und Einheimischen das persische Neujahrsfest Nouruz – eine 3.000 Jahre alte Feier, die exemplarisch ist für die völkerverbindende Kraft einer weltlichen Kulturtradition.

„Reli­gi­on ist eine Belei­di­gung der Men­schen­wür­de. Mit oder ohne sie gäbe es gute Men­schen, die Gutes tun, und böse Men­schen, die Böses tun. Damit aber gute Men­schen Böses tun, dazu bedarf es der Reli­gi­on.“ Die­se Aus­sa­ge stammt von dem Astro­phy­si­ker und Nobel­preis­trä­ger Ste­ven Wein­berg. Human Mir­ra­fa­ti zitiert ihn in sei­nem Buch Ver­lo­re­ne Ster­ne, in dem er unter Pseud­onym auch die Geschich­te sei­ner Flucht schil­dert. Die­se Geschich­te beginnt mit den poli­ti­schen Ereig­nis­sen im Febru­ar 1979. Damals hat­te Aja­tol­lah Kho­mei­ni im Iran die Isla­mi­sche Revo­lu­ti­on aus­ge­ru­fen – eine gegen­auf­klä­re­ri­sche Bewe­gung, die als Eman­zi­pa­ti­on von der herr­schen­den Schah-Mon­ar­chie ange­prie­sen wur­de. Als Kho­mei­ni am 1. April die Isla­mi­sche Repu­blik Iran aus­rief, zog dies vor allem jedoch die Abschaf­fung von Bür­ger- und Frau­en­rech­ten nach sich. Die Mit­glie­der der Schah-Regie­rung wur­den hin­ge­rich­tet. Statt eines Mon­ar­chen herrsch­te nun die isla­mi­sche Geist­lich­keit mit Kho­mei­ni als cha­ris­ma­tisch-reli­giö­sem Füh­rer. Es galt das Gesetz der Scha­ria und die Erobe­rung aller nicht-mus­li­mi­schen Län­der im Namen des Dschi­had.

Im Streit um Öl und Grenz­ver­läu­fe ver­such­te Kho­mei­ni sei­ne Isla­mi­sche Revo­lu­ti­on auch in den Irak zu tra­gen. Er for­der­te die im Irak leben­den Anhän­ger des schii­ti­schen Islam dazu auf, sich gegen die dor­ti­gen Sun­ni­ten zu erhe­ben. Der Irak unter Sad­dam Hus­sein (ein Sun­nit) ant­wor­te­te im Sep­tem­ber 1980 mit Luft­schlä­gen und mit einem Trup­pen­ein­marsch in den Iran. Der ers­te Golf­krieg begann. Zwar waren die Ira­ker waf­fen­tech­nisch über­le­gen; sie rech­ne­ten mit einem schnel­len Sieg, doch der isla­mi­sier­te Iran schick­te zehn­tau­sen­de Jugend­li­che ins Feld. Sie stamm­ten meist aus bil­dungs­fer­nen und armen Fami­li­en, was es dem reli­giö­sen Regime leicht mach­te, die Kin­der zu indok­tri­nie­ren. Den Acht- bis Zehnt­kläss­lern wur­den klei­ne Spiel­zeug­schlüs­sel aus Plas­tik umge­hängt, die man zu Hun­dert­tau­sen­den aus Tai­wan impor­tier­te. Man sag­te den Jun­gen, dass sich damit das Tor zum Para­dies öff­nen lie­ße. Der­art im Glau­ben gerüs­tet, lie­fen sie dann als mensch­li­che Wel­len vor den ira­ni­schen Trup­pen in die Schlacht. Die Schul­jun­gen fin­gen Geschos­se mit ihren Lei­bern ab. Haupt­säch­lich soll­ten sie aber mit ihren Kör­pern Land­mi­nen zum Explo­die­ren brin­gen. Dabei tru­gen sie Stirn­bän­der mit der Auf­schrift „Alla­hu Akbar“ – Gott ist der Größ­te.

Auch auf­grund die­ser Kriegs­stra­te­gie dräng­te der Iran die ira­ki­schen Angrei­fer immer wei­ter zurück. 1982 stell­te sich auf­grund der Erfol­ge im Iran eine regel­rech­te Kriegs­be­geis­te­rung ein. Im Zuge des­sen mel­de­te sich auch der 21-jäh­ri­ge Mir­ra­fa­ti, der damals noch Asgar mit Vor­na­men hieß, zur Reser­ve­ar­mee. Weil er eine höhe­re Schul­bil­dung genoss, stand er außer­halb jener Ziel­grup­pe, die für den Mär­ty­rer­tod infra­ge kam. Jun­gen, die das Gym­na­si­um besuch­ten, blie­ben über­haupt bis zu ihrem Abitur von der zwei­jäh­ri­gen Grund­wehr­pflicht befreit, die im aktu­el­len Kriegs­zu­stand noch um sechs Mona­te an der Front ver­län­gert war. Vor dem unmit­tel­ba­ren Abmarsch in die Kampf­zo­ne sorg­ten die Schre­cken des Krie­ges jedoch bei vie­len Sol­da­ten für Ernüch­te­rung. Human Mir­ra­fa­ti berich­tet, wie sich Kame­ra­den mit Wasch­mit­tel ver­gif­te­ten oder sich in die Bei­ne schos­sen, um dem dro­hen­den Kampf­ein­satz zu ent­ge­hen. Es war wäh­rend die­ser letz­ten Wochen sei­nes Front­diens­tes im Jahr 1985, als Human Mir­ra­fa­tis Ein­heit ver­nich­tend geschla­gen wur­de. Ver­wun­de­te Ira­ner wur­den von den ira­ki­schen Sol­da­ten an Ort und Stel­le erschos­sen. Er selbst geriet in Kriegs­ge­fan­gen­schaft.

Fünf Jah­re brach­te Human Mir­ra­fa­ti dar­auf­hin in ira­ki­schen Gefan­ge­nen­la­gern zu. Er wur­de mit Elek­tro­schocks gefol­tert. In sei­nem Gefäng­nis­block gab es neun Toi­let­ten für 500 Gefan­ge­ne. Das Brot, das es zu essen gab, schmeck­te nach Die­sel. Gera­de in den Anfangs­mo­na­ten der Gefan­gen­schaft gehör­ten Fol­ter­ex­zes­se der Wär­ter zum All­tag. Mit Kabeln und Eisen­stan­gen wur­de Mir­ra­fa­ti ein­mal bis zur Bewusst­lo­sig­keit geprü­gelt. Er war wie alle sei­ne Kame­ra­den isla­misch sozia­li­siert, kehr­te aber wäh­rend sei­ner Gefan­gen­schaft allen reli­giö­sen Glau­bens­vor­stel­lun­gen den Rücken und änder­te sei­nen Vor­na­men in den per­si­schen Namen Human. Die­sen kann­te er aus einer alt­per­si­schen Mär­chen­ge­schich­te, wo er eine Pflan­ze bezeich­net, die Unsterb­lich­keit ver­spricht. Doch in der Kriegs­ge­fan­ge­nen­si­tua­ti­on, in der sich Human Mir­ra­fa­ti befand, brach­te ihm sein Namens- und Sin­nes­wan­del das genaue Gegen­teil ein; denn durch sein Bekennt­nis zum Athe­is­mus geriet er nun auch bei streng reli­giö­sen Mit­ge­fan­ge­nen in Ver­ruf. Die­se Isla­mis­ten unter den Gläu­bi­gen droh­ten damit, ihn nach der Frei­las­sung bei den ira­ni­schen Behör­den anzu­zei­gen. Auf Apo­sta­sie, was den Abfall vom Glau­ben meint, steht noch heu­te die Todes­stra­fe im Iran. So wur­de Human Mir­ra­fa­ti erneut gefol­tert, dies­mal jedoch in sei­nem Hei­mat­land, für das er als Sol­dat gekämpft und für das er ins­ge­samt fünf Jah­re in Kriegs­ge­fan­gen­schaft gelit­ten hat­te. Human Mir­ra­fa­ti wei­ger­te sich, zum Glau­ben zurück­zu­keh­ren. Dar­auf droh­te ihm der Tod durch Stei­ni­gung. Weil ein Freund in der zustän­di­gen Behör­de sei­ne Akte auf dem Weg nach Tehe­ran auf­hielt, gelang ihm 1992 die Flucht.

Human Mir­ra­fa­ti schaff­te es nach Ber­lin. Dort wur­de er im Zen­trum für Fol­ter­op­fer betreut. Er lern­te Deutsch, schloss eine Aus­bil­dung zum Tisch­ler ab und grün­de­te eine Fami­lie, mit der er eini­ge Jah­re nach der Jahr­tau­send­wen­de an den Ber­li­ner Stadt­rand zog. Als im Jahr 2013 ver­stärkt Geflüch­te­te nach Deutsch­land kamen, for­mier­te sich in sei­ner Nach­bar­schaft die Bür­ger­initia­ti­ve Will­kom­men in Fal­ken­see. Im Juni 2015 hat­te man Unter­künf­te für 67 Neu­fal­ken­seer bezugs­fer­tig gemacht. Im Zuge des­sen begann auch Human Mir­ra­fa­ti sich zu enga­gie­ren. Er betä­tig­te sich zunächst als Dol­met­scher, half den Neu­an­kömm­lin­gen bei Arzt­be­su­chen und bei Behör­den­gän­gen. Zusam­men mit eini­gen Ange­kom­me­nen beschloss er dann, den Men­schen in sei­ner Hei­mat­stadt etwas zurück­zu­ge­ben. So mach­te sich die Grup­pe dar­an, das Tscha­har-Schan­be-Suri-Fest zu orga­ni­sie­ren – ein über 3.000 Jah­re alter Brauch, der im Rah­men der per­si­schen Neu­jahrs­fei­er­lich­kei­ten Nouruz began­gen wird. Immer zu Früh­lings­an­fang, und zwar am Abend zu Mitt­woch vor der Tag- und Nacht­glei­che (um den 20. März her­um) wer­den die Feu­er des Tscha­har-Schan­be-Suri ent­zün­det, über die man springt. Das ist nicht gefähr­lich. Die vier bis fünf Feu­er­stel­len, die Human Mir­ra­fa­ti mit sei­nen Mit­or­ga­ni­sa­to­ren anlegt, sind klein und im Abstand von ein paar Metern auf­ge­reiht. Wäh­rend des Sprungs gibt man sym­bo­lisch alles Schlech­te in die gel­be Far­be der Flam­men ab, wäh­rend die rote Far­be des Feu­ers dem Men­schen neue Kraft spen­det. Die gesam­te Zere­mo­nie geht auf die zoro­as­tri­sche Reli­gi­on zurück, ist aber die­ser Tage ver­welt­licht. Das zeigt sich dar­an, dass es heu­te welt­weit cir­ca 200.000 Zoro­as­trier gibt; das Fest wird aber von mehr als 300 Mil­lio­nen Men­schen gefei­ert – von West­in­di­en bis zum Bal­kan.

Der Nouruz ist ein Fest, das „eine wich­ti­ge Rol­le dabei spielt, die Bin­dun­gen zwi­schen den Völ­kern auf der Grund­la­ge der gegen­sei­ti­gen Ach­tung und der Idea­le des Frie­dens und der guten Nach­bar­schaft zu stär­ken.“ So heißt es in der Begrün­dung der UNESCO, die das per­si­sche Neu­jahrs­fest im Jahr 2009 in die Lis­te des imma­te­ri­el­len Welt­kul­tur­er­bes auf­ge­nom­men hat. Dem Nouruz lie­gen die „alten Kul­tur­bräu­che der Zivi­li­sa­tio­nen in Ost und West zugrun­de, die die­se Zivi­li­sa­tio­nen durch den Aus­tausch mensch­li­cher Wer­te geprägt haben.“

Die Fest­zeit des Nouruz beginnt schon zwei Wochen vor dem Ent­zün­den der Mitt­wochs­feu­er. Wäh­rend die­ser Tage wer­den Bezie­hun­gen gepflegt. Man besucht selbst weit ent­fern­te Freun­de und Bekann­te, schafft alte Strei­tig­kei­ten aus der Welt und ver­sam­melt die Fami­lie. Der Nouruz ist ein Fest der Erneue­rung. Es ist eine Beja­hung des Lebens im Geis­te des Früh­lings. Das Bewusst­sein dar­über, dass wir alle an die­sel­ben Kreis­läu­fe der Natur gebun­den sind, för­dert eine uns inne­woh­nen­de sozia­le Bin­dung zuta­ge, die es zu erhal­ten und zu pfle­gen gilt wie die Natur selbst. Beim Nouruz geht es um eine „für­sorg­li­che und respekt­vol­le Hal­tung gegen­über den natür­li­chen Quel­len des Lebens“, stellt die UNESCO fest. Dies trifft den Geist, in dem wir heu­te mehr denn je zusam­men­fin­den müs­sen. In Fal­ken­see glückt das jedes Jahr. Über 300 Men­schen, Alt- und Neu­fal­ken­seer nah­men am ers­ten Feu­er­fest teil. „Dabei waren es über­wie­gend Deut­sche, die über die Feu­er gesprun­gen sind“, sagt Human Mir­ra­fa­ti. Heu­te ist das Tscha­har-Schan­be-Suri im Kul­tur­ka­len­der des Ortes fest ein­ge­tra­gen. Es ver­bin­det die Men­schen in ihrem Mensch­sein ange­sichts einer Natur, die uns die­ses Leben mit den bes­ten Wün­schen für­ein­an­der über­haupt erst leben lässt.

Human Mirrafati

Human Mir­ra­fa­ti wur­de in sei­nem Hei­mat­land Iran wegen „Abkehr vom Glau­ben” ver­folgt. 1992 floh er nach Deutsch­land.

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