Suche
Digitaler Humanismus

Der kategoriale Unterschied von Mensch und Maschine

| von
Humanoider NASA-Roboter Valkyrie.
Humanoider NASA-Roboter Valkyrie.
Worum geht es bei „digitalem Humanismus“? An einer Antwort versucht sich das Buch „Digitaler Humanismus. Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ von Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld. Das Thema wird im Buch sowohl in seiner Breite behandelt als auch ansprechend und zugänglich vermittelt.

Die ins­ge­samt 19 Kapi­tel des Buches set­zen stets mit fil­mi­schen Bei­spie­len ein – I, Robot; Matrix, Ex Machi­na, Bla­de Run­ner u.a. – und ent­fal­ten davon aus­ge­hend unter­halt­sam ihr jewei­li­ges The­ma: Digi­ta­le Simu­la­ti­on von Gefüh­len, War­um KIs nicht den­ken kön­nen, Zur Ethik der Kom­mu­ni­ka­ti­on im Inter­net, Die Uto­pie der Liquid Demo­cra­cy, Die trans­hu­ma­nis­ti­sche Ver­su­chung etc. Auf die­se Wei­se wol­len die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin und Film­theo­re­ti­ke­rin Natha­lie Wei­den­feld und der Phi­lo­soph und Wis­sen­schafts­theo­re­ti­ker Juli­an Nida-Rüme­lin die „tro­cke­ne phi­lo­so­phi­sche Ana­ly­se mit fik­tio­na­len Wel­ten“ ver­bin­den, um das Gan­ze „erfah­rungs­ge­sät­tig­ter und lebens­na­her zu machen“ (S. 14). Die fil­mi­schen Bei­spie­le – das muss man sich als Lese­rin oder Leser klar­ma­chen –  die­nen dabei nicht als Bele­ge für die ver­tre­te­nen The­sen, son­dern zu deren Illus­tra­ti­on. 

Das huma­nis­ti­sche Kern­stück des Buches ist das Anlie­gen, ange­sichts von Digi­ta­li­sie­rung und Künst­li­cher Intel­li­genz einen blei­ben­den kate­go­ria­len Unter­schied von Mensch und Maschi­ne, von Gehirn und Com­pu­ter, zu begrün­den. Maschi­nen kön­nen nicht emp­fin­den, nicht ent­schei­den, nicht den­ken und kei­ne mora­li­schen Urtei­le fäl­len. Sie kön­nen – so Nida-Rüme­lin und Wei­den­feld ­– all das nur simu­lie­ren. Ava gau­kelt Caleb in Ex Machi­na Gefüh­le vor, sie hat aber nicht wirk­lich wel­che und ver­steht auch nicht, was es heißt, Gefüh­le zu haben (Kapi­tel 3). In Matrix kann Neo am Ende eine von Grün­den gelei­te­te Ent­schei­dung tref­fen, er ist nicht wie die Maschi­nen aus­schließ­lich den Geset­zen der Kau­sa­li­tät unter­wor­fen (Kapi­tel 4). Der Astro­naut Dave stirbt am Ende von 2001: Ody­see im Welt­raum, weil sich unse­re kom­ple­xe ethi­sche Ver­stän­di­gungs­pra­xis des Gebens und Neh­mens von Grün­den, die ein eigen­stän­di­ges Erfas­sen von Sinn und Bedeu­tung impli­ziert, nicht algo­rith­mi­sie­ren lässt: Der Bord­com­pu­ter HAL bricht das Gespräch ab (Kapi­tel 11). Viel­leicht lässt sich dies – expli­zi­ter als im Buch – fas­sen als die not­wen­di­ge Unter­schei­dung von einer­seits „Intel­li­genz“, die auch Com­pu­ter und Robo­ter haben kön­nen, und ande­rer­seits „Bewusst­sein“ (als „ver­kör­per­tes“ zu ver­ste­hen), das mehr ist als Intel­li­genz und das Maschi­nen nicht haben kön­nen.

Zusam­men mit dem Simu­la­ti­ons­ar­gu­ment, das im Übri­gen nicht aus­schließt, dass Maschi­nen man­che Din­ge bes­ser und schnel­ler erle­di­gen kön­nen als Men­schen (z.B. Ver­ar­bei­tung gro­ßer Daten­men­gen oder Berech­nun­gen), spielt im Buch die Grund­an­nah­me einer weit­ge­hen­den „Unver­än­der­lich­keit der Men­schen­na­tur“ (S. 206) bzw. der mensch­li­chen Lebens­form eine zen­tra­le argu­men­ta­ti­ve Rol­le: Men­schen haben spe­zi­fi­sche natür­li­che Eigen­schaf­ten, die sich auch durch Digi­ta­li­sie­rung nicht ändern. Die­ser rela­tiv star­ke essen­tia­lis­ti­sche Grund­zug wird unter Huma­nis­tin­nen und Huma­nis­ten zu dis­ku­tie­ren sein. Gerät so nicht aus dem Blick, dass auch das Ver­ständ­nis des „Mensch­li­chen“ sich his­to­risch ändern kann? Dass z.B. der Mensch, so wie wir ihn heu­te ken­nen, sich unter Ver­küm­me­rung des heu­te als „mensch­lich“ Gel­ten­den durch­aus in Rich­tung „Maschi­ne“ ent­wi­ckeln kann? Was sich ja durch­aus schon manch­mal beob­ach­ten lässt. Wir hät­ten dann nicht etwa Maschi­nen gebaut, die Men­schen simu­lie­ren, son­dern die Men­schen hät­ten sich ein Bei­spiel an den Maschi­nen genom­men.

Wenn Nida-Rüme­lin und Wei­den­feld über die „Sili­con-Val­ley-Ideo­lo­gie“, die „Digi­ta­li­sie­rungs­ideo­lo­gie“ oder die „KI-Ideo­lo­gie“ schrei­ben, so laden sie uns sin­ni­ger­wei­se zum Nach­den­ken dar­über ein, ob die­sen nicht die irri­ge Annah­me einer voll­stän­di­gen Mathe­ma­ti­sier­bar­keit der Welt und des mensch­li­chen Lebens zugrun­de liegt. Den „digi­ta­len Huma­nis­mus“ sehen sie als eine Alter­na­ti­ve zu die­sen „Ideo­lo­gien“, eine Ethik für das Zeit­al­ter der künst­li­chen Intel­li­genz. Jen­seits von Tech­ni­k­eu­pho­rie und Tech­nik­feind­schaft gehe es um „mensch­li­che Autor­schaft“: Dass Men­schen die Mög­lich­kei­ten der Tech­nik ethisch bewusst für sich nut­zen, anstatt sich ihr zu unter­wer­fen. Das ist natür­lich nicht neu, aber auch nicht des­we­gen falsch.

Gele­gent­lich schei­nen die phi­lo­so­phi­schen Aus­füh­run­gen etwas zu sehr im Modus des Behaup­tens oder Sol­lens („wir soll­ten …“) und Dür­fens („wir dür­fen nicht …“) gehal­ten zu sein. Was z.B. im Kapi­tel 4 zur Wil­lens­frei­heit her­vor­tritt: Dass die Ver­nei­nung des Vor­han­den­seins von Wil­lens­frei­heit nicht unse­ren Gefüh­len, unse­rem Selbst­bild oder unse­rer Lebens­form ent­spricht, ist ja nicht ohne wei­te­re Erklä­run­gen ein Beleg für ihr Vor­han­den­sein, denn wir kön­nen uns über uns täu­schen. Hier wird man zusätz­lich auf ande­re ein­schlä­gi­ge Publi­ka­tio­nen von Nida-Rüme­lin zurück­grei­fen müs­sen.  Das Buch hat ein­füh­ren­den Cha­rak­ter und lie­fert als sol­ches reich­lich Denkan­re­gun­gen. Wer sich mit den „digi­ta­len The­men“ schon inten­si­ver beschäf­tigt hat, wird aber eher von den phi­lo­so­phi­schen Erör­te­run­gen in huma­nis­ti­scher Per­spek­ti­ve pro­fi­tie­ren kön­nen. Die­se wie­der­um sind stel­len­wei­se anspruchs­voll, aber hier – und das ist gut so – nicht zuge­schnit­ten auf phi­lo­so­phi­sches Fach­pu­bli­kum.

Juli­an Nida-Rüme­lin, Natha­lie Wei­den­feld:
Digi­ta­ler Huma­nis­mus. Eine Ethik für das Zeit­al­ter der Künst­li­chen Intel­li­genz

Erschie­nen im Piper Ver­lag
224 Sei­ten, Bro­schur, € 12
ISBN: 978–3‑492–31616‑3

Inhalt teilen

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

claudio-schwarz-wDGQ8dP14eM-unsplash
Offener Brief
Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs nach gesundheitsförderlichen, verfassungsrechtlichen und menschenrechtlichen Gesichtspunkten
42 Verbände und Organisationen, darunter auch der HVD Bundesverband, fordern den Bundeskanzler, die Bundesminister*innen und die Bundestagsabgeordneten der Regierungsparteien auf, noch in dieser Wahlperiode einen Gesetzesentwurf zur Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs zur Beratung und Abstimmung im Bundestag vorzulegen.
Beitrag lesen »
JNR
Julian Nida-Rümelin im Interview
Zur neuen Humanistischen Hochschule Berlin
Zum Wintersemester 2023/2024 hat die Humanistische Hochschule Berlin ihren Studienbetrieb aufgenommen. Ein Gespräch mit dem Rektor Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin über Aufbau, Finanzierung und Notwendigkeit der Hochschule.
Beitrag lesen »
The bonobo chimpanzees hugging in the wilderness in Democratic Republic of the Congo
Tierethik
Homo animali lupus est – eine philosophisch-humanistische Perspektive auf Tierethik
Der ethische Umgang mit Tieren stellt ein menschliches Problem dar, nämlich eine Herausforderung an die eigene Haltung, die Immanuel Kant als „sittliche“ gekennzeichnet hat. Dorothea Winter geht der Frage nach, wie die ethische Haltung Tieren gegenüber unter humanistischen Aspekten auszugestalten sei.
Beitrag lesen »
Nach oben scrollen