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Über das permanente Online-Sein

Selbstbestimmung im digitalen Zeitalter

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Beitragsbild: PxHere | CC0 1.0 Universal

Es braucht ein abgerüsteten und nicht-illusionären Verständnis von Selbstbestimmung, mit dem man sowohl an dem humanistischen Impuls eines selbstbestimmten Lebens festhalten kann, als auch die heteronomen Seiten des menschlichen Lebens nicht übergeht.

„Man schaut nicht ein­fach hin und wählt etwas, man steckt immer schon bis zum Hals im Leben.“

Iris Mur­doch

Liest man aktu­el­le Tex­te des Huma­nis­mus, ob Huma­nis­ti­sche Selbst­ver­ständ­nis­se, Rah­men­lehr­plä­ne von huma­nis­ti­scher Lebens­kun­de oder Pres­se­mit­tei­lun­gen zu jeweils gera­de aktu­el­len The­men wie z.B. zum assis­tier­ten Sui­zid, so ist schnell zu erken­nen, dass Selbst­be­stim­mung ein zen­tra­les Kon­zept min­des­tens des zeit­ge­nös­si­schen Huma­nis­mus ist. Gleich­zei­tig aber scheint nicht immer ohne Wei­te­res klar zu sein, was genau denn dabei unter Selbst­be­stim­mung zu ver­ste­hen ist und wie die­se sich mit ande­ren zen­tra­len Kon­zep­ten, z.B. Ver­ant­wor­tung, ver­trägt. Dabei wären sol­che Klä­run­gen hilf­reich auch gegen­über man­chen deter­mi­nis­ti­schen Ten­den­zen in der Hirn­for­schung wie ange­sichts der Digi­ta­li­sie­rung unse­rer Lebens­ver­hält­nis­se. Klä­run­gen die­ser Art sind kei­nes­wegs phi­lo­so­phi­sche Selbst­be­schäf­ti­gung, denn Kon­zep­te und Begrif­fe kön­nen uns als nor­ma­ti­ve Folie bzw. regu­la­ti­ve ethi­sche Idee hel­fen, indi­vi­du­el­le Ver­hal­tens­wei­sen und gesell­schaft­li­che Ver­hält­nis­se zu beur­tei­len und zu kri­ti­sie­ren.

Anspruch und Zweifel

In einem grund­le­gen­den Sin­ne ist zunächst durch­aus klar, woher der huma­nis­ti­sche Impuls nach Selbst­be­stim­mung rührt: Er rich­tet sich gegen Fremd­be­stim­mung durch reli­giö­se Auto­ri­tä­ten und Schrif­ten, poli­ti­sche Füh­rer und auto­ri­tä­re Herr­schafts­for­men oder auch hier­ar­chi­sche Bezie­hungs­for­men. Ist nun Selbst­be­stim­mung aber noch mehr als Wider­stand gegen Fremd­be­stim­mung?

Bei einer sol­chen Über­le­gung soll­te man ver­su­chen, an unse­rem All­tags­le­ben, an unse­rer Pra­xis und unse­rem schon vor­han­de­nen Ver­ständ­nis von Selbst­be­stim­mung anzu­knüp­fen. So kommt man gar nicht erst in Ver­su­chung, von der theo­re­ti­schen Idyl­le eines voll­ends selbst­be­stimm­ten Lebens aus­zu­ge­hen, son­dern steckt sofort mit­ten in einem Span­nungs­ver­hält­nis: Wir haben einer­seits den Anspruch und das Selbst­ver­ständ­nis, ein mög­lichst selbst­be­stimm­tes Leben füh­ren zu wol­len, und ander­seits erle­ben wir im All­tag eine gan­ze Rei­he von Schwie­rig­kei­ten und Hin­der­nis­sen, die uns an der Mög­lich­keit von Selbst­be­stim­mung zwei­feln las­sen. Uns pas­sie­ren Din­ge, auf die wir kei­nen Ein­fluss haben und die unse­re Wün­sche und Plä­ne durch­kreu­zen. Wir sind bio­gra­fisch geprägt und unter­lie­gen vor­ge­ge­be­nen gesell­schaft­li­chen wie bio­lo­gi­schen Bedin­gun­gen. Im sozia­len Umfeld erge­ben sich stets Rück­sicht­nah­men auf ande­re oder Ver­pflich­tun­gen ihnen gegen­über, die uns in unse­rer Selbst­be­stim­mung ein­schrän­ken kön­nen.

Die­ses Span­nungs­ver­hält­nis gehört zu einem moder­nen Ver­ständ­nis von Selbst­be­stim­mung dazu: Selbst­be­stim­mung ist kein „Pony­hof“ und man soll­te sie ent­spre­chend nicht als etwas Selbst­ver­ständ­li­ches und Unkom­pli­zier­tes pro­pa­gie­ren. Über­le­gen Sie: Wann schrei­ben Sie sich oder einer ande­ren Per­son zu, dass sie selbst­be­stimmt agiert? Pro­bie­ren wir das an einem all­täg­li­chen Bei­spiel.

Wenn das Smartphone zweimal „klingelt“

Stel­len Sie sich eine Per­son vor, deren Smart­phone stän­dig Töne von sich gibt und die jedes Mal ohne zu zögern auf ihr Dis­play schaut. Rührt es sich mal nicht, schaut sie natür­lich erst recht. Die­se Per­son möch­te ger­ne wis­sen, wer sich da gera­de mel­det oder eben auch nicht. Wür­den Sie sagen, die Per­son han­delt selbst­be­stimmt, weil sie ja schließ­lich ihren eige­nen spon­ta­nen Wün­schen folgt? Oder wür­den Sie sagen: Nein, zur Selbst­be­stim­mung gehört auch eine Refle­xi­on der eige­nen Wün­sche, d.h. die Über­le­gung, ob man die­sen Wunsch wirk­lich ver­fol­gen will, oder nicht? Ist Selbst­be­stim­mung also ein­fa­che Wunsch­er­fül­lung oder refle­xi­ver Ver­folg der eige­nen Wün­sche? 

Neh­men wir an, es reicht Ihnen nicht, Selbst­be­stim­mung nur als Erfül­lung der jeweils gera­de vor­lie­gen­den Wün­sche zu ver­ste­hen. Sie den­ken, dass ein Min­dest­maß an Refle­xi­on dazu­ge­hört. Reicht es Ihnen dann für Ihr Ver­ständ­nis von Selbst­be­stim­mung, wenn unse­re Per­son sich nach einer Refle­xi­on ihrer spon­ta­nen Wün­sche auf einer zwei­ten Stu­fe mit die­sen iden­ti­fi­ziert, sie bejaht und z.B. wie­der zum Smart­phone greift, um zu schau­en, ob eine neue Nach­richt da ist? Oder wür­den Sie sagen: Nein, die Per­son soll­te auch einen guten Grund für ihre Ent­schei­dung haben. Soll­te die Refle­xi­on also min­des­tens eine halb­wegs gute Begrün­dung her­vor­brin­gen (z. B. weil unse­re Per­son wirk­lich auf eine sehr wich­ti­ge Nach­richt war­tet), oder ist das egal, reicht es Ihnen, wenn sie zumin­dest irgend­wie nach­ge­dacht hat?

Neh­men wir an, Sie sind der Ansicht, zur Selbst­be­stim­mung gehört es, dass man halb­wegs gute Grün­de für sei­ne Ent­schei­dun­gen hat, damit man nicht von irgend­wel­chen dif­fu­sen Moti­ven ange­trie­ben wird. Wür­den Sie sagen, man soll­te bei der Refle­xi­on der eige­nen Grün­de vor allem auch über­le­gen, ob die eige­nen Wün­sche wirk­lich die eige­nen sind? Und ob sie nicht statt­des­sen nur vom sozia­len Umfeld gelehrt, auf­er­legt oder gar mani­pu­liert wur­den? Wür­den Sie sagen, es gehört zur gelun­ge­nen Selbst­be­stim­mung dazu, dass man sich selbst Rechen­schaft über die Her­kunft der eige­nen Wün­sche gibt? Soll­te unse­re Per­son sicher sein, dass es ihr eige­ner Wunsch ist, stän­dig zum Smart­phone zu grei­fen und nicht eine durch die Sozia­len Netz­wer­ke ver­ur­sach­te Zwang­haf­tig­keit?

Neh­men wir nun an, die Per­son hat für sich einen guten Grund und ist über­zeugt, es han­delt sich um ihren eige­nen Wunsch. Wür­den Sie sagen, die­ser Grund soll­te auch für ande­re ver­ständ­lich sein? Reicht es, wenn die­se Per­son z.B. sagt, „Ich möch­te da immer nach­gu­cken, am liebs­ten auch nachts, weil ich sonst die wirk­lich wich­ti­gen Din­ge des Lebens ver­pas­se“? Oder wür­den Sie sagen, die­se Per­son han­delt dann eigent­lich nicht wirk­lich selbst­be­stimmt, denn sie befin­det sich im Irr­tum über sich selbst und die Welt? Ver­hin­dert Selbst­täu­schung Ihres Erach­tens Selbst­be­stim­mung?

Und gehen wir noch einen Schritt wei­ter: Was wür­den Sie sagen, wenn unse­re Per­son des­halb stän­dig auf ihr Smart­phone schaut, weil sie wis­sen will, wie ihr neu­es­tes Mob­bing-Video über eine Mit­schü­le­rin im Netz ankommt. Wür­den Sie sagen, das ist natür­lich schlimm, aber für die Fra­ge der Selbst­be­stim­mung ist es völ­lig uner­heb­lich, ob es sich um ethisch wert­vol­le oder bos­haf­te Wün­sche bzw. Aktio­nen han­delt? Wür­den Sie also sagen, auch eine mora­lisch ver­werf­li­che Hand­lung kann eine selbst­be­stimm­te Hand­lung sein? Oder wür­den Sie statt­des­sen sagen, das kann kei­ne selbst­be­stimm­te Hand­lung sein, weil es zu einem rich­ti­gen huma­nis­ti­schen Ver­ständ­nis von Selbst­be­stim­mung dazu gehört, nicht nur die eige­ne Selbst­be­stim­mung, son­dern auch die des ande­ren zu ach­ten? Wür­den Sie sagen, dass man Selbst­be­stim­mung nur dann wirk­lich wert­schätzt und dass es merk­wür­dig ist, wenn man nur die eige­ne meint? Dass jemand, der ein sol­ches Video pos­tet, nicht wirk­lich selbst­be­stimmt han­delt, weil er Selbst­be­stim­mung mit ego­is­ti­scher Will­kürf­rei­heit ver­wech­selt?  

Und natür­lich kann man es noch wei­ter­trei­ben: Stel­len Sie sich vor, unse­re Per­son lebt in einem Land, in dem das per­ma­nen­te Online-Sein eine ver­brei­te­te gesell­schaft­li­che Norm ist: alle machen das und alle sol­len das auch. In ihrem nahen sozia­len Umfeld wird unse­re Per­son mas­siv „gedisst“, wenn sie nicht erreich­bar ist und nicht umge­hend auf alle ein­tref­fen­den Nach­rich­ten ant­wor­tet. Wür­den Sie unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen den stän­di­gen Griff nach dem Smart­phone als selbst­be­stimmt bezeich­nen? Oder wür­den Sie sagen, unter sol­chen gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen ist in die­ser Hin­sicht über­haupt kei­ne Selbst­be­stim­mung mög­lich, bzw. sie kann eigent­lich nur in der Ver­wei­ge­rung der Norm bestehen?

Zeigt uns die­se letz­te Wen­dung womög­lich auch noch, dass sozia­le Aner­ken­nung eine not­wen­di­ge Bedin­gung für die Rea­li­sie­rung von Selbst­be­stim­mung ist? Kann man erwar­ten, dass unse­re Per­son „off­line“ geht, wenn sie dafür von nie­man­dem respek­tiert und aner­kannt wird, wenn ihr Stre­ben nach Selbst­be­stim­mung nicht von ande­ren wert­ge­schätzt wird?

Abrüsten und festhalten

Des­to wei­ter Sie jetzt gera­de mit­ge­gan­gen sind, des­to anspruchs­vol­ler, kom­ple­xer und stär­ker ist Ihr Ver­ständ­nis von Selbst­be­stim­mung. Was nicht not­wen­dig bedeu­tet, ein über­trie­ben idea­lis­ti­sches Ver­ständ­nis zu haben. Schließ­lich muss man ja nicht davon aus­ge­hen, dass das mit der Selbst­be­stim­mung stets und in jedem Lebens­be­reich klappt. Sie kann sich lokal, d.h. in ein­zel­nen Berei­chen rea­li­sie­ren, sie muss nicht als „tota­le“ – immer und in allen Lebens­be­rei­chen – ver­stan­den wer­den. Sie ist dann gra­du­ell und stets nur als ein beweg­li­ches Misch­ver­hält­nis von Selbst- und Fremd­be­stim­mung zu haben. Ein star­kes und anspruchs­vol­les Ver­ständ­nis von Selbst­be­stim­mung mag als Ansporn die­nen, sel­ber und mit ande­ren eini­ges dafür zu tun: sich Spiel­räu­me zu erar­bei­ten und Gesell­schaft poli­tisch so zu gestal­ten, damit Selbst­be­stim­mung so weit wie eben mög­lich gelingt. Das Ver­ständ­nis soll­te aller­dings nicht zu stark und zu anspruchs­voll sein, sodass es kaum noch jemand erfül­len kann. Es bedarf eines abge­rüs­te­ten und nicht-illu­sio­nä­ren Ver­ständ­nis von Selbst­be­stim­mung, mit dem man sowohl an dem huma­nis­ti­schen Impuls eines selbst­be­stimm­ten Lebens fest­hal­ten kann, als auch die hete­ro­no­men Sei­ten des mensch­li­chen Lebens nicht über­geht.

Die aus­führ­li­che Fas­sung des Bei­tra­ges ist erschie­nen in:
Ralf Schöpp­ner (Hrsg.): Huma­nis­ti­sche Iden­ti­tät heu­te – Huma­nis­mus zwi­schen Uni­ver­sa­lis­mus und Iden­ti­täts­po­li­tik. Band 12 der Schrif­ten­rei­he der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin-Bran­den­burg, Ali­bri-Ver­lag, Aschaf­fen­burg 2019.

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