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Venezianische Dekadenz

Strategien gegen die Kultur der Maßlosigkeit

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Panorama eines Kreuzfahrtschiffs in Venedig, 2019.
Von sich aus drängt der Mensch eher rücksichtslos auf die Entfaltung seiner selbst. Das tut er zweifellos auf Kosten der Umwelt, was wiederum seine eigene Lebensgrundlage zerstört. Maßvolles Handeln hilft, dem Dilemma zu begegnen. Doch dafür den notwendigen Verzicht zu üben, fällt den meisten Menschen schwer.

San­ta Maria del­la Salu­te! – So lau­tet der Name der vene­zia­ni­schen Kir­che an der Süd­spit­ze des Canal Gran­de. Die Basi­li­ka aus dem 17. Jahr­hun­dert wur­de wie die gan­ze Stadt auf Holz­pfäh­len errich­tet. 12.000 Eichen­stäm­me bil­de­ten das Fun­da­ment allein von die­sem Kir­chen­bau. Über­haupt war Vene­digs Holz­be­darf enorm. Köh­ler, Schmie­den und Pech­sie­der ver­lang­ten nach dem Roh­stoff genau­so wie die Werft der Mar­kus­re­pu­blik. Besag­te Indus­trie­an­la­ge war eine der größ­ten Euro­pas.

Bereits 200 Jah­re zuvor hat­te der vene­zia­ni­sche Senat die Not­wen­dig­keit nach­hal­ti­gen Wirt­schaf­tens erkannt. Seit 1458 unter­hielt man eine Forst­be­hör­de, die 1630 inter­ve­nier­te, als es an den Bau der San­ta Maria ging. Die Staats­fors­te auf dem Fest­land hät­ten den Ein­griff nicht mehr ver­kraf­tet. Weil man aber Gott gegen­über ein Ver­spre­chen gemacht hat­te, die Kir­che zu errich­ten, hielt man an den Plä­nen fest. So ließ man das Holz zu einem Viel­fa­chen des eigent­li­chen Prei­ses impor­tie­ren.

Genützt hat es nichts. Schon bald war Vene­dig wie­der ver­stärkt auf die eige­nen Res­sour­cen ange­wie­sen; denn die Wirt­schafts­be­zie­hun­gen der Mar­kus­re­pu­blik schrumpf­ten. Der trans­at­lan­ti­sche Über­see­han­del, den die west­li­chen und nörd­li­chen Län­der Euro­pas auf­grund zuneh­men­der Kolo­nie­grün­dun­gen aus­bau­ten, mach­te den Vene­zia­nern seit Anfang des 17. Jahr­hun­derts immer stär­ker Kon­kur­renz. Um einen Kol­laps des Öko­sys­tems Wald zu ver­hin­dern, griff die vene­zia­ni­sche Regie­rung 1668 zu einer dras­ti­schen Maß­nah­me. Der ille­ga­le Holz­schlag, aber auch das blo­ße Betre­ten der Fors­te war nun bei Todes­stra­fe ver­bo­ten.

Was dem Menschen zum Verhängnis wird, ist die Unfähigkeit, das eigene Wachstum zu beherrschen

Zur glei­chen Zeit bedien­te man sich auch in Groß­bri­tan­ni­en der Stra­te­gie, durch Impor­te die eige­nen Res­sour­cen zu scho­nen; denn der Aus­bau zur See­macht hat­te dort eben­falls die Wäl­der schrump­fen las­sen. Bereits zuvor waren die Anstren­gun­gen, die die Bri­ten in den ame­ri­ka­ni­schen Kolo­nien unter­nah­men, auf eine nack­te Aus­beu­tung der natür­li­chen Roh­stof­fe ange­legt. Dies ging ein­her mit Skla­ve­rei und der Ver­nich­tung der indi­ge­nen Bevöl­ke­rung. Ab Mit­te des 17. Jahr­hun­derts wur­de dann ver­stärkt Holz nach Groß­bri­tan­ni­en impor­tiert. Doch auch mit die­ser Roh­stoff­gier war der Gip­fel der Maß­lo­sig­keit noch nicht erreicht. Was als mer­kan­ti­le Stär­kung des Außen­han­dels inner­halb feu­da­ler Gren­zen begann, ent­wi­ckel­te wäh­rend der Indus­tria­li­sie­rung des 18. Jahr­hun­derts zuneh­mend ein Eigen­le­ben. Um mit Marx zu spre­chen: „Jetzt wird der Han­del [zum] Die­ner der indus­tri­el­len Pro­duk­ti­on, für [den] die bestän­di­ge Erwei­te­rung des Markts Lebens­be­din­gung ist.

An die­sem Zustand hat sich bis heu­te nichts geän­dert. Zum Ver­gleich: Ursprüng­lich war Han­del ein Mit­tel, um exis­ten­zi­el­le Bedürf­nis­se zu befrie­di­gen, die man aus eige­nen Anstren­gun­gen nicht hat stil­len kön­nen. Naiv gespro­chen: Brauch­te man Wei­zen, wur­de Wei­zen nach­ge­fragt; gab es genug Wei­zen, wur­den alle satt und der Markt kam in gesun­der Wei­se zum Erlie­gen. Ein sol­cher Ide­al­zu­stand des maß­vol­len Waren­ver­kehrs scheint heu­te unvor­stell­bar; denn unser kapi­ta­lis­ti­sches Sys­tem, an das wir so gewöhnt sind, zeich­net sich vor allem dadurch aus, dass es Bedürf­nis­se über den not­wen­di­gen Bedarf hin­aus künst­lich erzeugt. Gerä­te wer­den mit­un­ter so her­ge­stellt, dass sie früh­zei­tig ver­schlei­ßen, was uns zum Neu­kauf nötigt. Über­haupt sind die meis­ten Pro­duk­te schlicht­weg über­flüs­sig. Wer­bung bom­bar­diert uns aller Orten. Die glo­ba­len Pro­dukt­schöp­fungs­ge­flech­te sind undurch­schau­bar. All das ver­schlei­ert uns die Sicht auf die tat­säch­li­chen Bedin­gun­gen der Pro­duk­ti­on. Heu­te wie damals erscheint uns das Leben in unse­rer Über­fluss­ge­sell­schaft ledig­lich als ver­ant­wor­tungs­voll, weil wir die tat­säch­li­che Aus­beu­tung nicht vor Augen haben (wol­len).

Wir leben über unsere Verhältnisse. Das haben wir immer getan

Den Preis für unse­ren maß­lo­sen Wohl­stand zah­len zunächst ande­re. Letzt­lich lei­det jedoch die gan­ze Mensch­heit und mit uns alle Lebe­we­sen des Pla­ne­ten. Es gilt, den eige­nen öko­lo­gi­schen Fuß- und CO₂-Abdruck so gering wie mög­lich zu hal­ten und glo­ba­le Wert­schöp­fungs­ket­ten in eine loka­le Kreis­lauf­wirt­schaft (Crad­le to Crad­le) umzu­wan­deln. Bei die­sem Ver­fah­ren wer­den Pro­duk­te so kon­zi­piert, dass sich all ihre Bestand­tei­le ent­we­der in die Natur zurück­füh­ren oder in ande­ren Pro­duk­ten wie­der­ver­wer­ten las­sen.

Über­haupt sind die Ver­su­che des Ein­zel­nen, sich bezüg­lich des eige­nen Ver­brau­cher­ver­hal­tens in Dis­zi­plin zu üben, nur bedingt von Erfolg gekrönt. Erfolg­ver­spre­chen­der ist es, wenn wir uns die Kon­se­quen­zen des Wachs­tums in aller wahr­heits­lie­ben­den Dras­tik vor Augen hal­ten, um uns dann die Schran­ken für unser maß­lo­ses Han­deln selbst, und zwar per Gesetz auf­zu­er­le­gen.

Die Humanistischen Verbände sind gefordert, den Kampf gegen die strukturelle Ignoranz zu führen

Als Inter­es­sen­ge­mein­schaft der Ver­nünf­ti­gen ist es unse­re Auf­ga­be, jene not­wen­di­gen und gewoll­ten Ein­schnit­te, die sich von ech­ten Grün­den und Mehr­hei­ten tra­gen las­sen, als Regeln in einem neu­en Gesell­schafts­ver­trag zu ver­an­kern. Dies ist ein gesamt­ge­sell­schaft­li­ches Anlie­gen. Dabei müs­sen wir alle Bür­ge­rin­nen und Bür­ger mit­neh­men und uns jenen anschlie­ßen, die die bes­ten Ideen bereits ent­wi­ckelt haben. Über die Ver­bands­gren­zen hin­aus gilt es, per Geset­zes­in­itia­ti­ve öko­lo­gi­sche Alter­na­ti­ven zu beför­dern, die viel­leicht nicht jetzt, aber doch in Zukunft für unse­re Kin­der einen Mehr­wert stif­ten, damit sie uns nicht ver­flu­chen, son­dern unse­re Epo­che als wirk­lich fort­schritt­lich in Erin­ne­rung behal­ten.

Fort­schritt meint dabei nicht mehr ein „Höher, Schnel­ler, Wei­ter”. Ech­ter Fort­schritt gemes­sen an Wohl­stand und Lebens­qua­li­tät, die er uns ver­spricht, muss zukünf­tig defi­niert wer­den durch unse­re Fähig­keit, maß­zu­hal­ten.

Wir brauchen eine geregelte Maßgabe unseres Handelns

Die Ethik dazu exis­tiert seit der Anti­ke. Ver­ge­gen­wär­tigt wur­de sie mit­un­ter auch schon im Vene­dig der Renais­sance, und zwar zu jener Zeit, als die vene­zia­ni­sche Forst­be­hör­de gegrün­det wur­de. Der damals auf­kom­men­de Buch­druck hat­te das Inter­es­se am grie­chi­schen Geis­tes­er­be beför­dert. Noch heu­te lässt sich mit den Inhal­ten die­ser Phi­lo­so­phie unser Mach­bar­keits­wahn als etwas Unmensch­li­ches, weil Gött­li­ches begrei­fen, das sich für einen Men­schen nicht gehört.

Eine sol­che Hybris war der größ­te mora­li­sche Fre­vel, den man im anti­ken Grie­chen­land vor allem an sich selbst hat bege­hen kön­nen. Es ist die Anma­ßung, sich als gott­gleich zu begrei­fen, indem man sich von den irdi­schen Kon­se­quen­zen sei­nes Han­delns ent­bun­den glaubt. „Hybris”, aktua­li­sier­te schon vor uns Fried­rich Nietz­sche, „ist heu­te unse­re gan­ze Stel­lung zur Natur, unse­re Natur­ver­ge­wal­ti­gung mit Hil­fe der Maschi­nen und der so unbe­denk­li­chen Tech­ni­ker- und Inge­nieu­rer­find­sam­keit.”

Die alt­grie­chi­sche (dra­ma­ti­sche) Lite­ra­tur wird in viel­fäl­ti­ger Wei­se vom The­ma der Hybris durch­spielt. Ihr gegen­über steht die Sophro­sy­ne – das Maß­hal­ten, die Beson­nen­heit. Als Mit­tel zur Ein­sicht dient die Selbst­er­kennt­nis, durch die der Mensch sei­ne tat­säch­lich fra­gi­le Kon­di­ti­on begreift. Mit der Kata­stro­phe vor Augen muss er erken­nen, dass sein Leid und das Leid der ande­ren dem eige­nen anma­ßen­den Ver­hal­ten geschul­det ist.

Die anti­ke Lite­ra­tur erin­nert uns noch heu­te an die zeit­lo­se Qua­li­tät der alt­grie­chi­schen Phi­lo­so­phie. In ihr fin­det sich besag­tes Prin­zip, das es in allen Lebens­be­rei­chen zu ver­wirk­li­chen gilt. Die lite­ra­ri­sche Kunst macht es vor. Bei dem Mensch­lichs­ten im Men­schen (gemeint sind Anteil­nah­me, Mit­mensch­lich­keit) han­delt es sich um Attri­bu­te des Maß­hal­tens und der Rück­sicht­nah­me. In ihnen gelangt das Bewusst­sein für die eige­ne Ver­ant­wor­tung über­haupt erst zum Aus­druck und zur Rei­fe.

Dieser Tage ist Venedig bedrohter denn je

Unse­re glo­ba­le Maß­lo­sig­keit und der dar­aus resul­tie­ren­de Kli­ma­wan­del lässt den Mee­res­spie­gel stei­gen. Der Gigan­tis­mus der Luxus­li­ner, die vor der Lagu­ne kreu­zen, ist das Sinn­bild unse­res Über­flus­ses – vor dem Hin­ter­grund einer sin­ken­den Stadt.

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