Zum Pride-Monat Juni

Ist „queer“ eine moderne Erfindung?

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Foto: Markus Aatz
Darstellung von Catharina Margaretha Linck in Männer- und Frauenkleidung (1720)
Geschlechtergrenzen werden nicht erst seit heute überschritten. Die außergewöhnliche Lebensgeschichte von Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel zeigt, wie eng Geschlecht, Freiheit und soziale Herkunft miteinander verbunden sind.

„Que­er – so einen Quatsch gab’s frü­her nicht!“ Ach ja? Dass es Homo­se­xua­li­tät gibt und immer gab, dar­an besteht sicher kein Zwei­fel. Von der staats­tra­gen­den Homo­se­xua­li­tät im anti­ken Grie­chen­land bis zur, teil­wei­se noch immer unter Stra­fe ste­hen­den, Homo­se­xua­li­tät der Neu­zeit: Nie­mand wird wohl die Exis­tenz des sexu­el­len Inter­es­ses am glei­chen Geschlecht in Fra­ge stel­len. Aber Que­er­ness? Män­ner, die sich in ihrem Kör­per nicht zu Hau­se füh­len, und umge­kehrt? Frau­en, die lie­ber als Män­ner leben wür­den, mit allen Kon­se­quen­zen?

Ja, hier und da gibt es ein Gerau­ne von der legen­dä­ren Päps­tin Johan­na, die durch eine Schwan­ger­schaft im 9. Jahr­hun­dert auf­ge­flo­gen sein soll. Wirk­lich exis­tiert hat Johan­na wohl nicht. Ihre Beweg­grün­de waren eher aka­de­mi­scher als sexu­el­ler Natur: Das Klos­ter, noch dazu die Kon­ven­te der Mön­che, waren zu ihrer Zeit die Orte, an denen ein wacher Geist Bil­dung erlan­gen konn­te. Also eher „Trans­ves­tit“ aus intel­lek­tu­el­len Grün­den als aus Nei­gung.

Ein ande­rer Fall ist jedoch beein­dru­ckend detail­liert über­lie­fert: 1687 kommt in Geho­fen, im Nor­den Thü­rin­gens, ein klei­nes Mäd­chen zur Welt: Catha­ri­na Mar­ga­re­tha Linck. Ihre Mut­ter ist eine ver­arm­te Wit­we; ein Sol­dat hat sie geschwän­gert. Mut­ter und Toch­ter schla­gen sich durch, bis sie im neu gegrün­de­ten Wai­sen­haus des Pie­tis­ten August Fran­cke unter­kom­men. Catha­ri­na erhält Schul­bil­dung und reli­giö­se Erzie­hung, mit zwölf Jah­ren schließt sie sich den „Ins­pi­ra­ten“ an, einer evan­ge­li­schen Abspal­tung – kehrt aber bald zurück und beginnt eine Leh­re bei einem Knopf­ma­cher und Kat­tun­dru­cker.

Mit 15 Jah­ren ver­lässt sie ihren Lehr­herrn und begibt sich auf Wan­der­schaft. In Cal­be an der Saa­le tritt sie erst­mals in Män­ner­klei­dung auf und rüs­tet sich mit einem Horn aus, mit dem sie im Ste­hen uri­nie­ren kann. Die Ver­klei­dung öff­net ihr nicht nur einen Weg aus der Armut, son­dern auch die Mög­lich­keit, sexu­el­le Bezie­hun­gen mit Frau­en ein­zu­ge­hen. Sie reist mit einer radi­kal­pie­tis­ti­schen Sek­te bis nach Nürn­berg, schließt sich den Täu­fern an, nimmt den Namen Ana­sta­si­us Lagran­ti­nus Rosen­s­ten­gel an und tritt als Pro­phet auf. 1705 wird sie Sol­dat im Spa­ni­schen Erb­fol­ge­krieg.

Obwohl sie mehr­fach als Frau ent­tarnt wird, gelingt es ihr über sie­ben Jah­re hin­weg, immer wie­der als Sol­dat ange­wor­ben zu wer­den. Als sie deser­tiert und gefasst wird, ret­tet ihr aus­ge­rech­net ihr wah­res Geschlecht das Leben: Sie gesteht ihrem Beicht­va­ter, eine Frau zu sein, und wird nach 16 Wochen Haft ent­las­sen.

Mit 30 Jah­ren hei­ra­tet sie 1717 ihre 19-jäh­ri­ge Gelieb­te Catha­ri­na Mar­ga­re­tha Mühl­hahn in Hal­ber­stadt. Doch die Schwie­ger­mut­ter schöpft von Anfang an Ver­dacht. Durch ihre Intri­gen müs­sen die bei­den die Stadt ver­las­sen und leben fort­an von der Bet­te­lei. In Müns­ter fin­den sie vor­über­ge­hend Unter­kunft in einem Jesui­ten­kol­leg, indem sie sich als reu­ige Sün­der aus­ge­ben, sich tau­fen las­sen und ein zwei­tes Mal hei­ra­ten. Das Klos­ter müs­sen sie jedoch bald wie­der ver­las­sen.

Das Ende kommt in Hal­ber­stadt: Bei einem Hand­ge­men­ge zwi­schen Rosen­s­ten­gel und der Schwie­ger­mut­ter wird eine Penis­at­trap­pe ent­deckt. Die Schwie­ger­mut­ter erstat­tet Anzei­ge. Der Pro­zess endet mit einem Todes­ur­teil – das Kri­mi­nal­ge­richt hat­te zunächst auf eine mil­de­re Stra­fe plä­diert, doch König Fried­rich Wil­helm I. ver­ur­teilt sie, die „Land-und-Leu­te-Betrü­ge­rin“ per­sön­lich zum Tode. Urteils­be­grün­dung: „Unzucht mit einem Wey­be“ – sie war die letz­te Frau, die des­we­gen in Euro­pa hin­ge­rich­tet wur­de.

Am 8. Novem­ber 1721 wird Ana­sta­si­us Lagran­ti­nus Rosen­s­ten­gel auf dem Fisch­markt in Hal­ber­stadt mit dem Schwert hin­ge­rich­tet. Ihre Ehe­frau kommt mit drei Jah­ren Zucht­haus davon und wird des Lan­des ver­wie­sen.

Die pro­mo­vier­te Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Ange­la Stei­de­le (*1968) nahm die Geschich­te der Catha­ri­na Mar­ga­re­tha Linck ali­as Ana­sta­si­us Lagran­ti­nus Rosen­s­ten­gel im Rah­men ihrer Dis­ser­ta­ti­on auf; die Geschich­te des ver­we­ge­nen Mäd­chens fas­zi­nier­te sie. Des­halb forsch­te sie spä­ter noch ein­mal in Gerichts­ak­ten und schrieb die his­to­ri­sche Doku­men­ta­ti­on „In Män­ner­klei­dern. Das ver­we­ge­ne Leben der Catha­ri­na Linck ali­as Ana­sta­si­us Lagran­ti­nus Rosen­s­ten­gel, hin­ge­rich­tet 1721“. Bio­gra­phie und Doku­men­ta­ti­on erschie­nen 2021 im Insel Ver­lag (ISBN-13: ‎978–3458770688).

Die Fra­ge, die Dr. Stei­de­le beschäf­tigt, lau­tet: War Catharina/Anastasius eine les­bi­sche Frau oder ein trans Mann? Wäre es ihr oder ihm leich­ter gefal­len, ein selbst­be­stimm­tes Leben zu füh­ren, wenn sie oder er in wohl­ha­ben­de­ren oder adli­gen Ver­hält­nis­sen gebo­ren wor­den wäre?

Dass Frau­en Män­ner­klei­der anle­gen, um zu kämp­fen oder ein selbst­be­stimm­tes Leben zu füh­ren, ist also nicht neu. Epi­po­le, Toch­ter des Tra­chion von Karys­tos, Hua Mulan, Jean­ne d’Arc, Eli­sa Ser­ve­ni­us, James Miran­da Bar­ry, Milun­ka Savić – um nur eini­ge weni­ge stell­ver­tre­tend zu nen­nen. Vie­le tap­fe­re Kämp­fe­rin­nen, teils uner­kannt, teils mit Frau­en ver­hei­ra­tet, man­che hoch­de­ko­riert. Wur­den sie ent­tarnt, war es oft genug ihr Todes­ur­teil.

Fazit mit Blick auf die Gegenwart

Gera­de heu­te zeigt die­se Geschich­te, wie eng Fra­gen von Geschlecht, Frei­heit und sozia­ler Her­kunft mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Was einst als „Unzucht“, Täu­schung oder Ver­bre­chen ver­folgt wur­de, wird heu­te zuneh­mend als Teil mensch­li­cher Viel­falt ver­stan­den. Gleich­zei­tig macht der Fall Catha­ri­na Mar­ga­re­tha Linck deut­lich, dass Selbst­be­stim­mung bis heu­te nicht für alle Men­schen glei­cher­ma­ßen selbst­ver­ständ­lich ist. Wer von der Norm abweicht, erlebt auch in der Gegen­wart noch Aus­gren­zung, Miss­trau­en oder Gewalt – des­halb bleibt die Aus­ein­an­der­set­zung mit sol­chen Lebens­ge­schich­ten nicht nur his­to­risch, son­dern hoch­ak­tu­ell.

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