Wie können Werte im Unterricht vermittelt weren?

Tagung der Humanistischen Akademie Deutschland: Werte fallen nicht vom Himmel

Über Religionsunterricht, Ersatzfächer und Formen von Humanismus- Unterricht sprachen und diskutierten (v.r.n.l.) Silvana Uhlrich-Knoll, Lutz Renken und Werner Schultz. Moderiert wurde das Podium von Tina Bär.
Über Religionsunterricht, Ersatzfächer und Formen von Humanismus- Unterricht sprachen und diskutierten (v.r.n.l.) Silvana Uhlrich-Knoll, Lutz Renken und Werner Schultz. Moderiert wurde das Podium von Tina Bär.

Beitragsbild: Evelin Frerk

Bei der Tagung der Humanistischen Akademie Deutschland auf dem Humanistentag 2019 in Hamburg ging es um die Fragen, ob und wie Werte vermittelt werden können und welche Rolle die Institution Schule mit ihrem in der Bundesrepublik sehr heterogenen Angebot von Wertefächern dabei spielt. Ein Rückblick auf die Tagung.

Ver­fasst in Zusam­men­ar­beit mit Ralf Schöpp­ner

Wenn Wer­te nicht vom Him­mel fal­len, wo kom­men sie dann her? Die­se Fra­ge stell­te Ralf Schöpp­ner, Geschäfts­füh­ren­der Direk­tor der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Deutsch­land in sei­nem Ein­füh­rungs­vor­trag zur Tagung und bot eini­ge Kan­di­da­tin­nen an: ein idea­les Reich der Ver­nunft oder der Gel­tung, Natur, Kul­tur, Gesell­schaft und Deli­be­ra­ti­on. Außer­dem warf er einen kri­ti­schen Blick auf die All­ge­gen­wär­tig­keit des Wer­te­dis­kur­ses, auf des­sen Gefah­ren wie Poten­zia­le. Zum einen sei­en die an die­sem Dis­kurs Betei­lig­ten oft­mals von dem Bedürf­nis gelei­tet, die je eige­nen Wer­te auto­ri­ta­tiv für alle ande­ren ver­bind­lich machen zu wol­len. Zum ande­ren aber gehe es den Betei­lig­ten wenigs­tens um etwas, sie sei­en nicht gleich­gül­tig, son­dern enga­gier­ten sich für wich­ti­ge Fra­gen und Pro­ble­me des Zusam­men­le­bens.    

Einen umfas­sen­den Ein­blick in die schu­li­sche Pra­xis erhiel­ten die Gäs­te von Chris­ti­na Gruh­ne in ihrem Vor­trag „Wer­te machen Schu­le. Chan­cen und Gren­zen schu­li­scher Wer­te­för­de­rung“. Die Gym­na­si­al­leh­re­rin und Fach­se­mi­nar­lei­te­rin am Stu­di­en­se­mi­nar Pots­dam ent­wi­ckel­te anhand eines prak­ti­schen Bei­spiels aus der kol­le­gia­len Pra­xis einer Bran­den­bur­ger Schu­le eine gan­ze Rei­he von The­sen dazu, was Wer­te sind und wie sie ent­ste­hen, z. B.:

  • Wert­set­zun­gen erfol­gen durch sub­jek­ti­ve Zuschrei­bun­gen.
  • Auch Grup­pen, Gemein­schaf­ten, Gesell­schaf­ten bil­den Wer­te aus, um ihr Zusam­men­le­ben zu opti­mie­ren.
  • Wer­te sind Vor­stel­lun­gen von per­sön­lich wie gesell­schaft­lich Wün­schens­wer­tem.
  • Men­schen bil­den Wert­hier­ar­chien aus, die immer in kon­kre­te Situa­tio­nen ein­ge­bun­den sind. Wert­hier­ar­chien sind auch abhän­gig von der Grup­pe, wel­che in der ent­spre­chen­den Situa­ti­on invol­viert ist.
  • Wer­te geben Ori­en­tie­rung und sind ver­än­der­bar.

Wei­ter nann­te die Refe­ren­tin Fak­to­ren, die im Lau­fe der Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung Her­an­wach­sen­der einen Ein­fluss auf die Bil­dung der Wert­hal­tung aus­üben (gesell­schaft­li­che Rah­men­be­din­gun­gen, Fami­lie, Peers, Medi­en u.a.) und ging die ver­schie­de­nen Ansät­ze zum Wer­tel­er­nen von Her­an­wach­sen­den durch. Heu­te hal­te man ins­be­son­de­re das Wer­tel­er­nen am Vor­bild und erfah­rungs- und hand­lungs­ori­en­tier­te Ansät­ze für aus­sichts­reich. Man müs­se dem­nach Kin­dern und Jugend­li­chen vor allem die Mög­lich­keit geben, ihren Wer­ten prak­tisch Aus­druck zu ver­lei­hen, statt nur dar­über zu reden oder zu beleh­ren. Gruh­ne hielt auch ihre kri­ti­sche Ein­schät­zung des Wer­tel­er­nens in eigens dafür kon­zi­pier­ten Schul­fä­chern nicht zurück und plä­dier­te für ein Gesamt­kon­zept ver­schie­de­ner For­men indi­rek­ter und direk­ter Wer­te­bil­dung im Gesamt­sys­tem Schu­le, in dem Aspek­te wie die Vor­bild­funk­ti­on der Lehrer*innen und eine wer­te­ori­en­tier­te Schul- und Kon­flikt­kul­tur eben­so eine Rol­le spie­len wie ein fächer­über­grei­fen­des Enga­ge­ment für Wer­te­bil­dung oder etwa den regu­lä­ren Unter­richt ergän­zen­de Pro­jek­te.

Das the­ma­tisch pro­fi­lier­te Publi­kum frag­te, ob man nicht unter­schei­den müs­se zwi­schen guten und schlech­ten Wer­ten, pro­ble­ma­ti­sier­te Wer­tungs­dif­fe­ren­zen – z. B. Eltern ver­sus Peers oder Alt­ein­ge­ses­se­ne ver­sus Zuge­zo­ge­ne – und stell­te den Wer­te­dis­kurs unter Neo­li­be­ra­lis­mus­ver­dacht. Gruh­ne hat­te von Anfang an auf die Anstren­gung ver­wie­sen, in plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaf­ten Wer­te immer wie­der aus­han­deln zu müs­sen, selbst wenn dies anstren­gend und auf­rei­bend sei. Als in eini­gen Wort­mel­dun­gen auf nicht­ver­han­del­ba­ren Wer­ten beharrt wur­de, ergänz­te sie, dass bei Ver­stö­ßen gegen uni­ver­sel­le Wer­te selbst­ver­ständ­lich deut­lich und klar sank­tio­niert wer­den müss­te. Aller­dings dürf­ten auch die­se Sank­tio­nen wie­der­um den bestehen­den Wer­te­kon­sens oder die uni­ver­sel­len Wer­te nicht ver­let­zen. Wenn einer Grup­pe bei­spiels­wei­se Respekt ein wich­ti­ger Wert sei, müs­se also auch respekt­voll sank­tio­niert wer­den. Wenn Men­schen­wür­de ein nicht ver­han­del­ba­rer Wert ist, dann dürf­te die­se auch bei Sank­tio­nen nicht ver­letzt wer­den. Letzt­lich trü­gen alle Men­schen einer Grup­pe oder Gesell­schaft die Ver­ant­wor­tung, für gemein­sa­me Wer­te ein­zu­ste­hen und danach zu han­deln. Wich­ti­ger als über Wer­te zu reden sei also, die­se auch im All­tag zu leben, so das Fazit.

Welche Formen von Humanismusunterricht?

Tina Bär von der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Deutsch­land lei­te­te das anschlie­ßen­de Podi­um „Wel­che For­men von Huma­nis­mus­un­ter­richt?“ ein, mit einem Über­blick über die ver­schie­de­nen For­men von Reli­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs- sowie Ethik­un­ter­rischt in der Bun­des­re­pu­blik. Von Ver­su­chen eines gemein­sa­men Wer­te­un­ter­richts in unter­schied­li­cher Trä­ger­schaft mit allen Schüler*innen bis hin zum klas­si­schen ver­pflich­ten­den Reli­gi­ons­un­ter­richt, von dem man sich mit je nach Bun­des­land vari­ie­ren­dem Schwie­rig­keits­grad für mehr oder weni­ger gut aus­ge­bau­te Ersatz­fä­cher abmel­den kann, haben die Bun­des­län­der sehr unter­schied­li­che Lösun­gen gefun­den. Drei davon wur­den von den Gäs­ten auf dem Podi­um, die gän­gi­ge Posi­tio­nen des huma­nis­tisch-säku­la­ren Spek­trums reprä­sen­tier­ten, exem­pla­risch dis­ku­tiert: Lutz Ren­ken vom Huma­nis­ti­schen Ver­band Nie­der­sach­sen ver­trat die Vari­an­te des nicht-bekennt­nis­ori­en­tier­ten Ersatz­fachs „Wer­te und Nor­men“, Wer­ner Schultz vom Huma­nis­ti­schen Ver­band Ber­lin-Bran­den­burg das soge­nann­te Ber­li­ner Model mit dem fakul­ta­ti­ven Bekennt­nis­fach Huma­nis­ti­sche Lebens­kun­de in den Klas­sen 1–6 und dem gemein­sa­men Fach Ethik in Klas­se 7–10; Sil­va­na Ulrich-Knoll vom Dach­ver­band frei­er Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten plä­dier­te für ein gemein­sa­mes Ethik­fach für alle anstel­le von sepa­ra­tem schu­li­schem Reli­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­un­ter­richt. 

In der Dis­kus­si­on war den Podi­ums­teil­neh­men­den ihr Anlie­gen deut­lich anzu­mer­ken, unter­schied­li­che Model­le in unter­schied­li­chen Bun­des­län­dern zu tole­rie­ren. Alle Lösun­gen hät­ten ihre Vor- und Nach­tei­le, aber alle ihre – vor allem prag­ma­tisch begrün­de­te – Recht­fer­ti­gung im Rah­men der jeweils bestehen­den Mög­lich­kei­ten. Dass es in einer plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft bes­ser sei, wenn die Kin­der sich in einem gemein­sa­men Ethik­un­ter­richt mit­ein­an­der aus­ein­an­der­set­zen, anstatt auf­ge­teilt nach Reli­gi­on und Welt­an­schau­ung nur getrennt in ein­zel­nen Grup­pen, war das zen­tra­le Argu­ment – im Publi­kum wie auf dem Podi­um – für einen gemein­sa­men Ethik­un­ter­richt. Für ein Bekennt­nis­fach Huma­nis­ti­sche Lebens­kun­de, wähl­bar als gleich­be­rech­tig­te Alter­na­ti­ve zum eben­so wei­ter­hin statt­fin­den­den Reli­gi­ons­un­ter­richt, wur­de neben des­sen Frei­wil­lig­keit und der Not­wen­dig­keit einer gesell­schaft­li­chen Inte­gra­ti­on von Reli­gi­on und Welt­an­schau­ung im schu­li­schen Rah­men vor allem ange­führt, dass die­ser – anders als der „nüch­ter­ne“ Ethik­un­ter­richt – für huma­nis­ti­sches gesell­schaft­li­ches Enga­ge­ment moti­vie­ren und in authen­ti­scher Wei­se ori­en­tie­ren­de Sinn­an­ge­bo­te machen kön­ne. Die päd­ago­gisch durch­aus nahe­lie­gen­de Fra­ge, wel­che Unter­richts­form gera­de auf­grund ihrer gerings­ten „Unter­richts­för­mig­keit“ (z. B. kei­ne Beno­tung) am bes­ten für Wer­te­för­de­rung geeig­net sei, wur­de erstaun­li­cher­wei­se nicht ver­tieft.

Kritik am „Religionsunterricht für alle“

Der drit­te und letz­te Teil der Tagung ziel­te dar­auf ab, das The­ma noch­mals vor dem loka­len bzw. regio­na­len Hin­ter­grund zu ver­tie­fen. Aus­ge­hend von der gene­rel­len Beja­hung eines inte­gra­ti­ven Wer­te­un­ter­richts für alle Kin­der kri­ti­sier­te Gise­la Schrö­der vom Säku­la­ren Forum Ham­burg in ihrem Vor­trag den soge­nann­ten „Reli­gi­ons­un­ter­richt für alle“ (RUFA) in der Han­se­stadt. In die­sem von der Evan­ge­lisch-Luthe­ri­schen Kir­che in Nord­deutsch­land ver­ant­wor­te­ten Unter­richt mit Abmel­de­mög­lich­keit wer­den die Schü­ler der Klas­sen 1–6 gemein­sam im Klas­sen­ver­band unter­rich­tet (danach ist er Wahl­pflicht­fach mit Phi­lo­so­phie als Alter­na­ti­ve). Schrö­der bemän­gel­te vor allem, dass es den Kon­fes­si­ons­frei­en (ca. 50 Pro­zent in Ham­burg) ver­wehrt wer­de, an der Gestal­tung des „Reli­gi­ons­un­ter­richts für alle“ mit­zu­wir­ken und dass die Inhal­te auf Reli­gi­on zen­triert und wenig bis gar nicht anspre­chend für kon­fes­si­ons­freie Kin­der sei­en.

In der Dis­kus­si­on wur­de dar­über hin­aus deut­lich, dass für vie­le Teil­neh­men­de ganz prin­zi­pi­ell die Tat­sa­che von ver­pflich­ten­dem Reli­gi­ons­un­ter­richt an öffent­li­chen Schu­len in Deutsch­land inak­zep­ta­bel ist. Bei­fall erhiel­ten Publi­kums­bei­trä­ge wie „Reli­gi­on raus aus der Schu­le“ oder For­de­run­gen nach stär­ke­rer schu­li­scher Kon­zen­tra­ti­on auf Natur­wis­sen­schaf­ten und Evo­lu­ti­ons­theo­rie. Auf dem von Chris­ti­an Lührs (Säku­la­res Forum Ham­burg) mode­rier­ten Podi­um hielt Kurt Edler, ehe­ma­li­ger Refe­rats­lei­ter am Lan­des­in­sti­tut für Leh­rer­bil­dung und Schul­ent­wick­lung in Ham­burg und Koor­di­na­tor der Deut­schen Gesell­schaft für Demo­kra­tie­päd­ago­gik, dage­gen: Reli­gi­ös-welt­an­schau­li­che Neu­tra­li­tät des Staa­tes bedeu­te auch, dass Reli­gio­nen sich in einem Bekennt­nis­un­ter­richt selbst erklä­ren dürf­ten; reli­giö­se Unbil­dung sei ein Ein­falls­tor für Extre­mis­mus; auch sei es bes­ser, das „Gan­ze“ zusam­men­zu­hal­ten, anstatt zum Welt­an­schau­ungs­kampf auf­ru­fen. Aller­dings war man sich auf dem Podi­um einig, dass es beim Ham­bur­ger RUFA deut­li­chen Nach­ar­bei­tungs­be­darf in Sachen Plu­ra­lis­mus­taug­lich­keit gäbe. Ins­be­son­de­re die ande­ren bei­den Podi­ums­gäs­te Bar­ba­ra Brü­ning (Uni­ver­si­tät Ham­burg) und Katha­ri­na Neef (Uni­ver­si­tät Leip­zig) gaben ihrer Sor­ge vor reli­giö­ser Über­wäl­ti­gung im Unter­richt Aus­druck und plä­dier­ten für eine ange­mes­se­ne­re Berück­sich­ti­gung der Phi­lo­so­phie im RUFA, anstel­le der ein­sei­ti­gen theo­lo­gi­schen Kon­zep­ti­on. 

Ins­ge­samt wur­de auf der Tagung die Kon­tro­ver­se um den Wer­te­un­ter­richt in Deutsch­land, ins­be­son­de­re der­je­ni­gen im säku­lar-huma­nis­ti­schen Spek­trum, deut­lich arti­ku­liert und in argu­men­ta­ti­ver Brei­te sehr reflek­tiert aus­ge­tra­gen. Kon­sens oder gar eine ein­heit­lich favo­ri­sier­te Lösung deu­te­ten sich – wie durch­aus erwar­tet – nicht an.

Dabei ließ sich nicht ganz der Ein­druck ver­mei­den, dass so man­cher am The­ma Wer­te inter­es­sier­te Mensch durch­aus dazu zu nei­gen scheint, schnell, viel und gele­gent­lich all­zu apo­dik­tisch zu bewer­ten. Viel­leicht aber gehört zu einem huma­nis­ti­schen Dis­kurs über Wer­te auch die Fähig­keit zu einer tem­po­rä­ren und par­ti­el­len Wer­tungs­abs­ti­nenz; eine Art auf­klä­re­ri­sche Befrei­ung vom auto­ma­ti­schen Impuls des eige­nen Bewer­tens, ein noch deut­li­che­res, zeit­wei­li­ges Ver­har­ren in der gemein­sa­men Refle­xi­on.

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