Diskussionsveranstaltung in Stuttgart

Staatsförderung und Säkularisierung? Zu einem breiten Spannungsfeld

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Beitragsbild: Dylan Gillis/unsplash

Wie lassen sich Staatsförderung und säkular-humanistische Ansinnen vereinbaren? Darüber diskutierten am 3. Februar in Stuttgart der Arbeitskreis Säkularität und Humanismus der SPD, die gbs Stuttgart und der Humanistische Verband Deutschlands.

Am Mon­tag, den 3. Febru­ar 2025, hat­ten die Huma­nis­ten Baden-Würt­tem­bergs zu einer inter­es­san­ten Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung ein­ge­la­den. The­ma war: „Staats­för­de­rung und Säku­la­ri­sie­rung? Zu einem brei­ten Span­nungs­feld.“

Das Ein­lei­tungs­re­fe­rat hielt Dr. Bru­no Osuch vom Huma­nis­ti­schen Ver­band Ber­lin-Bran­den­burg, zugleich Bun­des­be­auf­trag­ter für die poli­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on beim Huma­nis­ti­schen Ver­band Deutsch­lands. Für die Giord­a­no-Bru­no-Stif­tung (gbs) war Sebas­ti­an Schö­ning gekom­men. Der neu gegrün­de­te Arbeits­kreis Säku­la­ri­tät und Huma­nis­mus der SPD Baden-Würt­tem­berg wur­de durch Adri­an Gill­mann ver­tre­ten. Mode­riert wur­de die Dis­kus­si­on vom Geschäfts­füh­rer der Baden-Würt­tem­ber­gi­schen Huma­nis­ten, Andrée Ger­land, zugleich Mit­glied im neu gewähl­ten Bun­des­vor­stand des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Deutsch­lands. Her­vor­zu­he­ben ist, dass die Dis­kus­si­on äußerst kon­struk­tiv, kol­le­gi­al und freund­schaft­lich ver­lief.

In sei­nem Vor­trag erläu­ter­te Bru­no Osuch den Span­nungs­bo­gen zwi­schen Säku­la­ri­tät und öffent­li­cher För­de­rung anhand der Geschich­te des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Deutsch­lands bzw. sei­ner Vor­gän­ger­or­ga­ni­sa­ti­on, des Deut­schen Frei­den­ker-Ver­ban­des. Als 1905 eine Hand­voll Sozialdemokrat*innen in Ber­lin den Ver­ein der Frei­den­ker für Feu­er­be­stat­tung grün­de­ten, geschah dies aus dem Motiv, kon­fes­si­ons­frei­en Arbeiter*innen eine preis­wer­te Alter­na­ti­ve zur tra­di­tio­nel­len Beer­di­gung anzu­bie­ten. Die Kir­chen lehn­ten die Feu­er­be­stat­tung strikt ab. Die­se Form des prak­ti­schen Huma­nis­mus wur­de dann in der Wei­ma­rer Repu­blik sys­te­ma­tisch aus­ge­baut, z. B. durch Jugend­wei­hen, Bil­dungs­stät­ten oder die Unter­stüt­zung der welt­li­chen Schu­len mit ihrem neu­en Fach Lebens­kun­de. Bereits damals erhielt der Ver­band für eini­ge die­ser Pro­jek­te öffent­li­che Gel­der. Der Antrag des Frei­den­ker-Ver­ban­des auf Aner­ken­nung als Kör­per­schaft des Öffent­li­chen Rechts aber wur­de durch die Macht­er­grei­fung der Nazis und das Ver­bot des Ver­ban­des zunich­te­ge­macht.

Die Reor­ga­ni­sa­ti­on nach 1945 gestal­te­te sich sehr schwie­rig. Erst die Wie­der­ver­ei­ni­gung 1990 ermög­lich­te dem Ver­band einen erneu­ten Auf­schwung, der bis heu­te anhält – am erfolg­reichs­ten in Ber­lin-Bran­den­burg. Hier unter­hält der Huma­nis­ti­sche Ver­band Deutsch­lands mitt­ler­wei­le weit über 70 Ein­rich­tun­gen des prak­ti­schen Huma­nis­mus und beschäf­tigt dafür etwa 1.400 Haupt­amt­li­che. Allei­ne am Huma­nis­ti­schen Lebens­kun­de­un­ter­richt neh­men hier über 72.000 Grundschüler*innen teil. Ohne öffent­li­che För­de­rung aber wäre all das kaum mög­lich, wie Osuch beton­te. Arbeits­grund­la­ge sei der Arti­kel 137.7 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung, der spä­ter auch ins Grund­ge­setz über­nom­men wur­de. Dem­nach sind den „Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten […] die Ver­ei­ni­gun­gen gleich­ge­stellt, die sich die gemein­schaft­li­che Pfle­ge einer Welt­an­schau­ung zur Auf­ga­be machen“. Mit der „huma­nis­ti­schen Wen­de“ vom anti­kle­ri­ka­len Frei­den­ker-Ver­band zu einem Ver­band, der den Men­schen prak­ti­sche huma­nis­ti­sche Alter­na­ti­ven bie­tet, habe der Huma­nis­ti­sche Ver­band Deutsch­lands seit sei­ner Grün­dung 1993 und nach dem Vor­bild etwa der nie­der­län­di­schen und nor­we­gi­schen Ver­bän­de einen sehr erfolg­rei­chen Kurs ein­ge­schla­gen.

Das Pro­blem sei jedoch, dass die­se Gleich­stel­lung immer wie­der poli­tisch und juris­tisch durch­ge­setzt wer­den müs­se, wie das Bei­spiel des Ber­tha von Sutt­ner-Stu­di­en­wer­kes anschau­lich zei­ge. Denn der Antrag die­ses Gemein­schafts­pro­jek­tes von gbs und Huma­nis­ti­schem Ver­band Deutsch­lands auf öffent­li­che För­de­rung durch das Bun­des­wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­um wur­de im letz­ten Jahr schlicht abge­lehnt. Begrün­dung: Angeb­li­che man­geln­de gesell­schaft­li­che Rele­vanz.

Die­ses Stich­wort war dann der Ein­stieg in eine leb­haf­te Dis­kus­si­on unter den Teilnehmer*innen. Adri­an Gill­mann von den Säku­la­ren und Huma­nis­ti­schen SPD­lern wies dabei auf die über­hol­te Kate­go­rie der Mit­glied­schaft hin, wel­che völ­lig unge­eig­net sei, rea­le gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen zu erfas­sen. So gebe es gera­de unter den Stu­die­ren­den Zehn­tau­sen­de, die sich selbst als säku­lar, welt­lich oder huma­nis­tisch ein­ord­ne­ten, ohne aber irgend­wo als „Mit­glied“ regis­triert zu sein. Osuch ergänz­te dies mit dem Bei­spiel der Bun­des­wehr. Auch hier gebe es aus­schließ­lich eine reli­giö­se Mili­tär­seel­sor­ge, obwohl die Mehr­zahl der Soldat*innen kei­ner Kir­che mehr ange­hö­re. Des­halb sei es umso wich­ti­ger, in den Par­tei­en, Gewerk­schaf­ten oder Ver­bän­den wie der AWO auf die­sen offen­kun­di­gen Man­gel an huma­nis­ti­schen Alter­na­ti­ven hin­zu­wei­sen.

Für Sebas­ti­an Schö­nig von der gbs sind vor allem die alt­his­to­ri­schen Staats­leis­tun­gen oder das ana­chro­nis­ti­sche Arbeits­recht inner­halb der Kir­chen zu kri­ti­sie­ren. Zugleich aber beton­te auch er die wich­ti­ge Bedeu­tung der Gleich­be­hand­lung huma­nis­ti­scher Ange­bo­te mit denen der Kir­chen. Dabei wur­den auch mög­li­che Alter­na­ti­ven öffent­li­cher För­de­rung dis­ku­tiert, wie z. B. das ita­lie­ni­sche Modell einer Kul­tur­steu­er, bei der die Men­schen selbst ent­schei­den kön­nen, an wen die­se am Ende geht. Bis dahin sei es in Deutsch­land aber noch ein wei­ter Weg.

Einig waren sich alle Teilnehmer*innen dar­in, unbe­dingt Ver­bün­de­te bei die­sem Kampf um Gleich­be­hand­lung zu fin­den. Ein Bei­spiel sei die AWO in Baden-Würt­tem­berg, die in ihrem neu­en Selbst­ver­ständ­nis expli­zit die Welt­lich­keit betont. Und auch der neu gegrün­de­te Arbeits­kreis Säku­la­ri­tät und Huma­nis­mus in der SPD die­ses Bun­des­lan­des wer­de hier­bei eine wich­ti­ge Rol­le spie­len.

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