Hospiz LudwigPark in Berlin-Buch

Mitten im Diesseits

| von
© Die Hoffotografen

Beitragsbild: Konstantin Börner

Ein Nachmittag im Hospiz LudwigPark: Warum mir das Leben an diesem Ort des Sterbens so intensiv erschien.

„Ich über­ho­le dich!“, ruft eine Frau. „Gar nicht“, kon­tert ihre Freun­din. Ihr Roll­stuhl wird schnel­ler. Zwei Pfle­ge­fach­kräf­te schie­ben die Frau­en an einem son­ni­gen Tag über einen Park­weg. Bei­de lachen. Bei­de sind tod­krank. Die Sze­ne spielt im Lud­wig­Park, der Park­an­la­ge des gleich­na­mi­gen Hos­pi­zes in Ber­lin-Buch. „Bei uns ist Leben in der Bude“, sagt Pfle­ge­fach­kraft Chris­tin. Einen Nach­mit­tag lang habe ich sie auf ihrem Spät­dienst beglei­tet. Am Ende bin ich mit vie­len Fra­gen nach Hau­se gegan­gen. Eine davon beschäf­tigt mich bis heu­te: War­um erschien mir das Leben an die­sem Ort des Ster­bens so inten­siv?

Je län­ger ich im Hos­piz blei­be, des­to häu­fi­ger begeg­nen mir sol­che Momen­te. Durch eine geöff­ne­te Zim­mer­tür fällt mein Blick auf einen rie­si­gen Fern­se­her. Auf dem Bild­schirm flim­mert das Start­me­nü einer Play­Sta­ti­on. Ein Anblick, den ich in einem Hos­piz nicht erwar­tet hät­te. „Das hat mein Sohn mir ein­ge­rich­tet“, erzählt der Mann stolz. Manch­mal spie­len die bei­den gemein­sam. So wie frü­her. Mir wird klar: Vor mir liegt nicht nur ein Hos­piz­gast. Vor mir liegt ein Vater. Jemand mit Bezie­hun­gen und Lei­den­schaf­ten, die nicht an der Tür des Hos­pi­zes enden.

In einem ande­ren Zim­mer ent­de­cke ich zwei sil­ber­ne Bal­lons, die zusam­men eine „33“ bil­den. Die Frau, die hier wohnt, hat­te vor Kur­zem Geburts­tag. Freun­de haben die Bal­lons vor­bei­ge­bracht. Es ist ein selt­sa­mer und berüh­ren­der Anblick: Geburts­tags­de­ko­ra­ti­on in einem Hos­piz. Ein Bild, das mich zunächst irri­tiert. Und zugleich eines, das so viel über die­sen Ort erzählt. Das Leben ist im Hos­piz nicht vor­bei, es wird oft noch gefei­ert. Auch wenn nur noch wenig Zeit bleibt, ist sie lebens­wert.

Kostbare Zeit

Je kür­zer die ver­blei­ben­de Lebens­zeit, des­to kost­ba­rer erscheint sie. Viel­leicht lässt mich die­ser Nach­mit­tag gera­de des­halb nicht los. Im Hos­piz Lud­wig­Park begeg­ne­te mir End­lich­keit nicht als phi­lo­so­phi­scher Gedan­ke, son­dern als geleb­te Wirk­lich­keit. Plötz­lich wirk­ten all­täg­li­che Momen­te beson­ders. Das gemein­sa­me Roll­stuhl­ren­nen, das Spiel mit dem Sohn oder eine Geburts­tags­fei­er konn­ten zu den letz­ten die­ser Men­schen gehö­ren.

Wenn die ver­blei­ben­de Zeit so kost­bar ist, ist es umso wich­ti­ger, selbst über sie bestim­men zu kön­nen. Die Krank­heit setzt den Hos­piz­gäs­ten dabei Gren­zen. Man­ches geht nicht mehr, man­ches nur noch mit Hil­fe. Was möch­te ich essen? Ver­brin­ge ich den Nach­mit­tag lie­ber im Zim­mer oder drau­ßen im Park? Wer soll zu Besuch kom­men? Selbst­be­stim­mung ist im Hos­piz kein abs­trak­ter Begriff. Ver­meint­lich klei­ne Ent­schei­dun­gen kön­nen viel zur Lebens­freu­de bei­tra­gen.

Oft geht das nicht allein: Die Freun­din­nen bestimm­ten das Tem­po ihres Roll­stuhl­ren­nens mit – die Pfle­ge­fach­kräf­te ermög­lich­ten die Fahrt. Der Mann woll­te Video­spie­le spie­len – sein Sohn hat­te ihm die Kon­so­le ein­ge­rich­tet. Selbst­be­stim­mung wird oft erst durch ande­re mög­lich. Mich berühr­te, wie lie­be­voll die Hos­piz­gäs­te in ihrer Ver­letz­lich­keit umsorgt wur­den und wie viel Freu­de dar­aus ent­stand.

Ein geschärfter Blick

Als ich mich abends von Chris­tin ver­ab­schie­de­te, ging mir ihr Satz nicht aus dem Kopf: „Bei uns ist Leben in der Bude.“ Wie recht sie damit hat­te. Ich hat­te gese­hen, wie inten­siv die­se Men­schen hier ange­sichts ihrer End­lich­keit leb­ten – selbst­be­stimmt, dank der Soli­da­ri­tät ande­rer. Sel­ten hat­te ich so deut­lich erlebt, was eine huma­nis­ti­sche Hal­tung prak­tisch bedeu­ten kann.

Ich schloss die Hos­piz­tür hin­ter mir und nahm einen geschärf­ten Blick für das mit, was ich im All­tag so leicht über­se­he: Auch für mich gibt es für jedes gemein­sa­me Essen, jedes Gespräch, jede Umar­mung irgend­wann ein letz­tes Mal. Wann das ist, zeigt sich oft erst rück­bli­ckend. Die Fra­gen, die im Hos­piz gestellt wer­den, sind kei­ne Hos­piz­fra­gen. Es sind Lebens­fra­gen. Und so fra­ge ich mich bis heu­te: Wie möch­te ich selbst leben – mit der Zeit, die mir bleibt, und den Men­schen an mei­ner Sei­te?

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