„Ich überhole dich!“, ruft eine Frau. „Gar nicht“, kontert ihre Freundin. Ihr Rollstuhl wird schneller. Zwei Pflegefachkräfte schieben die Frauen an einem sonnigen Tag über einen Parkweg. Beide lachen. Beide sind todkrank. Die Szene spielt im LudwigPark, der Parkanlage des gleichnamigen Hospizes in Berlin-Buch. „Bei uns ist Leben in der Bude“, sagt Pflegefachkraft Christin. Einen Nachmittag lang habe ich sie auf ihrem Spätdienst begleitet. Am Ende bin ich mit vielen Fragen nach Hause gegangen. Eine davon beschäftigt mich bis heute: Warum erschien mir das Leben an diesem Ort des Sterbens so intensiv?
Je länger ich im Hospiz bleibe, desto häufiger begegnen mir solche Momente. Durch eine geöffnete Zimmertür fällt mein Blick auf einen riesigen Fernseher. Auf dem Bildschirm flimmert das Startmenü einer PlayStation. Ein Anblick, den ich in einem Hospiz nicht erwartet hätte. „Das hat mein Sohn mir eingerichtet“, erzählt der Mann stolz. Manchmal spielen die beiden gemeinsam. So wie früher. Mir wird klar: Vor mir liegt nicht nur ein Hospizgast. Vor mir liegt ein Vater. Jemand mit Beziehungen und Leidenschaften, die nicht an der Tür des Hospizes enden.
In einem anderen Zimmer entdecke ich zwei silberne Ballons, die zusammen eine „33“ bilden. Die Frau, die hier wohnt, hatte vor Kurzem Geburtstag. Freunde haben die Ballons vorbeigebracht. Es ist ein seltsamer und berührender Anblick: Geburtstagsdekoration in einem Hospiz. Ein Bild, das mich zunächst irritiert. Und zugleich eines, das so viel über diesen Ort erzählt. Das Leben ist im Hospiz nicht vorbei, es wird oft noch gefeiert. Auch wenn nur noch wenig Zeit bleibt, ist sie lebenswert.
Kostbare Zeit
Je kürzer die verbleibende Lebenszeit, desto kostbarer erscheint sie. Vielleicht lässt mich dieser Nachmittag gerade deshalb nicht los. Im Hospiz LudwigPark begegnete mir Endlichkeit nicht als philosophischer Gedanke, sondern als gelebte Wirklichkeit. Plötzlich wirkten alltägliche Momente besonders. Das gemeinsame Rollstuhlrennen, das Spiel mit dem Sohn oder eine Geburtstagsfeier konnten zu den letzten dieser Menschen gehören.
Wenn die verbleibende Zeit so kostbar ist, ist es umso wichtiger, selbst über sie bestimmen zu können. Die Krankheit setzt den Hospizgästen dabei Grenzen. Manches geht nicht mehr, manches nur noch mit Hilfe. Was möchte ich essen? Verbringe ich den Nachmittag lieber im Zimmer oder draußen im Park? Wer soll zu Besuch kommen? Selbstbestimmung ist im Hospiz kein abstrakter Begriff. Vermeintlich kleine Entscheidungen können viel zur Lebensfreude beitragen.
Oft geht das nicht allein: Die Freundinnen bestimmten das Tempo ihres Rollstuhlrennens mit – die Pflegefachkräfte ermöglichten die Fahrt. Der Mann wollte Videospiele spielen – sein Sohn hatte ihm die Konsole eingerichtet. Selbstbestimmung wird oft erst durch andere möglich. Mich berührte, wie liebevoll die Hospizgäste in ihrer Verletzlichkeit umsorgt wurden und wie viel Freude daraus entstand.
Ein geschärfter Blick
Als ich mich abends von Christin verabschiedete, ging mir ihr Satz nicht aus dem Kopf: „Bei uns ist Leben in der Bude.“ Wie recht sie damit hatte. Ich hatte gesehen, wie intensiv diese Menschen hier angesichts ihrer Endlichkeit lebten – selbstbestimmt, dank der Solidarität anderer. Selten hatte ich so deutlich erlebt, was eine humanistische Haltung praktisch bedeuten kann.
Ich schloss die Hospiztür hinter mir und nahm einen geschärften Blick für das mit, was ich im Alltag so leicht übersehe: Auch für mich gibt es für jedes gemeinsame Essen, jedes Gespräch, jede Umarmung irgendwann ein letztes Mal. Wann das ist, zeigt sich oft erst rückblickend. Die Fragen, die im Hospiz gestellt werden, sind keine Hospizfragen. Es sind Lebensfragen. Und so frage ich mich bis heute: Wie möchte ich selbst leben – mit der Zeit, die mir bleibt, und den Menschen an meiner Seite?



