Käthe Nebel über Sterbehilfe

„Der Tod kann eine Erlösung sein“

Hände Altern Sterben Frau

Beitragsbild: Anna Shvets/ Pexels

Die 1930 geborene Oldenburgerin Käthe Nebel ist Mitglied im HVD Niedersachsen. Im Ortsverband Oldenburg setzt sich die Humanistin seit Langem aktiv für Selbstbestimmung am Lebensende ein. Wie sie zu ihrem Engagement für Sterbehilfe gekommen ist, schildert sie in diesem eindrücklichen Erfahrungsbericht einer Sterbebegleitung.

Von Käthe Nebel, aufgezeichnet von Birger Hoyer

“Als ich Rentnerin wurde, wollte ich mich mehr mit dem Tod auseinandersetzen und besuchte 1998 einen Kurs zur ehrenamtlichen Sterbebegleitung beim ambulanten Hospizdienst. Als man meine Daten aufnahm, habe ich gesagt: „Bitte notieren Sie, dass ich erklärte Atheistin bin. Ich kann also nicht beten und fromme Lieder singen an einem Sterbebett. Aber ich kann natürlich mit dem sterbenden Menschen so reden, wie wir alle reden.“ Man muss einen Sterbenden ansprechen, man muss seine Hand nehmen und etwas Nettes sagen, damit er merkt, dass er nicht allein ist.

Eines Nachmittags bekam ich einen Anruf vom Hospizdienst. Sie fragten, ob ich sofort ins Klinikum kommen könnte, da sei eine Sterbende, die Beistand bräuchte. Ich sagte sofort zu und radelte zum Krankenhaus. Schon auf dem Flur hörte ich schreckliche Schreie. Wie die Klagelaute eines gefolterten Menschen. So drastisch hatte ich das noch nicht erlebt. Ich wusste gar nicht, dass ein Mensch ohne Atem zu holen so ununterbrochen schreien kann.

Mit neu aufgetretenem Blasenkrebs hatte man die Leidende sofort ins Krankenhaus gefahren. In der Hoffnung, dass man ihr dort genug Morphium gab, damit sie die Schmerzen nicht mehr spürte. Sie war über den Handrücken an zwei Pumpen angeschlossen, die das Betäubungsmittel in ihre Blutbahn gaben, aber sie schrie trotzdem. Ich konnte das nicht verstehen, weil ich bisher immer erlebt hatte, dass bereits eine Morphiumspritze dem Menschen die Schmerzen nimmt. Dann hält er es aus und muss nicht so entsetzlich leiden.

Jetzt saß ich bei der Frau und nahm ihre Hand. Ich dachte, über die Berührung und das Streicheln würde sie mitkriegen, dass da jemand an ihrem Bett war und Anteil nahm an ihrem Leiden. Ich sprach auch zu ihr, aber sie war so beschäftigt mit ihrer Qual, dass sie mich nicht wahrnahm. Ich wurde langsam ganz verzweifelt, sie tat mir ja ungeheuer leid. Ich dachte: Wie soll ich denn hier helfen? Ob ich da bin oder nicht, die Frau leidet und schreit. Ich habe dagesessen und immer wieder den Versuch unternommen, die Frau anzusprechen und sie abzulenken, aber es war unmöglich. Sie nahm nur ihren Schmerz wahr.

Als eine Ärztin das Zimmer betrat, sagte ich zu ihr: „Können Sie ihr nicht mehr Morphium geben, damit sie nicht so leiden muss? Die Dosis reicht anscheinend nicht.“ Sie antwortete: „Nein, dann stirbt sie ja!“ Das ist mir noch in Erinnerung: „Dann stirbt sie ja!“ Mein erster Gedanke war: Sterben ist doch auch Erlösung. Denn dann leidet man nicht mehr. Wenn man sowieso sterben muss, warum unter Schmerzen? Die Frau schrie unverändert weiter. Ich dachte: Sie stirbt sowieso an ihrem Krebs. Dann stirbt sie eben ein paar Minuten oder eine Stunde oder halbe Stunde vorher. Ich wurde richtig wütend. Aber was sollte ich denn machen? Ich konnte die Frau auch nicht verlassen und einfach gehen.

Ich bin Atheistin, ich glaube nicht an Gott, aber ich dachte dann: Wenn es einen Gott gibt, dann muss er sich jetzt aber gerührt fühlen. Dann muss er ihr endlich das Leben nehmen, damit sie erlöst ist von dieser Quälerei. Ich hatte es gerade zu Ende gedacht, da war sie still. Sie war tot. Ich konnte es nicht fassen. Ich dachte: Käthe, was hast du denn jetzt gemacht? Ist das ein Gottesbeweis? Gibt es so etwas? Das kann ich nicht glauben. Doch so einfach bin ich nicht umzustimmen: Es war der reine Zufall. Sie war endlich gestorben. Ich atmete tief durch und dachte: Sie hat es geschafft. Endlich ist sie erlöst. Ich habe ihre Hand genommen und mir in Gedanken gesagt: Was ist das ein Glück, dass die arme Frau es endlich geschafft hat und endlich Ruhe hat von der Qual! Auf dem Flur kam mir eine Schwester entgegen. Wir fielen uns in die Arme und sagten nichts, aber wir wussten beide, was wir dachten: Der Tod kann eine Erlösung sein. Ich habe das Ganze nie vergessen können.

Später habe ich diese Geschichte auf einer Fortbildung erzählt und gefragt, warum man ihr nicht helfen konnte. Die erste Reaktion war ein ganz großes und, wie ich das Gefühl hatte, betretenes Schweigen. Dann sagte ein Arzt mit leiser Stimme: „Wir können nicht alle Schmerzen nehmen, wir können nicht allen helfen.“ Mehr sagte er dazu nicht. Es war ein Tabuthema. Dann habe ich mir gesagt: Mir kann es auch mal so gehen, dass ich einen so fürchterlichen Krebs kriege, und man kann mir die Schmerzen nicht mehr nehmen. Was würde ich mir für einen Ausgang wünschen? Ich würde mir wünschen, fünf Minuten mit einem Arzt allein zu sein und zu ihm zu sagen: „Geben Sie mir mal so viel, dass ich das schnell hinter mich bringe.“

Auch in der Gruppe der Ehrenamtlichen tauschten wir uns regelmäßig aus, und ich schilderte die Geschichte. Alle waren ganz bedrückt, manche sagten: „Ja, so was gibt es.“ Dann sagte ich: „Was wäre denn, wenn die Ärztin ihr mehr Morphium gegeben hätte, denn sie wäre ja sowieso gestorben?“ Die Antwort war: „Käthe, wie kannst du so reden! Gott gibt das Leben und Gott nimmt das Leben, wir dürfen das niemals tun.“ Das hat mich so empört. Daraufhin habe ich angefangen, mich einzuarbeiten und mich mehr mit dem Thema Sterbehilfe zu beschäftigen. Die Menschen müssen darüber sprechen und Informationen einholen können, um dieses jahrhundertelange Tabuthema aufzulösen. Ich habe auch Veranstaltungen organisiert und viel mit den Menschen gesprochen. Ich finde es wichtig, dass darüber nicht einfach geschwiegen wird.”

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