Humanistische Bausteine für eine deutsche Identität

Wer wir sein wollen

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Foto: Evelin Frerk

Beitragsbild: Abhinav Das/unsplash

Wie kann ein modernes Deutschland seine Identität zwischen Europa, Geschichte und globalen Herausforderungen neu bestimmen? In seiner politischen Kolumne entwickelt Johannes Schwill einen humanistischen Zugang zwischen Erinnerungskultur, wirtschaftlicher Transformation und kultureller Vielfalt.

Fra­gen zur deut­schen Iden­ti­tät sind wie­der „in“, auch über die Auf­stel­lung „unse­rer“ Fuß­ball-WM-Mann­schaft und den neu­en Schla­gern von Hele­ne Fischer hin­aus. Die Stim­mung ist ange­spannt; der Zustand der Bahn (Tief­punkt Stutt­gart) steht sym­bo­lisch fürs Gan­ze. Eine über­zeu­gen­de Idee, wohin die Rei­se gehen soll, ist nicht in Sicht. Trotz­dem geht es vie­len – noch? – äußer­lich gut. Was könn­te ein huma­nis­ti­scher Blick bei­tra­gen, um die deut­sche Zukunft im Kon­text von Euro­pa und der Mensch­heit human zu den­ken und zu gestal­ten?

Mei­ner His­to­ri­ke­riden­ti­tät zum Trotz möch­te ich jetzt nicht zuerst schuld­be­wusst auf wirk­mäch­ti­ge Geschichts­my­then (Teu­to­bur­ger Wald, Michel, Platz an der Son­ne etc.) und auf die har­ten his­to­ri­schen Fak­ten (WK I und II, Geno­zi­de) schau­en. Oder die zwie­späl­ti­gen Gegen­warts­ge­füh­le (Reform­stau, „Denk ich an D…“, Wal­ret­tungs­es­ka­pis­mus) inter­pre­tie­ren. Natür­lich dürf­te dabei auch nicht der Hin­weis auf Deutsch­lands zugleich vor­teil­haf­te und pre­kä­re geo­gra­fi­sche Mit­tel­la­ge in Euro­pa feh­len. Viel­mehr möch­te ich drei – auf­ein­an­der auf­bau­en­de – Iden­ti­täts­be­rei­che skiz­zie­ren und jeweils kon­kre­te Vor­schlä­ge für einen akti­ven Blick nach vor­ne machen.

Wirtschaftliche Identität

Begin­nen wir mit der wirt­schaft­li­chen Iden­ti­tät. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, aber ganz ohne Brot ist er bald tot. Alle Kul­tur (klas­sisch-mar­xis­tisch „Über­bau“) braucht immer eine mate­ri­el­le Basis, im Klei­nen und im Gro­ßen. Das „Wirt­schafts­wun­der“ gab der jun­gen BRD neu­es Selbst­be­wusst­sein (die Unter­stüt­zung der West­al­li­ier­ten wird ger­ne über­se­hen) und half beim Ver­drän­gen der NS-Zeit. Bis heu­te sind etwa VW, Mer­ce­des, Sie­mens, Bosch, deut­sche Wert­ar­beit und deut­sche Inge­nieurs­kunst wich­ti­ge Identitäts-„Marker“ von vie­len (West)-Deutschen, über­wie­gend Män­nern. Hin­zu kommt der Mythos der „Mark“, die ja lei­der dann auf dem euro­päi­schen „Altar geop­fert“ wer­den muss­te.

Die moder­ni­sie­rungs­kri­ti­schen Ideen von Nach­hal­tig­keit und Selbst­be­gren­zung ste­hen schein­bar im Kon­trast zu die­sen Denk- und Hand­lungs­ma­xi­men. War­um eigent­lich? Sie sind in der deut­schen Lebens­re­form­be­we­gung um 1900 vor­ge­dacht wor­den, einer bür­ger­li­chen Kul­tur­be­we­gung, die damals lei­der nicht mit der Arbei­ter­be­we­gung zusam­men­fand. Der zwei­te Anlauf gelang bes­ser: Die Öko­lo­gie­be­we­gung führ­te zur Grün­dung einer eige­nen Par­tei, die den Zeit­geist präg­te und erfolg­rei­che Bünd­nis­se mit Sozi­al­de­mo­kra­ten sowie auch Kon­ser­va­ti­ven ein­ging. Lei­der über­wog dabei oft die typisch deut­sche Risi­ko­scheu, z. B. bei der Atom­kraft.

In den „gol­de­nen“ Mer­kel­jah­ren wur­den dann vie­le bequem. Der tech­no­lo­gi­sche Vor­sprung der deut­schen Umwelt­in­dus­trie wur­de kurz­sich­tig ver­spielt, weil es nur um die Siche­rung des Sta­tus quo ging; eine stim­mi­ge sozio-tech­ni­sche Zukunfts­idee fehl­te. Sym­bol dafür wur­de der kri­mi­nel­le Die­sel­skan­dal. Hier müss­te heu­te ein klu­ger Staat len­kend und ermög­li­chend ein­grei­fen, öffent­li­che Güter neu defi­nie­ren, schüt­zen und wei­ter­ent­wi­ckeln, Kapi­tal­in­ter­es­sen ein­he­gen und besteu­ern und dabei end­lich die neo­li­be­ra­le Ideo­lo­gie über Bord wer­fen!

Das Glei­che gilt für den digi­ta­len und KI-Bereich: Die fort­schrei­ten­de digi­ta­le Kolo­ni­sie­rung von Deutsch­land und Euro­pa durch die Musks und Thiels sowie Chi­na muss end­lich poli­tisch ange­packt wer­den. Wem nützt eigent­lich die KI? Wir müs­sen wie­der eine Visi­on von guter, ehr­ba­rer, nach­hal­ti­ger Wirt­schaft ent­wi­ckeln, wo jede/r bekommt, was er/sie braucht – ohne in oliv­grün-brau­ne Hei­mat­my­then zurück­zu­fal­len. Die deut­schen Tra­di­tio­nen von soli­der Arbeit, unter­stüt­zen­der Tech­no­lo­gie und öko­lo­gi­schem „Mind­set“ sind gute Bau­stei­ne dafür!

Kulturelle Identität

Kom­men wir zur kul­tu­rel­len Iden­ti­tät. Auch hier soll­ten wir unse­re men­schen­freund­li­chen, lebens­be­ja­hen­den Tra­di­tio­nen, Wur­zeln und die posi­ti­ven Lern­re­sul­ta­te der letz­ten Jahr­zehn­te stär­ken. Und die nega­ti­ven, unge­sun­den, fau­li­gen an der Aus­brei­tung hin­dern und ent­fer­nen? Vor­sicht bei der Wort­wahl! Schon sind wir „medi­as in res“, denn auch die Nazis haben vom „gesun­den“ Volks­kör­per gespro­chen, aus dem das „Dege­ne­rier­te“ und die „Para­si­ten“ ent­fernt wer­den müss­ten. Die kata­stro­pha­len Fol­gen sind bekannt und zwin­gen uns immer wie­der zur ehr­li­chen Selbst­re­fle­xi­on; eine offe­ne Gesell­schaft muss sich anders ver­tei­di­gen.

Wir wol­len ein kul­tu­rell viel­fäl­ti­ges, neu­gie­ri­ges, lern­fä­hi­ges, kin­der­freund­li­ches, gast­li­ches, hilfs­be­rei­tes Land sein. Wir wol­len nie­man­den kolo­ni­sie­ren, aber auch nie­man­des Kolo­nie sein. Als altern­de Gesell­schaft brau­chen wir Ein­wan­de­rung. Wer zu uns kommt, muss sich an unse­re Regeln hal­ten. Was das für die Migra­ti­ons­po­li­tik bedeu­tet, müs­sen wir klä­ren. Auf jeden Fall gilt: Jüdin­nen und Juden müs­sen – wie alle Mitbürger*innen – in Deutsch­land frei und unbe­hel­ligt leben kön­nen. Anti­se­mi­tis­mus darf – wie alle For­men grup­pen­be­zo­ge­ner Men­schen­feind­lich­keit – kei­nen Platz in Deutsch­land haben. Die inter­na­tio­nal aner­kann­te, aber lei­der ritua­li­sier­te deut­sche Erin­ne­rungs­ar­beit braucht neue Impul­se (sie­he z. B. Jacob Eder 2026). Aber kei­ne Reli­gi­on soll­te pri­vi­le­giert wer­den. Die Reli­gi­ons­frei­heit der Eltern soll­te nicht schwe­rer wie­gen als das Recht ihrer Kin­der auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit. Und die aggres­si­ve Sied­lungs- und Prä­ven­tiv­kriegs­po­li­tik Isra­els muss kri­ti­siert wer­den dür­fen, ohne pau­schal als anti­se­mi­tisch dis­kre­di­tiert zu wer­den. Begriff und Inhalt der „Staats­rä­son“ müs­sen neu jus­tiert wer­den. Selbst­ver­ständ­lich muss für Gewalt­ver­bre­chen an ande­ren Orten die­ser Welt der glei­che Maß­stab ange­legt wer­den – von der Hamas-Schutz­schild­po­li­tik bis Iran, von Sudan bis Kon­go.

Unser Maß­stab heu­te kön­nen nur Men­schen­wür­de, Men­schen­rech­te und das wei­ter zu ent­wi­ckeln­de Völ­ker­recht sein. Vie­le deut­sche Den­ker haben hier­zu Vor­ar­bei­ten und Bei­trä­ge gelie­fert, auf die wir stolz sein kön­nen. Und vie­le deut­sche Dich­ter, Künst­ler und Musi­ker haben huma­ne Ideen, Kunst­wer­ke, Erzäh­lun­gen und Lebens­ent­wür­fe für ein gutes Leben und für eine bes­se­re Welt bei­getra­gen. Frau­en waren lei­der nur weni­ge dabei. Aber auch bei den The­men Frau­en­eman­zi­pa­ti­on und Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit sind wir unterm Strich auf einem guten Wege, müs­sen uns aktu­ell jedoch vor neo­mas­ku­li­nis­ti­schen Rück­schlä­gen hüten.

Eine letz­te Bemer­kung zur Kul­tur­po­li­tik im enge­ren Sin­ne: Kunst darf in der Demo­kra­tie nicht instru­men­ta­li­siert wer­den; hier gibt es von reli­giö­ser Regle­men­tie­rung bis zu Sta­lin und den Nazis vie­le kras­se Bei­spie­le. Es gilt zu ver­hin­dern, dass die AfD in Sach­sen-Anhalt und anders­wo hier­an anknüpft! Erfah­rungs- und Mög­lich­keits­räu­me müs­sen offen blei­ben, Pro­vo­ka­tio­nen erlaubt, solan­ge die Men­schen­wür­de nicht ver­letzt wird. Und die öffent­li­che Hand soll­te die Kul­tur wei­ter­hin umsich­tig und nicht-eli­tär för­dern – übri­gens noch etwas typisch deut­sches, auf das vie­le Län­der respekt­voll, ja nei­disch bli­cken. Aber bit­te mit Augen­maß: Der Neu­bau­plan der Düs­sel­dor­fer Oper z. B. war ent­schie­den zu opu­lent.

Politische Identität

Abschlie­ßend kom­men wir zur poli­ti­schen Iden­ti­tät: Selbst­ver­ständ­lich müs­sen wir unse­re geschenk­te, iro­ni­scher­wei­se nur im Osten 1989 erkämpf­te Demo­kra­tie ver­tei­di­gen und stär­ken. Dazu gehört ein kri­ti­scher Umgang mit unse­rer His­to­rie, die Vie­len gro­ßes Leid gebracht hat. Die Wei­ter­ent­wick­lung unse­res libe­ra­len, mög­lichst gerech­ten, sozia­len Gemein­we­sens bleibt eine stän­di­ge Her­aus­for­de­rung.

Auf man­ches dür­fen wir auch stolz sein: die guten Zei­ten nach dem Zwei­ten Welt­krieg vor allem im Wes­ten. Auf das Grund­ge­setz, das aber nicht ver­stei­nern darf. Auf den gewal­ten­tei­len­den deut­schen Föde­ra­lis­mus (trotz sei­ner Hemm­kräf­te), die ver­gleichs­wei­se immer noch gut funk­tio­nie­ren­de Sozi­al­part­ner­schaft und unse­re kul­tu­rel­le Viel­falt. Auf man­che Per­len in unse­rer Geschich­te: Die Kul­tur der Wei­ma­rer Repu­blik, ein Labo­ra­to­ri­um der Moder­ne. Die bril­lan­te deut­sche Wis­sen­schaft im 19. Jahr­hun­dert. Den Idea­lis­mus der 1848er. Das nach Außen fried­fer­ti­ge Deut­sche Reich nach dem West­fä­li­schen Kom­pro­miss- und Neu­ord­nungs­frie­den. Die muti­gen Bau­ern im Bau­ern­krieg. Und auch auf eini­ges sozi­al­po­li­tisch Gelun­ge­ne in der DDR!

Wir könn­ten ein gelas­se­ne­res Selbst­be­wusst­sein ent­wi­ckeln – wie vie­le klei­ne euro­päi­sche Län­der, die auch gro­ße historische/koloniale Las­ten tra­gen. Wir wol­len Frie­den und gute Nach­bar­schaft. Wir müs­sen nicht ande­ren auf der Tasche lie­gen. Wir soll­ten uns ver­tei­di­gen kön­nen und unse­ren Freun­den dabei hel­fen. Wir wol­len Ver­ant­wor­tung in Euro­pa und glo­bal über­neh­men. Aber wir soll­ten uns kei­nes­falls neu auf­plus­tern!

Es könn­te klap­pen, wenn wir aus Feh­lern ler­nen. Hier möch­te ich jetzt nicht von not­wen­di­gen innen­po­li­ti­schen Refor­men, außen­po­li­ti­schen Miss­grif­fen (UNO-Sicher­heits­rats­sitz) oder fata­len sicher­heits­po­li­ti­schen Fehl­ein­schät­zun­gen von Putin bis Trump spre­chen, son­dern zwei Fehl­ent­wick­lun­gen her­vor­he­ben, die unse­re direk­ten (ehe­ma­li­gen) Nach­barn betref­fen:

Wir müs­sen unser Ver­hält­nis zu Frank­reich sorg­fäl­ti­ger aus­ba­lan­cie­ren, wenn das mit Euro­pa was wer­den soll. Frank­reich und das Deut­sche Reich waren seit dem Spät­mit­tel­al­ter, als der fran­zö­si­sche König im Macht­kampf zwi­schen Kai­ser und Papst der lachen­de Drit­te war, Kon­kur­ren­ten. Lan­ge ori­en­tier­te sich Deutsch­land kul­tu­rell an Frank­reich; sei­ne natio­na­le Iden­ti­tät kon­stru­ier­te es gegen Frank­reich. Die Krie­ge der letz­ten zwei Jahr­hun­der­te sind in der fran­zö­si­schen „See­le“ min­des­tens so tief ein­gra­viert wie in der uns­ri­gen; trotz des stol­zen repu­bli­ka­nisch-gaul­lis­ti­schen Habi­tus sitzt das miss­traui­sche Gefühl struk­tu­rel­ler Unter­le­gen­heit bis heu­te tief, wor­auf Klaus Kell­mann jüngst hin­wie­sen hat.

Und wir müs­sen end­lich zuge­ben, dass bei der „Wie­der­ver­ei­ni­gung“ mit unse­rem ehe­ma­li­gen öst­li­chen Nach­barn und „Bru­der“, der DDR, vie­les total schief­ge­lau­fen ist. Auch wenn die „Ossis“ statt der guten Ideen des run­den Tisches Bir­ne und Bana­ne gewählt haben, hat die radi­ka­le „Trans­for­ma­ti­on“ vie­le umge­wor­fen; auf nicht weni­ge wirk­te die has­ti­ge Zusam­men­le­gung wie eine Kolo­ni­sie­rung. Die „Über­schich­tung“ durch west­li­che „Fach­leu­te“, der bis dato gerin­ge Anteil von Eli­ten öst­li­cher Pro­ve­ni­enz in Gesamt­deutsch­land und der klei­ne ver­erb­ba­re pri­va­te Kapi­tal­stock spre­chen eine kla­re Spra­che. Hier bleibt noch viel zu tun!

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1 Kommentar zu „Wer wir sein wollen“

  1. Johan­nes Schwill hat einen Text geschrie­ben, der das sel­te­ne Kunst­stück ver­sucht, deut­sche Iden­ti­tät gleich­zei­tig zu ent­kramp­fen und zu nor­mie­ren. Das ist unge­fähr so, als wol­le man beim Spa­zier­gang durch den Stadt­wald zugleich fla­nie­ren und eine Auto­bahn bau­en: inten­tio­nell wider­sprüch­lich, aber nicht ohne Charme.

    1. Wür­di­gung: Huma­nis­mus mit Boden­haf­tung
    Zunächst das Posi­ti­ve: Schwill gelingt es, den Begriff „deut­sche Iden­ti­tät“ aus der muf­fi­gen Ecke von Blut-und-Boden-Mytho­lo­gie her­aus­zu­ho­len und ihn in die Sphä­re eines auf­ge­klär­ten, pro­zes­sua­len Selbst­ver­ständ­nis­ses zu über­füh­ren. Iden­ti­tät ist hier kei­ne Essenz, son­dern ein Pro­jekt – ein „Wer wir sein wol­len“. Das ist genu­in huma­nis­tisch und phi­lo­so­phisch sau­ber gedacht.
    Beson­ders stark ist die Drei­tei­lung in wirt­schaft­li­che, kul­tu­rel­le und poli­ti­sche Iden­ti­tät. Sie erin­nert ent­fernt an klas­si­sche Gesell­schafts­theo­rien (Basis/Überbau, Sys­tem­dif­fe­ren­zie­rung), bleibt aber zugäng­lich. Auch der Ver­such, his­to­ri­sche Las­ten weder zu rela­ti­vie­ren noch zur allei­ni­gen Iden­ti­täts­quel­le zu machen, ist wohl­tu­end unauf­ge­regt.

    Eben­so über­zeu­gend: die Beto­nung von Men­schen­wür­de, Rechts­staat­lich­keit und Völ­ker­recht als nor­ma­ti­ve Fix­punk­te. Hier zeigt sich ein Huma­nis­mus, der nicht nur warm­her­zig, son­dern auch insti­tu­tio­nell denkt – und damit die ent­schei­den­de Fra­ge ernst nimmt: Wie wird Moral prak­tisch wirk­sam?

    Und schließ­lich: Der Text hat Mut zur Ambi­va­lenz. Etwa wenn er gleich­zei­tig Isra­els Sicher­heit betont und Kri­tik an des­sen Poli­tik ein­for­dert oder wenn er Migra­ti­on als Not­wen­dig­keit beschreibt, ohne die Inte­gra­ti­ons­fra­ge zu roman­ti­sie­ren. Die­se dia­lek­ti­sche Offen­heit ist in iden­ti­täts­po­li­ti­schen Debat­ten sel­ten gewor­den.

    2. Kri­tik: Der wohl­mei­nen­de Levia­than
    Und doch: Gera­de dort, wo Schwill am meis­ten über­zeu­gen will, beginnt es zu knir­schen.
    a) Der Staat als heim­li­cher Erlö­ser
    Immer wie­der taucht im Text ein fast ver­trau­en­er­we­ckend-wohl­mei­nen­der Staat auf, der „lenkt“, „ermög­licht“, „ein­hegt“, „besteu­ert“ und am Ende offen­bar auch weiß, was „gute Wirt­schaft“ ist.
    Das klingt huma­nis­tisch – trägt aber einen pater­na­lis­ti­schen Schat­ten in sich.
    Die alte Fra­ge kehrt zurück:

    Wer ent­schei­det eigent­lich, was „gut“ ist – und wie sehr darf der Staat dabei nach­hel­fen?

    Schwill kri­ti­siert den Neo­li­be­ra­lis­mus (durch­aus berech­tigt), ersetzt ihn aber impli­zit durch eine Art neo-diri­gis­ti­schen Huma­nis­mus. Die­ser ris­kiert, die Frei­heit des Indi­vi­du­ums zuguns­ten eines nor­ma­tiv auf­ge­la­de­nen Gemein­wohls zu über­deh­nen.

    Oder zuge­spitzt: Der Text pre­digt Selbst­be­stim­mung – und denkt sie gleich­zei­tig poli­tisch vor.

    b) Mora­li­sche Sym­me­trie – ana­ly­ti­sche Asym­me­trie
    Der Anspruch, glo­ba­le Kon­flik­te mit einem ein­heit­li­chen Maß­stab zu mes­sen („vom Sudan bis Isra­el“), ist mora­lisch beein­dru­ckend, ana­ly­tisch aber pro­ble­ma­tisch.
    Denn Gleich­heits­an­spruch ersetzt nicht Dif­fe­renz­ana­ly­se.

    Nicht jeder Kon­flikt ist struk­tu­rell ver­gleich­bar – und nicht jede Gewalt hat die­sel­ben Ursa­chen oder Kon­tex­te.

    Der huma­nis­ti­sche Uni­ver­sa­lis­mus droht hier, zur mora­li­schen Gleich­ma­che­rei zu wer­den, die Kom­ple­xi­tät glät­tet, statt sie zu durch­drin­gen.

    c) Iden­ti­tät ohne Rei­bung?
    Schwill will eine offe­ne, diver­se, lern­fä­hi­ge Gesell­schaft – und gleich­zei­tig kla­re Regeln für Zuge­hö­rig­keit. Das ist plau­si­bel, aber im Text bleibt die­ser Kon­flikt erstaun­lich kon­flikt­arm.
    Die Fra­ge, wie viel kul­tu­rel­le Span­nung eine Gesell­schaft aus­hal­ten muss (und kann), wird eher umgan­gen als durch­drun­gen.

    Man spürt: Der Text liebt Har­mo­nie mehr als Tra­gik.
    Doch Iden­ti­tät ent­steht nicht nur aus Kon­sens, son­dern aus pro­duk­ti­ver Zumu­tung. Ein wenig mehr „Les­sing“ und etwas weni­ger „Leit­bild-Work­shop“ hät­ten hier gut­ge­tan.

    3. Die stil­le Stär­ke: Ein Text, der sich selbst wider­spricht
    Das eigent­lich Inter­es­san­te – und viel­leicht Unbe­ab­sich­tig­te – ist:
    Der Text ist selbst ein Bei­spiel für die Iden­ti­tät, die er beschreibt.
    Er ist

    -auf­ge­klärt und nor­ma­tiv
    ‑kri­tisch und staats­tra­gend
    ‑selbst­be­wusst und selbst­zwei­felnd
    ‑uni­ver­sa­lis­tisch und doch sehr deutsch in sei­ner Sys­tem­lie­be

    Oder mit einem Augen­zwin­kern: Er denkt glo­bal – aber struk­tu­riert wie ein deut­scher Behör­den­leit­fa­den.

    Gera­de die­se Wider­sprüch­lich­keit macht ihn lesens­wert. Denn sie zeigt:
    Deut­sche Iden­ti­tät besteht heu­te weni­ger aus Inhalt als aus Span­nungs­ver­hält­nis­sen.

    4. Fazit: Huma­nis­mus braucht auch Skep­sis
    Schwill lie­fert kei­nen fer­ti­gen Ent­wurf, son­dern ein gut sor­tier­tes Denk­an­ge­bot – und das ist sei­ne größ­te Stär­ke. Sein Huma­nis­mus ist anschluss­fä­hig, prag­ma­tisch und mora­lisch ambi­tio­niert. Gleich­zei­tig läuft er Gefahr, zum sanf­ten Steue­rungs­in­stru­ment zu wer­den, das mehr ord­net als befreit. Viel­leicht lie­ße sich sei­ne Posi­ti­on so dia­lek­tisch zuspit­zen:

    Ohne Huma­nis­mus wird Iden­ti­tät gefähr­lich.
    Mit zu viel Huma­nis­mus wird sie bequem.

    Oder noch kür­zer: Deutsch­land braucht nicht nur „Bau­stei­ne“, son­dern auch Bau­stel­len.
    Und genau dort beginnt die eigent­li­che Arbeit.

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