Fragen zur deutschen Identität sind wieder „in“, auch über die Aufstellung „unserer“ Fußball-WM-Mannschaft und den neuen Schlagern von Helene Fischer hinaus. Die Stimmung ist angespannt; der Zustand der Bahn (Tiefpunkt Stuttgart) steht symbolisch fürs Ganze. Eine überzeugende Idee, wohin die Reise gehen soll, ist nicht in Sicht. Trotzdem geht es vielen – noch? – äußerlich gut. Was könnte ein humanistischer Blick beitragen, um die deutsche Zukunft im Kontext von Europa und der Menschheit human zu denken und zu gestalten?
Meiner Historikeridentität zum Trotz möchte ich jetzt nicht zuerst schuldbewusst auf wirkmächtige Geschichtsmythen (Teutoburger Wald, Michel, Platz an der Sonne etc.) und auf die harten historischen Fakten (WK I und II, Genozide) schauen. Oder die zwiespältigen Gegenwartsgefühle (Reformstau, „Denk ich an D…“, Walrettungseskapismus) interpretieren. Natürlich dürfte dabei auch nicht der Hinweis auf Deutschlands zugleich vorteilhafte und prekäre geografische Mittellage in Europa fehlen. Vielmehr möchte ich drei – aufeinander aufbauende – Identitätsbereiche skizzieren und jeweils konkrete Vorschläge für einen aktiven Blick nach vorne machen.
Wirtschaftliche Identität
Beginnen wir mit der wirtschaftlichen Identität. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, aber ganz ohne Brot ist er bald tot. Alle Kultur (klassisch-marxistisch „Überbau“) braucht immer eine materielle Basis, im Kleinen und im Großen. Das „Wirtschaftswunder“ gab der jungen BRD neues Selbstbewusstsein (die Unterstützung der Westalliierten wird gerne übersehen) und half beim Verdrängen der NS-Zeit. Bis heute sind etwa VW, Mercedes, Siemens, Bosch, deutsche Wertarbeit und deutsche Ingenieurskunst wichtige Identitäts-„Marker“ von vielen (West)-Deutschen, überwiegend Männern. Hinzu kommt der Mythos der „Mark“, die ja leider dann auf dem europäischen „Altar geopfert“ werden musste.
Die modernisierungskritischen Ideen von Nachhaltigkeit und Selbstbegrenzung stehen scheinbar im Kontrast zu diesen Denk- und Handlungsmaximen. Warum eigentlich? Sie sind in der deutschen Lebensreformbewegung um 1900 vorgedacht worden, einer bürgerlichen Kulturbewegung, die damals leider nicht mit der Arbeiterbewegung zusammenfand. Der zweite Anlauf gelang besser: Die Ökologiebewegung führte zur Gründung einer eigenen Partei, die den Zeitgeist prägte und erfolgreiche Bündnisse mit Sozialdemokraten sowie auch Konservativen einging. Leider überwog dabei oft die typisch deutsche Risikoscheu, z. B. bei der Atomkraft.
In den „goldenen“ Merkeljahren wurden dann viele bequem. Der technologische Vorsprung der deutschen Umweltindustrie wurde kurzsichtig verspielt, weil es nur um die Sicherung des Status quo ging; eine stimmige sozio-technische Zukunftsidee fehlte. Symbol dafür wurde der kriminelle Dieselskandal. Hier müsste heute ein kluger Staat lenkend und ermöglichend eingreifen, öffentliche Güter neu definieren, schützen und weiterentwickeln, Kapitalinteressen einhegen und besteuern und dabei endlich die neoliberale Ideologie über Bord werfen!
Das Gleiche gilt für den digitalen und KI-Bereich: Die fortschreitende digitale Kolonisierung von Deutschland und Europa durch die Musks und Thiels sowie China muss endlich politisch angepackt werden. Wem nützt eigentlich die KI? Wir müssen wieder eine Vision von guter, ehrbarer, nachhaltiger Wirtschaft entwickeln, wo jede/r bekommt, was er/sie braucht – ohne in olivgrün-braune Heimatmythen zurückzufallen. Die deutschen Traditionen von solider Arbeit, unterstützender Technologie und ökologischem „Mindset“ sind gute Bausteine dafür!
Kulturelle Identität
Kommen wir zur kulturellen Identität. Auch hier sollten wir unsere menschenfreundlichen, lebensbejahenden Traditionen, Wurzeln und die positiven Lernresultate der letzten Jahrzehnte stärken. Und die negativen, ungesunden, fauligen an der Ausbreitung hindern und entfernen? Vorsicht bei der Wortwahl! Schon sind wir „medias in res“, denn auch die Nazis haben vom „gesunden“ Volkskörper gesprochen, aus dem das „Degenerierte“ und die „Parasiten“ entfernt werden müssten. Die katastrophalen Folgen sind bekannt und zwingen uns immer wieder zur ehrlichen Selbstreflexion; eine offene Gesellschaft muss sich anders verteidigen.
Wir wollen ein kulturell vielfältiges, neugieriges, lernfähiges, kinderfreundliches, gastliches, hilfsbereites Land sein. Wir wollen niemanden kolonisieren, aber auch niemandes Kolonie sein. Als alternde Gesellschaft brauchen wir Einwanderung. Wer zu uns kommt, muss sich an unsere Regeln halten. Was das für die Migrationspolitik bedeutet, müssen wir klären. Auf jeden Fall gilt: Jüdinnen und Juden müssen – wie alle Mitbürger*innen – in Deutschland frei und unbehelligt leben können. Antisemitismus darf – wie alle Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit – keinen Platz in Deutschland haben. Die international anerkannte, aber leider ritualisierte deutsche Erinnerungsarbeit braucht neue Impulse (siehe z. B. Jacob Eder 2026). Aber keine Religion sollte privilegiert werden. Die Religionsfreiheit der Eltern sollte nicht schwerer wiegen als das Recht ihrer Kinder auf körperliche Unversehrtheit. Und die aggressive Siedlungs- und Präventivkriegspolitik Israels muss kritisiert werden dürfen, ohne pauschal als antisemitisch diskreditiert zu werden. Begriff und Inhalt der „Staatsräson“ müssen neu justiert werden. Selbstverständlich muss für Gewaltverbrechen an anderen Orten dieser Welt der gleiche Maßstab angelegt werden – von der Hamas-Schutzschildpolitik bis Iran, von Sudan bis Kongo.
Unser Maßstab heute können nur Menschenwürde, Menschenrechte und das weiter zu entwickelnde Völkerrecht sein. Viele deutsche Denker haben hierzu Vorarbeiten und Beiträge geliefert, auf die wir stolz sein können. Und viele deutsche Dichter, Künstler und Musiker haben humane Ideen, Kunstwerke, Erzählungen und Lebensentwürfe für ein gutes Leben und für eine bessere Welt beigetragen. Frauen waren leider nur wenige dabei. Aber auch bei den Themen Frauenemanzipation und Geschlechtergerechtigkeit sind wir unterm Strich auf einem guten Wege, müssen uns aktuell jedoch vor neomaskulinistischen Rückschlägen hüten.
Eine letzte Bemerkung zur Kulturpolitik im engeren Sinne: Kunst darf in der Demokratie nicht instrumentalisiert werden; hier gibt es von religiöser Reglementierung bis zu Stalin und den Nazis viele krasse Beispiele. Es gilt zu verhindern, dass die AfD in Sachsen-Anhalt und anderswo hieran anknüpft! Erfahrungs- und Möglichkeitsräume müssen offen bleiben, Provokationen erlaubt, solange die Menschenwürde nicht verletzt wird. Und die öffentliche Hand sollte die Kultur weiterhin umsichtig und nicht-elitär fördern – übrigens noch etwas typisch deutsches, auf das viele Länder respektvoll, ja neidisch blicken. Aber bitte mit Augenmaß: Der Neubauplan der Düsseldorfer Oper z. B. war entschieden zu opulent.
Politische Identität
Abschließend kommen wir zur politischen Identität: Selbstverständlich müssen wir unsere geschenkte, ironischerweise nur im Osten 1989 erkämpfte Demokratie verteidigen und stärken. Dazu gehört ein kritischer Umgang mit unserer Historie, die Vielen großes Leid gebracht hat. Die Weiterentwicklung unseres liberalen, möglichst gerechten, sozialen Gemeinwesens bleibt eine ständige Herausforderung.
Auf manches dürfen wir auch stolz sein: die guten Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem im Westen. Auf das Grundgesetz, das aber nicht versteinern darf. Auf den gewaltenteilenden deutschen Föderalismus (trotz seiner Hemmkräfte), die vergleichsweise immer noch gut funktionierende Sozialpartnerschaft und unsere kulturelle Vielfalt. Auf manche Perlen in unserer Geschichte: Die Kultur der Weimarer Republik, ein Laboratorium der Moderne. Die brillante deutsche Wissenschaft im 19. Jahrhundert. Den Idealismus der 1848er. Das nach Außen friedfertige Deutsche Reich nach dem Westfälischen Kompromiss- und Neuordnungsfrieden. Die mutigen Bauern im Bauernkrieg. Und auch auf einiges sozialpolitisch Gelungene in der DDR!
Wir könnten ein gelasseneres Selbstbewusstsein entwickeln – wie viele kleine europäische Länder, die auch große historische/koloniale Lasten tragen. Wir wollen Frieden und gute Nachbarschaft. Wir müssen nicht anderen auf der Tasche liegen. Wir sollten uns verteidigen können und unseren Freunden dabei helfen. Wir wollen Verantwortung in Europa und global übernehmen. Aber wir sollten uns keinesfalls neu aufplustern!
Es könnte klappen, wenn wir aus Fehlern lernen. Hier möchte ich jetzt nicht von notwendigen innenpolitischen Reformen, außenpolitischen Missgriffen (UNO-Sicherheitsratssitz) oder fatalen sicherheitspolitischen Fehleinschätzungen von Putin bis Trump sprechen, sondern zwei Fehlentwicklungen hervorheben, die unsere direkten (ehemaligen) Nachbarn betreffen:
Wir müssen unser Verhältnis zu Frankreich sorgfältiger ausbalancieren, wenn das mit Europa was werden soll. Frankreich und das Deutsche Reich waren seit dem Spätmittelalter, als der französische König im Machtkampf zwischen Kaiser und Papst der lachende Dritte war, Konkurrenten. Lange orientierte sich Deutschland kulturell an Frankreich; seine nationale Identität konstruierte es gegen Frankreich. Die Kriege der letzten zwei Jahrhunderte sind in der französischen „Seele“ mindestens so tief eingraviert wie in der unsrigen; trotz des stolzen republikanisch-gaullistischen Habitus sitzt das misstrauische Gefühl struktureller Unterlegenheit bis heute tief, worauf Klaus Kellmann jüngst hinwiesen hat.
Und wir müssen endlich zugeben, dass bei der „Wiedervereinigung“ mit unserem ehemaligen östlichen Nachbarn und „Bruder“, der DDR, vieles total schiefgelaufen ist. Auch wenn die „Ossis“ statt der guten Ideen des runden Tisches Birne und Banane gewählt haben, hat die radikale „Transformation“ viele umgeworfen; auf nicht wenige wirkte die hastige Zusammenlegung wie eine Kolonisierung. Die „Überschichtung“ durch westliche „Fachleute“, der bis dato geringe Anteil von Eliten östlicher Provenienz in Gesamtdeutschland und der kleine vererbbare private Kapitalstock sprechen eine klare Sprache. Hier bleibt noch viel zu tun!





1 Kommentar zu „Wer wir sein wollen“
Johannes Schwill hat einen Text geschrieben, der das seltene Kunststück versucht, deutsche Identität gleichzeitig zu entkrampfen und zu normieren. Das ist ungefähr so, als wolle man beim Spaziergang durch den Stadtwald zugleich flanieren und eine Autobahn bauen: intentionell widersprüchlich, aber nicht ohne Charme.
1. Würdigung: Humanismus mit Bodenhaftung
Zunächst das Positive: Schwill gelingt es, den Begriff „deutsche Identität“ aus der muffigen Ecke von Blut-und-Boden-Mythologie herauszuholen und ihn in die Sphäre eines aufgeklärten, prozessualen Selbstverständnisses zu überführen. Identität ist hier keine Essenz, sondern ein Projekt – ein „Wer wir sein wollen“. Das ist genuin humanistisch und philosophisch sauber gedacht.
Besonders stark ist die Dreiteilung in wirtschaftliche, kulturelle und politische Identität. Sie erinnert entfernt an klassische Gesellschaftstheorien (Basis/Überbau, Systemdifferenzierung), bleibt aber zugänglich. Auch der Versuch, historische Lasten weder zu relativieren noch zur alleinigen Identitätsquelle zu machen, ist wohltuend unaufgeregt.
Ebenso überzeugend: die Betonung von Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und Völkerrecht als normative Fixpunkte. Hier zeigt sich ein Humanismus, der nicht nur warmherzig, sondern auch institutionell denkt – und damit die entscheidende Frage ernst nimmt: Wie wird Moral praktisch wirksam?
Und schließlich: Der Text hat Mut zur Ambivalenz. Etwa wenn er gleichzeitig Israels Sicherheit betont und Kritik an dessen Politik einfordert oder wenn er Migration als Notwendigkeit beschreibt, ohne die Integrationsfrage zu romantisieren. Diese dialektische Offenheit ist in identitätspolitischen Debatten selten geworden.
2. Kritik: Der wohlmeinende Leviathan
Und doch: Gerade dort, wo Schwill am meisten überzeugen will, beginnt es zu knirschen.
a) Der Staat als heimlicher Erlöser
Immer wieder taucht im Text ein fast vertrauenerweckend-wohlmeinender Staat auf, der „lenkt“, „ermöglicht“, „einhegt“, „besteuert“ und am Ende offenbar auch weiß, was „gute Wirtschaft“ ist.
Das klingt humanistisch – trägt aber einen paternalistischen Schatten in sich.
Die alte Frage kehrt zurück:
Wer entscheidet eigentlich, was „gut“ ist – und wie sehr darf der Staat dabei nachhelfen?
Schwill kritisiert den Neoliberalismus (durchaus berechtigt), ersetzt ihn aber implizit durch eine Art neo-dirigistischen Humanismus. Dieser riskiert, die Freiheit des Individuums zugunsten eines normativ aufgeladenen Gemeinwohls zu überdehnen.
Oder zugespitzt: Der Text predigt Selbstbestimmung – und denkt sie gleichzeitig politisch vor.
b) Moralische Symmetrie – analytische Asymmetrie
Der Anspruch, globale Konflikte mit einem einheitlichen Maßstab zu messen („vom Sudan bis Israel“), ist moralisch beeindruckend, analytisch aber problematisch.
Denn Gleichheitsanspruch ersetzt nicht Differenzanalyse.
Nicht jeder Konflikt ist strukturell vergleichbar – und nicht jede Gewalt hat dieselben Ursachen oder Kontexte.
Der humanistische Universalismus droht hier, zur moralischen Gleichmacherei zu werden, die Komplexität glättet, statt sie zu durchdringen.
c) Identität ohne Reibung?
Schwill will eine offene, diverse, lernfähige Gesellschaft – und gleichzeitig klare Regeln für Zugehörigkeit. Das ist plausibel, aber im Text bleibt dieser Konflikt erstaunlich konfliktarm.
Die Frage, wie viel kulturelle Spannung eine Gesellschaft aushalten muss (und kann), wird eher umgangen als durchdrungen.
Man spürt: Der Text liebt Harmonie mehr als Tragik.
Doch Identität entsteht nicht nur aus Konsens, sondern aus produktiver Zumutung. Ein wenig mehr „Lessing“ und etwas weniger „Leitbild-Workshop“ hätten hier gutgetan.
3. Die stille Stärke: Ein Text, der sich selbst widerspricht
Das eigentlich Interessante – und vielleicht Unbeabsichtigte – ist:
Der Text ist selbst ein Beispiel für die Identität, die er beschreibt.
Er ist
-aufgeklärt und normativ
‑kritisch und staatstragend
‑selbstbewusst und selbstzweifelnd
‑universalistisch und doch sehr deutsch in seiner Systemliebe
Oder mit einem Augenzwinkern: Er denkt global – aber strukturiert wie ein deutscher Behördenleitfaden.
Gerade diese Widersprüchlichkeit macht ihn lesenswert. Denn sie zeigt:
Deutsche Identität besteht heute weniger aus Inhalt als aus Spannungsverhältnissen.
4. Fazit: Humanismus braucht auch Skepsis
Schwill liefert keinen fertigen Entwurf, sondern ein gut sortiertes Denkangebot – und das ist seine größte Stärke. Sein Humanismus ist anschlussfähig, pragmatisch und moralisch ambitioniert. Gleichzeitig läuft er Gefahr, zum sanften Steuerungsinstrument zu werden, das mehr ordnet als befreit. Vielleicht ließe sich seine Position so dialektisch zuspitzen:
Ohne Humanismus wird Identität gefährlich.
Mit zu viel Humanismus wird sie bequem.
Oder noch kürzer: Deutschland braucht nicht nur „Bausteine“, sondern auch Baustellen.
Und genau dort beginnt die eigentliche Arbeit.