Wer war Heinrich Lux?

Ein Leben zwischen Freiheitssuche und Gefängnismauern

Heinrich Lux

Beitragsbild: Ulrich Tietze/ Familienbesitz

Ulrich Tietze ist ein Enkel von Heinrich Lux. Über dessen dritte Ehefrau Dora, einer Jüdin, die in der NS-Zeit der Deportation entkam, erschien 2012 ein umfassendes Buch. Erst durch diese Biografie erfuhr Tietze von seinen jüdischen Wurzeln, die zuvor in seiner Familie nie thematisiert wurden. Angehörige seiner Familie wurden in der NS-Zeit verfolgt und ermordet, nicht wenige kamen in den KZs um. Bis zu ihrem Tod im Januar 2013 hatte Tietzes Mutter, Eva Lux, Angst vor einem neuen Rechtsextremismus. Noch kurze Zeit vor ihrem Tod im Jahr 2013 beschwor sie ihren Sohn, die jüdischen Wurzeln der Familie nicht öffentlich zu machen, andernfalls bekäme die Familie Probleme, „wenn die Rechten wieder regieren“. Tietze begann in der Folge, sich umfassend mit seiner Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Der hier veröffentlichte Text über seinen Großvater Heinrich Lux ist Teil dieser Auseinandersetzung.

In seiner Lebenszeit war Heinrich Lux kein Unbekannter: Enge Kontakte bestanden früh zu Sozialisten und Sozialdemokraten, etwa zu August Bebel. Lux wird im damaligen Standardwerk „Geschichte der Breslauer Sozialdemokratie“ ausgiebig gewürdigt. Er gehörte jahrelang zum „Freundeskreis Gerhart Hauptmann“, war befreundet mit dem Bühnen-Autor Frank Wedekind, mit der Künstlerin Käthe Kollwitz und dem Naturwissenschaftler Karl Steinmetz. Unter Bismarck wurde Lux als Sozialist eingesperrt. Er schrieb diverse Bücher und wurde der älteste Patentanwalt in Berlin. Verheiratet war er in dritter Ehe mit der Frauenrechtlerin Dora Lux. Charakteristisch für ihn war immer sein Eigensinn, es ließe sich auch sagen: seine Sturheit. Zugleich jedoch war da sehr viel Humor, auch sehr viel Bereitschaft zum Dialog.

Erlebte Armut, Prozess und Gefängniszeit

Heinrich Lux, geboren im Jahr 1863, wächst bei Tarnowitz aus. Für seine sehr fromme (katholische) Mutter ist diese Zeit nicht einfach: als der Vater starb, war Heinrich erst sieben Jahre alt. Armut prägt den Alltag. Diese Armut ist es wohl auch, die ihn früh dazu bringt, sich mit sozialistischen Ideen zu beschäftigen. Mit Freunden gemeinsam liest er Kautsky und Marx, mit ihnen interessiert er sich für das „Modell Ikarien“ in den USA, begründet vom französischen Sozialisten Etienne Cabet. Doch dies wird ihm zum Verhängnis, denn in der Zeit des Sozialistengesetzes sind derartige Ideen verboten. 1887 kommt es zum großen Breslauer Sozialistenprozess. Heinrich Lux ist dort Hauptangeklagter und sitzt danach mehr als zwei Jahre hinter Gittern. Für ihn, den immer nach Freiheit Strebenden, eine bittere Zeit. Aber zugleich gilt: Er, der überzeugte Freigeist (als junger Erwachsener tritt er aus der katholischen Kirche aus), erhält weitreichende Unterstützung durch den Gefängnisseelsorger Thamm; Lux würdigt ihn in seinen Memoiren sehr; fast scheint er in ihm einen Freund gesehen zu haben. Bemerkenswert auch: als Lux aus der Haft entlassen wird, suchte Thamm einen Nachfolger für die Büroarbeit, in der Heinrich Lux weithin freie Hand gehabt hatte. Lux empfahl seinen Freund Julian Marcuse, der die Haftzeit anzutreten hatte. Der Gefängnis-Seelsorger vertraute ihm sofort die Stelle an – und wusste, dass Marcuse Jude war! Solche Konstellationen sind für und in Kirche wohl nur im Gefängnis möglich.

Im Sozialistenprozess wird auch Gerhart Hauptmann als Zeuge vorgeladen, aber wie ein Angeklagter behandelt. Er dokumentiert das mehrfach in späteren Schriften und kann den Schock offenbar nur schwer überwinden. In einer Biografie heißt es gar, es seien wohl die schwersten Stunden seines Lebens gewesen; vielleicht darf von einem Trauma gesprochen werden. Zumindest wird deutlich: Er distanzierte sich zunehmend von seinem früheren Freund – oder guten Bekannten – Heinrich Lux, mehrfach schreibt Hauptmann, er habe Lux nur „flüchtig“ gekannt. Der Hauptangeklagte im Prozess dagegen würdigt die Beziehung zum Dichter u.a. in seinen Memoiren und in einer umfassenden Darstellung des Breslauer Prozesses.

Emigration in die Schweiz und publizistische Aktivitäten

Nach der Entlassung darf Lux in Deutschland nicht weiterstudieren. Er wechselt in die Schweiz. Eine rege publizistische Tätigkeit für die SPD beginnt: Bücher über soziale Probleme, eine Nachbetrachtung zum “Modell Ikarien”, Publikationen über die Not des Proletariats, über Prostitution, über die fatalen Auswirkungen des Kapitalismus für die kleinen Geschäftsleute. Eine von ihm durchgeführte Untersuchung über die angeblich im Judentum höhere Kriminalität widerlegt gängige Vorurteile. Um auch Arbeitern den Kauf seiner Publikationen zu ermöglichen, wird ihr Preis oft bewusst niedrig gehalten.

Ein auch heute noch erschütterndes Dokument, von Lux herausgegeben, sind die „Briefe aus einem Totenhaus“ – Zeugnisse politischer Gefangener unter dem damaligen Zaren. Berichtet wird dort von Verschleppung, Folter, Verweigerung aller Rechte. Viele überlebten die erlittenen Grausamkeiten nicht.

Alle Einnahmen aus dem Verkauf werden den Verfolgten zur Verfügung gestellt; ein sozialer Zug, der sich durch das ganze Leben des Heinrich Lux zieht. Den Arbeitern bleibt er im Denken wie in der Publizistik verbunden; seine Tochter Eva erzählt: „Ich kam von der Bahn, schleppte einen schweren Koffer. Ein Arbeiter sprach mich an: ‚Ich trag ihn dir, wo wohnste?‘ ‚Fregestraße 81.‘ ‚Wo der olle Lux wohnt?‘ Die Arbeiter kannten ihn alle, meinen Vater. Als Sozialdemokrat hatte er viel Kontakt mit ihnen gehabt. Der Arbeiter geht mit rauf. Vater hat sich so gefreut.“ Das war im Ersten Weltkrieg.

Zu Künstlerkreisen pflegt Lux lange enge Kontakte: Erich Mühsam, Franz Wedekind, Käthe Kollwitz. Mit Naturwissenschaftlern wie Karl Steinmetz ist er eng befreundet und hilft mit List und Geschick, dass Steinmetz seiner drohenden Verhaftung entgeht und nach Amerika emigrieren kann.  Kunst, Aufklärung, Politik – jahrzehntelang bleiben dies die maßgeblichen Themen für Heinrich Lux, vor und nach der Haft.

In der Weimarer Republik ist Lux zunehmend enttäuscht von seiner SPD. Er zieht sich aus der Politik immer mehr zurück; politische Publikationen sind ab da die Ausnahme, dagegen bringt er sein immenses Wissen über Licht und Beleuchtung in Buchform.

Die letzten Jahre

Die Leidenschaft für Reisen in die Bergwelt und häufiges Fotografieren bestimmen weiterhin das Leben des Heinrich Lux. Doch die Machtübernahme durch die Nazis wird zu einer extrem schweren Last für ihn und seine Angehörigen: Seine jüdische Frau erhält Berufsverbot, Angehörige werden verschleppt, gefoltert, ermordet. Manchen lässt Lux auf ihren Wunsch hin Zyankali zukommen, um ihnen größere Qualen zu ersparen. Er macht keinen Hehl aus seiner rigorosen Abneigung gegen die Faschisten; bei jedem Zusammensein mit Angehörigen spricht er als Toast das Wort „Pereant!“ (lateinisch für „Mögen sie untergehen!“), auch in Gegenwart von Menschen, die er politisch nicht einschätzen kann.

Dora und Heinrich Lux Bild: Ulrich Tietze (Familienbesitz)

Dora Lux (1882–1959) hatte jüdische Vorfahren, die erst durch den Übertritt zum Christentum beruflich Fuß fassen konnten. Sie gehörte zu den ersten 50 Abiturientinnen in Deutschland, studierte Altphilologie, promovierte über Fabeln in der Antike und war eine Vorkämpferin für Frauenrechte, insbesondere in Bildungsfragen. In der NS-Zeit entzog sie sich der Verfolgung durch Verweigerung der Übernahme des Namens “Sarah” (obligatorisch für Jüdinnen).

Auf Wunsch seiner Frau Dora schreibt er noch seine Memoiren in der Zeit des Faschismus. Er benennt offen seine Sympathie für sozialistische Ideen, macht auch seine Lektüre von Marx und anderen Klassikern deutlich, und auch seine Nähe zu nicht wenigen Juden hält er nicht geheim. (Das Judentum als Religion interessierte ihn allerdings ebenso wenig wie das Christentum.) Viele Formulierungen freilich deuten auf Vorsicht hin: Die NS-Verbrechen beschreibt er nicht, obwohl er von ihnen wusste.

1944 im August stirbt Heinrich Lux. Die Befreiung Deutschlands vom Faschismus hat er nicht mehr erlebt.

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