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Plädoyer für einen Interventionistischen Humanismus

Humanistisch-ethisches Handeln in globalen Krisenzeiten

Leere Regale, 2020
Die Corona-Pandemie und andere Krisen stehen bei genauer Betrachtung in einem Bedingungs- und Wirkungszusammenhang. Sie sind auch nicht besonders überraschend. Für Humanisten werden hier große Herausforderungen abgebildet, denn mehr denn je muss humanistische Haltung zu einem humanistisch-ethischen Handeln in ganz praktischem Sinne führen. Ein Plädoyer für einen interventionistischen Humanismus.

Die Coro­na-Pan­de­mie war gewis­ser­ma­ßen eine ange­kün­dig­te Kri­se. 2003 gab es SARS. Anfang Janu­ar 2013 über­reich­te die Bun­des­re­gie­rung dem Bun­des­tag den Experten-„Bericht zur Risi­ko­ana­ly­se im Bevöl­ke­rungs­schutz 2012“ mit einem Schwer­punkt „Pan­de­mie durch Virus Modi-SARS“. Dort wur­de eine durch ein hypo­the­ti­sches, mit dem SARS-CoV ver­gleich­ba­res Virus her­vor­ge­ru­fe­ne Pan­de­mie recht rea­lis­tisch model­liert. Trotz­dem wur­de der Umbau der Gesund­heits­sys­te­me unter öko­no­mi­schem Dik­tat fort­ge­setzt, unter ande­rem durch den Abbau von (Pflege-)Personal und die Instal­la­ti­on fra­gi­ler glo­ba­ler Lie­fer­ket­ten für medi­zi­ni­sches Gerät, Mate­ri­al und Medi­ka­men­te zulas­ten loka­ler, regio­na­ler, natio­na­ler und euro­päi­scher Pro­duk­ti­ons- und Lager­ka­pa­zi­tä­ten.

Der Kli­ma­wan­del gehört eben­falls zu den ange­kün­dig­ten Kri­sen: Die ers­ten welt­weit wahr­ge­nom­me­nen, dring­li­chen, wis­sen­schaft­lich begrün­de­ten War­nun­gen sind bald 50 Jah­re alt. Auch alles ande­re als brand­neu ist, dass das Ein­brin­gen von Gif­ten und Müll in die Umwelt die bio­lo­gi­schen Sys­te­me gefähr­det; Mikro­plas­tik zum Bei­spiel ist inzwi­schen in den ozea­ni­schen Sedi­men­ten glo­bal nach­ge­wie­sen. Eben­falls seit vie­len Jah­ren sehr gut doku­men­tiert ist das rasan­te welt­wei­te Arten­ster­ben, das unter ande­rem auf unse­re Art der Lebens­mit­tel­pro­duk­ti­on und die indus­tri­el­le Über­nut­zung der Natur zurück­zu­füh­ren ist. Gan­ze Lebens­räu­me für Pflan­zen und Tie­re ver­schwin­den oder wer­den auf eine Grö­ßen­ord­nung redu­ziert, die ihnen die Erfül­lung ihrer kom­ple­xen Öko­sys­tem-Funk­tio­nen nicht mehr erlaubt. Das Tem­po all die­ser men­schen­ge­mach­ten Ent­wick­lun­gen ist inzwi­schen der­art hoch, dass vie­le Arten, die zur Anpas­sung an ver­än­der­te Umwelt­be­din­gun­gen viel län­ge­re Zeit­räu­me benö­ti­gen, schlicht­weg aus­ster­ben.

Und wir soll­ten Wirt­schafts­kri­sen nicht ver­ges­sen: die soge­nann­te Finanz­kri­se 2008 und die sich anbah­nen­de erneu­te sys­te­mi­sche Kri­se des Kapi­ta­lis­mus, auf die Coro­na wie ein Kata­ly­sa­tor wirkt. Unglaub­li­che Sum­men wer­den jetzt bewegt, um die ange­schla­ge­nen Öko­no­mien zu ret­ten – und, wie sich bereits abzeich­net, meis­tens ohne ver­bun­de­ne Kurs­kor­rek­tu­ren in Rich­tung Res­sour­cen­scho­nung, Nach­hal­tig­keit und so wei­ter. Übli­cher­wei­se sind sol­che „Ret­tungs­pa­ke­te“ auch rie­si­ge, letzt­lich aus Indi­vi­du­al­steu­ern und aus Ein­spa­run­gen bei der sozia­len Infra­struk­tur gespeis­te Umver­tei­lungs­ma­schi­nen hin zu den gro­ßen Ver­mö­gen (auch wenn durch­aus nicht uner­heb­li­che Mit­tel für Arbei­ten­de, Mie­ter, Klein­ge­wer­be­trei­ben­de und wei­te­re frei­ge­setzt wur­den).

Als Euro­pä­er soll­ten wir auch beden­ken: Die „Dril­lings-Pan­de­mien“ von Coro­na, Armut sowie Kli­ma­wan­del und Umwelt­zer­stö­rung tref­fen gro­ße Tei­le des Glo­ba­len Südens erheb­lich stär­ker als den Glo­ba­len Nor­den. Hun­ger, Durst und Krank­heit als Fol­gen von Armut sind in vie­len afri­ka­ni­schen, aber auch asia­ti­schen Län­dern all­ge­gen­wär­tig. Trotz sei­ner nied­ri­gen CO₂-Emis­sio­nen im Ver­gleich zu ande­ren Län­dern droht Ban­gla­desch auf­grund des anstei­gen­den Mee­res­spie­gels (als Kli­ma­wan­del­fol­ge) im Meer zu ver­sin­ken, wes­halb Mil­lio­nen Men­schen in einer abseh­ba­ren Zukunft zu Geflüch­te­ten wer­den. Und vor dem Virus sind eben nicht alle gleich; Gesund­heit ist auch eine sozia­le Fra­ge. All dies sind kei­ne fer­nen Pro­ble­me. Sie for­dern unse­re Empa­thie her­aus, sie erhö­hen den Migra­ti­ons­druck inner­halb der betrof­fe­nen Län­der und in Rich­tung Euro­pa, sie stel­len unser öko­no­mi­sches Han­deln in und gegen­über die­sen Län­dern in Fra­ge und for­dern Ant­wor­ten – von uns.

Humanistische Ethik – Humanistische Interventionen

So vie­le Kri­sen. Sind wir noch zu ret­ten? Oder bes­ser: Kön­nen wir uns noch ret­ten? Für Huma­nis­ten ergibt die­se Fra­ge wenig Sinn. Wie opti­mis­tisch oder pes­si­mis­tisch wir indi­vi­du­ell auch gestrickt sind, so wer­den wir nie die Hoff­nung auf und das Bemü­hen um eine lebens­wer­te Zukunft auf­ge­ben. Die Coro­na-Kri­se hat auch die ande­ren Kri­sen (Kli­ma, Umwelt, Wirt­schaft) zusätz­lich beleuch­tet: Im Grun­de gibt es kei­nen Man­gel an wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis, son­dern an dar­aus abge­lei­te­tem, ent­schlos­se­nem Han­deln. Mehr Men­schen als zuvor ahnen oder erken­nen die Zusam­men­hän­ge zwi­schen die­sen Kri­sen und den Zusam­men­hang der diver­sen Kri­sen mit unse­rer Wirt­schafts­wei­se und stel­len sich viel­leicht erst­mals der Fra­ge nach einem Sys­tem­wan­del – in ein­zel­nen Sek­to­ren oder „im Gro­ßen und Gan­zen“. Dar­aus erge­ben sich Anknüp­fungs­punk­te für huma­nis­ti­sche Inter­ven­tio­nen – im per­sön­li­chen als auch im beruf­li­chen Umfeld, in Grup­pen, Ver­ei­nen, Ver­bän­den, Orga­ni­sa­tio­nen, in bezie­hungs­wei­se gegen­über der Poli­tik. Jede*r nach den jeweils eige­nen Vor­aus­set­zun­gen, Mög­lich­kei­ten, Bedin­gun­gen. Die letz­te Aus­ga­be der dies­seits zeig­te im Rah­men des Schwer­punk­tes „AKTIVISMUS – Huma­nis­mus, der sich ein­mischt“ inter­es­san­te und viel­fäl­ti­ge Bei­spie­le huma­nis­ti­scher Inter­ven­ti­on.

Auch unter Huma­nis­ten ist durch­aus umstrit­ten, wel­che Hand­lungs­mög­lich­kei­ten dem ein­zel­nen Men­schen als Indi­vi­du­um mit wel­cher Reich­wei­te, mit wel­cher Wir­kungs­macht zur Ver­fü­gung ste­hen, und wel­che mora­li­sche Ver­ant­wor­tung für sein Han­deln oder Unter­las­sen ihn trifft. Nikil Muker­ji und Kol­le­gen arbei­ten an der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen zu The­men wie „Ethik des Kli­ma­wan­dels“ und kom­men bei ihren For­schun­gen zu dem Ergeb­nis, dass nicht dem Indi­vi­du­um (man­gels kau­sa­ler Kon­trol­le) son­dern vor allem nor­ma­tiv struk­tu­rier­ten Gemein­schaf­ten eine mora­li­sche Ver­ant­wor­tung für ihr Han­deln zuzu­schrei­ben sei und sie des­halb auch zur Ver­ant­wor­tung zu zie­hen sei­en – zum Bei­spiel für ihren Bei­trag zum Kli­ma­wan­del. „Der ethi­sche Dis­kurs über den Kli­ma­wan­del soll­te sich stär­ker auf mäch­ti­ge gesell­schaft­li­che Grup­pen kon­zen­trie­ren“, schreibt Nikil Muker­ji in einem FAZ-Arti­kel [FAZ, 25.09.2019, „Zur Ethik des Kli­ma­wan­dels – War­um der Ein­zel­ne zu ent­las­ten ist“].

Wirkung entfalten

Sicher, der Ein­zel­ne kann ver­su­chen, sein Ver­hal­ten mit Vor­stel­lun­gen von Nach­hal­tig­keit, Res­sour­cen­scho­nung etc. in Ein­klang zu brin­gen. Unter den aktu­el­len Rah­men­be­din­gun­gen ist das indi­vi­du­ell jedoch kaum zu schaf­fen, und selbst wenn, wäre der per­sön­li­che Ein­fluss auf solch gro­ße Pro­zes­se nicht mess­bar. „Mei­ne All­tags­pra­xis ist in eine Struk­tur ein­ge­baut, die mich in Rich­tung Zer­stö­rer­sei­te drückt“, erläu­tert die Kli­ma­po­li­tik-Exper­tin Maja Göpel erfri­schend unaka­de­misch, wie es nur in einem Inter­view mög­lich ist: „Ich glau­be, vie­le Ver­bo­te wür­den sehr vie­le Men­schen jetzt ein­fach mal befrei­en. Die­ses schlech­te Gewis­sen an der Kas­se til­gen, wenn ich weiß, ich muss nicht immer mit mei­nem Smart­phone alles erst mal scan­nen, um zu gucken, ob das Pro­dukt jetzt das Aller­schlimms­te ist. Oder zu wis­sen, dass nicht nur ich mich ein­schrän­ke, son­dern dass es alle tun“ [taz FUTURZWEI Aus­ga­be 10, 2019].

Vie­les ver­weist dar­auf, dass wir gesell­schaft­li­che Wirk­sam­keit erst in koope­ra­ti­ver Pra­xis, in Grup­pen, Initia­ti­ven, Orga­ni­sa­tio­nen und Bewe­gun­gen ent­fal­ten kön­nen. Und dass wir Regeln brau­chen: neue. Auch Ver­bo­te – denn die kön­nen unter Umstän­den zugleich Gebo­te bezie­hungs­wei­se eine posi­ti­ve Ori­en­tie­rung und Raum­öff­nung für das Neue abbil­den. So ver­stan­de­ne Ver­bo­te kön­nen auch kon­sen­su­al her­bei­ge­führt wer­den, als in Regel­werk gegos­se­ne Über­ein­kunft dar­über, was Ver­gan­gen­heit und was Zukunft sein soll.

Ein Sys­tem­wan­del (zum Bei­spiel im Sin­ne von Nach­hal­tig­keits­trans­for­ma­ti­on), selbst nur in einem Teil­be­reich, muss ver­läss­lich mit sozia­ler Absi­che­rung ver­bun­den sein, sonst ist er nicht durch­set­zungs­fä­hig. Für die gesell­schaft­li­che Akzep­tanz muss er demo­kra­tisch orga­ni­siert sein. Demo­kra­tisch-pro­zes­sua­le Her­lei­tung ist auch erfor­der­lich, um der Okku­pa­ti­on sol­cher Wan­del­pro­zes­se durch Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen vor­zu­beu­gen. Im Rah­men der Rou­ti­nen par­la­men­ta­risch-reprä­sen­ta­ti­ver Demo­kra­tie allein kann dies nicht gelin­gen. Men­schen müs­sen sich in sol­chen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­sen mit ihren Erwar­tun­gen, Hoff­nun­gen, Ängs­ten und auch mit ihrer Exper­ti­se (ihren Erfah­run­gen, ihrem Wis­sen) wie­der­fin­den. Maja Göpel betont im genann­ten Inter­view, wie wich­tig es sei, „die regio­na­le oder die loka­le Ebe­ne zu stär­ken, weil ich glau­be, dass die Kate­go­rie der Selbst­wirk­sam­keit für Men­schen ganz zen­tral ist. Die­ses Gefühl von: Ich kann gestal­ten, ich habe Ein­fluss dar­auf, mein Leben in die Hand zu neh­men – und ich kann mich auch dar­auf ver­las­sen, dass die Men­schen gar nicht so selbst­ver­ses­sen sind, die neben mir woh­nen, son­dern dass wir auch Din­ge zusam­men machen kön­nen.“

Die rie­si­gen Dimen­sio­nen der glo­ba­len Kri­sen kön­nen Men­schen ver­zwei­feln las­sen oder (aus unter­schied­li­chen Moti­ven) ver­lei­ten, die­ses Gesche­hen zu ver­drän­gen, zu baga­tel­li­sie­ren, zu leug­nen. Ver­zweif­lung, Ver­drän­gung oder Leug­nung sind jedoch kei­ne hilf­rei­chen Optio­nen – „Sta­tus quo“ ist vor­bei.

Als Huma­nis­ten kön­nen wir uns gegen­sei­tig und ande­re Men­schen dar­in unter­stüt­zen, den kri­sen­haf­ten Ent­wick­lun­gen sowohl emo­tio­nal als auch ratio­nal ange­mes­sen zu begeg­nen – indem wir zum Bei­spiel der emo­tio­na­len Betrof­fen­heit den ana­ly­ti­schen Blick zur Sei­te stel­len, die Mecha­nis­men unse­rer Infor­ma­ti­ons­an­eig­nung und Mei­nungs­bil­dung hin­ter­fra­gen, der Wis­sen­schaft eine Lan­ze bre­chen, eine demo­kra­ti­sche und kri­tisch-soli­da­ri­sche Debat­ten­kul­tur in der Gesell­schaft stär­ken und für wir­kungs­vol­les Han­deln unser krea­ti­ves Poten­zi­al ent­fal­ten. Wir wer­den Bünd­nis­se ein­ge­hen und alle Büh­nen nut­zen müs­sen; die Stra­ßen und sozia­le Medi­en gehö­ren dazu. Weit über die Ange­bo­te des insti­tu­tio­nel­len Huma­nis­mus hin­aus müs­sen wir prak­tisch sein. „Huma­nis­ti­sche Wer­te haben nur dann Bedeu­tung, wenn sie umge­setzt wer­den; wenn sie bestim­men, wie wir ent­schei­den und wie wir unser Leben gestal­ten“, schreibt James Croft, Huma­nist und Anti­ras­sis­mus-Akti­vist in den USA, der sich unter ande­rem in der Black Lives Mat­ter-Bewe­gung enga­giert [dies­seits Aus­ga­be 126]. Des­halb: In Zei­ten glo­ba­ler Kri­sen muss Huma­nis­mus mehr denn je inter­ven­tio­nis­ti­scher Huma­nis­mus sein.

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