Die Mensch-Tier-Beziehung im Berliner JugendFEIER-Vorbereitungsprogramm

Katzen streicheln, Schweine essen?

| von
Wie sehen die Lebensbedingungen von Rindern, Schweinen und Hühnern in der Landwirtschaft wirklich aus? In einem Workshop im JugendFEIER-Vorbereitungsprogramm gehen Jugendliche diesen Fragen auf den Grund, beschäftigen sich mit Tierethik und den Folgen des eigenen Handelns und kochen anschließend gemeinsam rein pflanzlich.

Der Huma­nis­ti­sche Ver­band Deutsch­lands beglei­tet Kin­der und Jugend­li­che mit ver­schie­de­nen Ange­bo­ten auf ihrem Weg, in ers­ter Linie durch den Huma­nis­ti­schen Lebens­kun­de­un­ter­richt und die Jugend­fei­ern. Ziel die­ser Ange­bo­te ist es, kri­ti­sches Den­ken und empa­thi­sches Han­deln zu för­dern und huma­nis­ti­sche Wer­te wie Mensch­lich­keit, Soli­da­ri­tät, Selbst­be­stim­mung und Ver­ant­wor­tung zu ver­mit­teln. Eine Aus­ein­an­der­set­zung mit tier­ethi­schen Fra­gen, die in direk­tem Zusam­men­hang zur eige­nen Lebens­welt ste­hen, darf da nicht feh­len.

In die­sem Arti­kel berich­tet Ann-Marie Orf vom Fach­aus­schuss Tier­ethik über Work­shops von Mensch Tier Bil­dung e.V. im Rah­men des Jugend­FEI­ER-Vor­be­rei­tungs­pro­gramms in Ber­lin, in denen Jugend­li­che mehr über die land­wirt­schaft­li­che Nut­zung von Tie­ren erfah­ren und ihr eige­nes Ernäh­rungs­ver­hal­ten reflek­tie­ren kön­nen.

Mit der Jugend­fei­er, der welt­li­chen, huma­nis­ti­schen Alter­na­ti­ve zur Kon­fir­ma­ti­on, wird der Über­gang von der Kind­heit zum Erwach­sen­sein gefei­ert. In Ber­lin und Bran­den­burg erfreu­en sich Über­gangs­fei­ern für Jugend­li­che seit Jah­ren stei­gen­der Beliebt­heit und der Huma­nis­ti­sche Ver­band Ber­lin-Bran­den­burg ist inzwi­schen der größ­te Anbie­ter in die­sem Bereich. 2026 lie­ßen sich zwi­schen April und Juni rund 8500 Jugend­li­che auf gro­ßer Büh­ne fei­ern. Doch das Kon­zept der Jugend­FEI­ER (so die Eigen­schreib­wei­se im Lan­des­ver­band Ber­lin-Bran­den­burg) umfasst weit mehr als den gro­ßen Fest­akt im Früh­ling. Der ande­re wich­ti­ge Teil ist das sechs­mo­na­ti­ge Vor­be­rei­tungs­pro­gramm, in Ber­lin auch Jugend­FEI­ER-LAB genannt, das sich aus unter­schied­lichs­ten Work­shops, Aus­flü­gen und Fahr­ten zusam­men­setzt. Wich­tig dabei: Alles ist frei­wil­lig, die Teil­nah­me an Ange­bo­ten des Vor­be­rei­tungs­pro­gramms ist also kei­ne Vor­aus­set­zung für die Teil­nah­me an der Fest­ver­an­stal­tung, die als Höhe­punkt gilt. Ein Blick auf das umfang­rei­che Pro­gramm, das jedes Jahr im Sep­tem­ber ver­öf­fent­licht wird, lohnt sich jedoch auf jeden Fall. Denn hier fin­det sich eine gan­ze Rei­he von Ange­bo­ten, die viel Spaß ver­spre­chen, an die Lebens­welt der Jugend­li­chen anknüp­fen und sich auf ver­schie­dens­te Arten mit der grund­le­gen­den huma­nis­ti­schen Fra­ge beschäf­ti­gen, wie ein gutes Mit­ein­an­der in einer von Viel­falt gepräg­ten Welt aus­se­hen kann.

Die­ses Mit­ein­an­der schließt auch nicht-mensch­li­che Lebe­we­sen ein und so kann die Aus­ein­an­der­set­zung damit, wie Men­schen mit Tie­ren umge­hen soll­ten, als unab­ding­ba­rer Bestand­teil huma­nis­ti­scher Bil­dung betrach­tet wer­den. Es lässt sich leicht begrün­den, war­um die Tier­ethik für den Huma­nis­mus hoch­re­le­vant ist. Lei­der lässt sich aber genau­so leicht zei­gen, dass sich die­se Rele­vanz nicht in dem Stel­len­wert wider­spie­gelt, der ihr aktu­ell im Huma­nis­mus und damit auch in der huma­nis­ti­schen Bil­dung ein­ge­räumt wird. (Sie­he dazu auch mei­nen Arti­kel „Huma­nis­mus ohne Tie­re? Über­le­gun­gen zu Anthro­po­zen­tris­mus, Huma­nis­mus und Vega­nis­mus“ auf diesseits.de). Doch das all­ge­mei­ne Bewusst­sein für die Rea­li­tä­ten und die Fol­gen der land­wirt­schaft­li­chen Tier­hal­tung (Kli­ma­kri­se, Bio­di­ver­si­täts­kri­se, Anti­bio­ti­ka­kri­se usw.) nimmt immer wei­ter zu und auch (und ins­be­son­de­re?) in huma­nis­ti­schen Krei­sen beschäf­ti­gen sich inzwi­schen immer mehr Men­schen ernst­haft mit Fra­gen rund um den Umgang von Men­schen mit Tie­ren. Seit die­sem Jahr nun haben Work­shops zur Mensch-Tier-Bezie­hung auch im Jugend­FEI­ER-Vor­be­rei­tungs­pro­gramm einen fes­ten Platz. Durch­ge­führt wer­den sie von dem Bil­dungs­ver­ein Mensch Tier Bil­dung e.V., für den ich ehren­amt­lich tätig bin und über den ich hier auf diesseits.de bereits berich­tet habe.

Der Huma­nis­ti­sche Ver­band Deutsch­lands bzw. das Jugend­FEI­ER-Team Ber­lin und Mensch Tier Bil­dung e.V. pas­sen als Koope­ra­ti­ons­part­ner per­fekt zusam­men: Jugend­li­che im Jugend­FEI­ER-Alter tref­fen zuneh­mend selbst­be­stimmt Ernäh­rungs- und Kon­sum­entschei­dun­gen, The­men rund um Tier­hal­tung, Land­wirt­schaft und eine zukunfts­fä­hi­ge Ernäh­rung haben für sie also eine hohe Rele­vanz. Da Tier- und Umwelt­schutz vie­le jun­ge Men­schen bewe­gen, konn­te auch davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass ein Bil­dungs­an­ge­bot zum Mensch-Tier-Ver­hält­nis gut ange­nom­men wird. Zudem ver­folgt der Huma­nis­ti­sche Ver­band Deutsch­lands im Rah­men sei­ner Ange­bo­te für Kin­der und Jugend­li­che, wie zum Bei­spiel auch der Huma­nis­ti­schen Lebens­kun­de, den glei­chen Bil­dungs­an­satz wie Mensch Tier Bil­dung e.V.: Kin­dern und Jugend­li­chen soll ermög­licht wer­den, sich auf der Grund­la­ge von Fak­ten eine eige­ne Mei­nung zu bil­den und eige­ne Hand­lungs­op­tio­nen zu ent­wi­ckeln. Dabei wer­den Empa­thie und Mit­ge­fühl geför­dert und es wird zu einer Aus­ein­an­der­set­zung mit den Fol­gen des eige­nen Han­delns auf die Um- und Mit­welt ange­regt. Die Teil­neh­men­den sol­len ver­ste­hen, dass die Gege­ben­hei­ten ver­än­der­bar sind und wir alle aktiv zu gesell­schaft­li­chem Wan­del bei­tra­gen kön­nen. So kön­nen sie Selbst­wirk­sam­keit erfah­ren und wer­den zu gesell­schaft­li­cher Par­ti­zi­pa­ti­on ermu­tigt, wodurch über das behan­del­te The­ma hin­aus ein wich­ti­ger Bei­trag zur Demo­kra­tie­bil­dung geleis­tet wird.

Mei­ne Idee, Tier­ethik gemein­sam mit Mensch Tier Bil­dung e.V. auf die Jugend­FEI­ER-Agen­da zu set­zen, fand zu mei­ner gro­ßen Freu­de gleich Anklang bei Anne-Kath­rin Grie­se, die als Pro­jekt­lei­tung für die Jugend­FEI­ER-Bil­dungs­an­ge­bo­te in Ber­lin ver­ant­wort­lich ist. Im nächs­ten Schritt ging es dann dar­um, zu über­le­gen, wie der The­men­kom­plex „Nutztier“-Haltung und Ernäh­rung im vor­ge­ge­be­nen knap­pen Rah­men (ca. 2,5 Stun­den) so ver­mit­telt wer­den kann, dass der Ernst­haf­tig­keit der Sache Genü­ge getan wird, ohne dass der Spaß zu kurz kommt. Das Ergeb­nis war ein Work­shop mit Theo­rie- und Pra­xis­an­tei­len, der im Pro­gramm schließ­lich so bewor­ben wur­de:

Tier wie wir? Aus­tausch- & Koch-Event zu Tie­ren in der Land­wirt­schaft

Kat­zen strei­cheln, Hun­de knud­deln – aber Schwei­ne essen? 🤔 War­um behan­deln wir man­che Tie­re wie Fami­li­en­mit­glie­der und ande­re wie Pro­duk­te? Wie sieht das Leben von Rin­dern, Schwei­nen und Hüh­nern in der Land­wirt­schaft wirk­lich aus? Und muss das eigent­lich so sein?

In die­sem Work­shop mit dem Ver­ein Mensch Tier Bil­dung gehen wir die­sen Fra­gen gemein­sam auf den Grund – unter ande­rem mit einem Quiz und mit viel Raum zum Mit­re­den und Dis­ku­tie­ren.
In der zwei­ten Hälf­te wird’s prak­tisch und lecker: Wir kochen zusam­men Hack­bäll­chen, Eier­sa­lat und Scho­ko-Mousse – alles aus rein pflanz­li­chen Zuta­ten. Aus­tausch, Spaß und gutes Essen inklu­si­ve!

Der ers­te Work­shop fand im März 2026 im Haus des Huma­nis­mus in Ber­lin-Schö­ne­berg statt und wur­de von Belin­da Grimm und mir durch­ge­führt. Wir sind bei­de haupt­amt­lich als Lehr­kräf­te für Huma­nis­ti­sche Lebens­kun­de tätig und ehren­amt­lich bei Mensch Tier Bil­dung e.V. sowie im Fach­aus­schuss Tier­ethik des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Deutsch­lands aktiv. Hier stand jedoch natür­lich ganz klar unse­re Rol­le als Mode­rie­ren­de für Mensch Tier Bil­dung e.V. im Vor­der­grund.

Da es ein hei­ßer Sams­tag war, rech­ne­ten wir nicht damit, dass alle Ange­mel­de­ten auf­tau­chen wür­den. Schließ­lich hat­ten sich aber zehn Jugend­li­che ver­sam­melt und nach einer kur­zen Vor­stel­lungs­run­de ging es mit einem Kurz­vi­deo gleich in medi­as res. Im ers­ten Teil wur­de anhand eines umfas­sen­den Quiz Fak­ten­wis­sen zum Leben soge­nann­ter Nutz­tie­re und zu den Aus­wir­kun­gen ihrer Hal­tung auf Umwelt und Kli­ma – und damit auch auf uns Men­schen – ver­mit­telt. Eini­ge der Jugend­li­chen waren bereits gut infor­miert, was sie selbst auch auf die Schu­le, mehr noch aber auf Fern­seh­do­ku­men­ta­tio­nen, die sozia­len Medi­en und Gesprä­che im Freund*innenkreis zurück­führ­ten. Es war jedoch für alle Neu­es dabei und der immer wie­der durch­ge­führ­te Abgleich der Bedürf­nis­se der Tie­re mit ihren rea­len Lebens­be­din­gun­gen lud zu einem Per­spek­tiv­wech­sel ein, der im regu­lä­ren Schul­un­ter­richt häu­fig nicht statt­fin­det.

Im zwei­ten Teil ging es uns dar­um, durch das gemein­sa­me Kochen von rein pflanz­li­chen Gerich­ten in ent­spann­ter Atmo­sphä­re einen kon­kre­ten Lösungs­an­satz auf­zu­zei­gen. Die Jugend­li­chen fan­den sich schnell in Grup­pen zusam­men und mach­ten sich sehr selbst­stän­dig an die Arbeit. Wir stan­den bei Fra­gen zur Sei­te, zudem hat­ten wir zur Hil­fe­stel­lung Rezept­kar­ten aus­ge­legt. Und so wur­de aus rein pflanz­li­chen Zuta­ten ein zwei­gän­gi­ges Menü für die gan­ze Grup­pe gezau­bert, das bereits nach etwa 45 Minu­ten auf dem Tisch stand. Wir hat­ten extra Gerich­te her­aus­ge­sucht, die alle ken­nen und die in der Ori­gi­nal­ver­si­on sehr tier­pro­dukt­las­tig sind (sie­he oben). Beim Kochen und beim anschlie­ßen­den gemein­sa­men Essen wur­de dann fest­ge­stellt: Es muss weder auf­wen­dig noch teu­er sein, vegan zu kochen, vie­les lässt sich ganz unkom­pli­ziert eins zu eins erset­zen und mit ein­fach ver­füg­ba­ren Zuta­ten ist ein gutes Nähr­stoff­pro­fil gar kein Pro­blem (Kicher­erb­sen im vega­nen Eier­sa­lat, Sei­den­to­fu im vega­nen Scho­ko-Mousse usw.). Am Ende wur­de zusam­men gespült und auf­ge­räumt und dann mach­ten sich die Jugend­li­chen, aus­ge­stat­tet mit neu­em Wis­sen, Fotos von den Rezept­kar­ten und hof­fent­lich viel Moti­va­ti­on, auf ins Wochen­en­de.

Der Work­shop ist sowohl bei den Jugend­li­chen als auch beim Jugend­FEI­ER-Team gut ange­kom­men – denn natür­lich stellt das Team sicher, dass Bil­dungs­an­bie­ter alle Anfor­de­run­gen und Stan­dards für Jugend­FEI­ER-Ange­bo­te erfül­len, und so wur­de die­ser ers­te Work­shop von einem Jugend­FEI­ER-Mit­ar­bei­ter beglei­tet. Für Belin­da und mich war es eine tol­le Erfah­rung, mit dem Jugend­FEI­ER-Team zusam­men­zu­ar­bei­ten, und wir freu­en uns als Mit­glie­der von Mensch Tier Bil­dung e.V., aber auch als Mit­ar­bei­ten­de des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Deutsch­lands und Humanist*innen, dass nun jedes Jahr ein Tier­ethik-Work­shop im Vor­be­rei­tungs­pro­gramm steht! Unser beson­de­rer Dank geht an Anne-Kath­rin Grie­se, die für uns sehr schön zusam­men­ge­fasst hat, war­um Tier­ethik sehr gut in das Pro­gramm eines huma­nis­ti­schen Bil­dungs­an­ge­bots wie das der Jugend­FEI­ER passt:

„Im Vor­be­rei­tungs­pro­gramm zur Jugend­FEI­ER wol­len wir die huma­nis­ti­schen Pos­tu­la­te nicht nur erklä­ren, son­dern wirk­lich erleb­bar machen. Tier­ethik ist dafür ein span­nen­des The­ma, weil sie zeigt, wie Natur­zu­ge­hö­rig­keit und Ver­nunft ganz kon­kret zusam­men­hän­gen. Natur­zu­ge­hö­rig­keit heißt: Wir sind nicht getrennt von der Natur, son­dern ein Teil von ihr – genau wie Tie­re, die eige­ne Bedürf­nis­se und Inter­es­sen haben. Ver­nunft bedeu­tet dann, dar­aus Kon­se­quen­zen zu zie­hen: bewusst han­deln, Leid ver­mei­den, Tie­re respek­tie­ren und das eige­ne Ver­hal­ten hin­ter­fra­gen. Beim gemein­sa­men Kochen wird das direkt greif­bar: Was kommt auf den Tisch? Wo kommt unser Essen eigent­lich her? Wel­che Aus­wir­kun­gen hat es? Bei der Beant­wor­tung die­ser Fra­gen wächst auch das Bewusst­sein für Ver­ant­wor­tung. Die Beschäf­ti­gung mit Tier­ethik stärkt Empa­thie und die Fähig­keit, sich eine eige­ne fun­dier­te Mei­nung zu bil­den – wich­ti­ge Zie­le huma­nis­ti­scher Bil­dung. Und ganz neben­bei: Gemein­sa­mes Essen ver­bin­det, bringt alle an einen Tisch und schafft Raum für Aus­tausch und ech­tes Mit­ein­an­der.“

Anne-Kath­rin Grie­se,
Pro­jekt­lei­tung Jugend­FEI­ER Ber­lin
Bild: Die Hof­fo­to­gra­fen GmbH

Inhalt teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Meistgelesen

Nach oben scrollen