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Die Digitale Stunde der Humanistischen Gemeinschaft Hessen

Erwachsenenbildung auch in Zeiten von Corona

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laptop videochat camera digitale kommunikation

Beitragsbild: Jan Dubanek/ Pexels

Neben der Jugendarbeit und der Humanistischen Lebenskunde legt die Humanistische Gemeinschaft Hessen (HuGH) großen Wert auf ihr Angebot von Informations- und Bildungsveranstaltungen für Erwachsene. Vorträge zu kontroversen oder naturwissenschaftlichen Themen, bildungspolitische Infoveranstaltungen, Podiumsdiskussionen zur Religionskritik oder auch satirische Lesungen – all das gehört für gewöhnlich zum Veranstaltungsportfolio der HuGH. Doch in der Pandemie können diese Formate nicht mehr verantwortungsvoll stattfinden. Um dem Wunsch nach aktuellen inhaltlichen Impulsen und dem Austausch untereinander Rechnung tragen zu können, hat die HuGH ein neues Format gestartet: die „Digitale Stunde“. Dr. Jochen Blom hat selbst zwei der Veranstaltungen des neuen Formats gestaltet. Ein Erfahrungsbericht.

Das der­zeit domi­nie­ren­de The­ma in der Gesell­schaft ist ohne Fra­ge die welt­weit gras­sie­ren­de COVID-19-Pan­de­mie. Dies spie­gelt sich auch in der The­men­aus­wahl für unser neu­es For­mat „Digi­ta­le Stun­de“ wider. Bei der Auf­takt­ver­an­stal­tung im Janu­ar sprach der Darm­städ­ter Mathe­ma­ti­ker Dr. Gerd Mit­sch­ke bei­spiels­wei­se anschau­lich unter­halt­sam über Expo­nen­ti­el­les Wachs­tum. Anhand ver­ständ­li­cher Bei­spie­le zeig­te er, wie schwer es dem mensch­li­chen Geist fällt, gro­ße Zah­len und expo­nen­ti­el­les Wachs­tum zu erfas­sen, obwohl die­se Fähig­kei­ten zum Ver­ständ­nis des Pan­de­mie­ge­sche­hens immens wich­tig sind. Bei der zwei­ten „Digi­ta­len Stun­de“ im Febru­ar warf Hans-Joachim Wel­ler in einem phi­lo­so­phi­schen Vor­trag die Fra­ge auf, inwie­fern bis­he­ri­ge For­men der Ethik in einer zuneh­mend kom­ple­xen Gesell­schaft funk­tio­nie­ren, und wie eine neue Ethik, wel­che den moder­nen Huma­nis­mus und die Nach­hal­tig­keit im Mit­tel­punkt hat, aus­se­hen könn­te.

Im März war ich selbst an der Rei­he und gestal­te­te die drit­te digi­ta­le Ver­an­stal­tung: Ich nahm die Teil­neh­mer mit auf eine Rei­se in die Welt der Ver­schwö­rungs­my­then. Als Bio­in­for­ma­ti­ker und Skep­ti­ker beob­ach­te ich die mit­tel­hes­si­sche Ver­schwö­rungs­sze­ne seit Jah­ren und konn­te so einen guten Ein­blick in die The­ma­tik geben. Vie­le Teil­neh­mer waren ver­blüfft, in wel­chem Umfang loka­le Grup­pie­run­gen in Hes­sen Ver­schwö­rungs­my­then ver­brei­ten. Dabei reicht das Spek­trum der irra­tio­na­len Denk­mus­ter von Absur­di­tä­ten wie der gefälsch­ten Mond­lan­dung oder „Chem­trails“ – dem Glau­ben, dass Ver­kehrs­flug­zeu­ge über uns Che­mi­ka­li­en ver­sprü­hen – bis zu unmit­tel­bar gefähr­li­chen Umtrie­ben wie dem Glau­ben an eine jüdi­sche Welt­ver­schwö­rung oder der Ableh­nung von Imp­fun­gen. Bei der The­men­aus­wahl und Gestal­tung mei­nes Vor­trags war mir die För­de­rung einer fak­ten­ba­sier­ten Welt­sicht wich­tig: Es ging es dar­um, auf unter­halt­sa­me Wei­se die Absur­di­tät ver­brei­te­ter Ver­schwö­rungs­my­then dar­zu­stel­len, aber auch Wach­sam­keit in Bezug auf die zuneh­men­de Akzep­tanz sol­cher Nar­ra­ti­ve zu wecken.

Aus der Dis­kus­si­on im Anschluss an die­sen Vor­trag ergab sich das The­ma für die vier­te „Digi­ta­le Stun­de“ im April: Imp­fun­gen. Obwohl kei­ne medi­zi­ni­sche Errun­gen­schaft in der Geschich­te der Mensch­heit mehr Men­schen­le­ben geret­tet hat als Imp­fun­gen, wer­den die­se seit der Jahr­tau­send­wen­de zuneh­mend kri­tisch betrach­tet, zum gro­ßen Teil basie­rend auf Fehl­in­for­ma­tio­nen, die über die sozia­len Netz­wer­ke ver­brei­tet wer­den. Ins­be­son­de­re den zum Schutz vor COVID-19 in Rekord­zeit ent­wi­ckel­ten neu­ar­ti­gen mRNA-Impf­stof­fen schlägt Skep­sis und Sor­ge ent­ge­gen. Inhalt mei­nes Vor­trags im April war daher, wie die mRNA-Impf­stof­fe grund­le­gend funk­tio­nie­ren und wie die Ent­wick­lung in Rekord­zeit mög­lich war. The­ma­ti­siert habe ich außer­dem weit­ver­brei­te­te Befürch­tun­gen wie die einer angeb­lich dro­hen­den Erb­gut­ver­än­de­rung, Unfrucht­bar­keit oder unab­wäg­ba­re Lang­zeit­fol­gen. Men­schen fürch­ten sich vor Din­gen, die sie nicht ver­ste­hen, daher lag mein Fokus auf der Erklä­rung des Grund­prin­zips der neu­en Impf­stof­fe, um so dies­be­züg­li­che Ängs­te und Sor­gen abzu­bau­en.

Zukunft der Digitalen Stunde

Obwohl unse­re Ver­an­stal­tungs­rei­he erst im Janu­ar ihren Auf­takt hat­te, hat sich das Kon­zept aus Input und einer anschlie­ßen­den Dis­kus­si­on mit Fra­gen und Raum für wei­te­re Impul­se bereits jetzt bei unse­ren Mit­glie­dern bewährt – und die Vor­trä­ge wer­den erfreu­li­cher­wei­se auch zuneh­mend von Nicht-Mit­glie­dern wahr­ge­nom­men, die teils auch aus ande­ren Bun­des­län­dern oder sogar aus dem Aus­land stam­men. Das zeigt der Stär­ken des digi­ta­len For­mats: die Abkopp­lung von einem loka­len Publi­kum, wobei die Mobi­li­sie­rung von Zuhö­rern stark von einer Ver­brei­tung über Social-Media-Kanä­le pro­fi­tiert. Zum Erfolg des For­mats trägt sicher­lich auch bei, dass durch die COVID-19-Pan­de­mie das For­mat der Video­kon­fe­renz brei­ten Ein­zug in den Arbeits­all­tag vie­ler Men­schen gehal­ten hat, so dass die Hemm­schwel­le zur Teil­nah­me an solch digi­ta­len For­ma­ten gesun­ken ist. Den­noch ist es wich­tig, die „digi­ta­len Hür­den“ mög­lichst gering zu hal­ten. Wir set­zen daher auf das Open-Source-Web­kon­fe­renz­sys­tem „Big­BlueBut­ton“. Die­ses hat den Vor­teil, dass es in allen aktu­el­len und rele­van­ten Brow­sern läuft, ohne dass ein Brow­ser-Plug­in benö­tigt wird oder eine Soft­ware instal­liert wer­den müss­te.

Eine wei­te­re Stär­ke ist es, dass wir in einem digi­ta­len For­mat viel unmit­tel­ba­rer auf aktu­el­le The­men, Ent­wick­lun­gen und Debat­ten ein­ge­hen kön­nen. Auch wenn es für die Ver­an­stal­tung von digi­ta­len For­ma­ten natür­lich eben­falls Wis­sen, Recher­che und Vor­be­rei­tung braucht, kann den­noch spon­ta­ner und unab­hän­gig zum Bei­spiel von rea­len Ver­an­stal­tungs­or­ten reagiert wer­den. Auf­grund der Stär­ken des For­mats ist fest ein­ge­plant, die „Digi­ta­le Stun­de“ auch dann fort­zu­set­zen, wenn wie­der Prä­senz­ver­an­stal­tun­gen mög­lich sein wer­den. Geplant sind in den kom­men­den Mona­ten u.a. eine Info­ver­an­stal­tung zum The­ma Pati­en­ten­ver­fü­gung sowie ein Vor­trag zum Begriff der natur­wis­sen­schaft­li­chen Theo­rie am Bei­spiel des astro­no­mi­schen Welt­bil­des. Alle Infor­ma­tio­nen zu den Ter­mi­nen der „Digi­ta­len Stun­de“ sind hier zu fin­den: www.humanisten-hessen.de/digitale-stunde/

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