2024 haben wir in Berlin 40 Jahre Humanistische Lebenskunde gefeiert – doch eigentlich ist das Fach schon sehr viel älter. In Hessen kann die Lebenskunde (bzw. ein Vorläufer davon) bis auf das Jahr 1921 zurückverfolgt werden und bereits seit 1951 ist es dort auch möglich, das mündliche Abitur in diesem Fach abzulegen.
Im Schuljahr 2025/2026 war das Abi-Thema Tierethik – und den Anstoß dazu hat die Arbeit unseres Fachausschusses Tierethik gegeben, was uns natürlich sehr freut. Darüber und über vieles andere habe ich mich im ersten Teil dieses Beitrags mit Christiane Herrmann ausgetauscht, die dem Bundesvorstand des Humanistischen Verbandes Deutschlands angehört und den Lebenskundeunterricht in Hessen verantwortet. Im zweiten Teil kommt Helena Flohrer zu Wort, die im letzten Schuljahr das Lebenskunde-Abitur absolviert hat und uns über ihre Auseinandersetzung mit dem Prüfungsthema Tierethik berichtet.

Christiane Herrmann ist Landessprecherin des Humanistischen Verbandes Deutschlands | Hessen sowie Vorstandsmitglied des Humanistischen Verbandes Deutschlands | Bundesverband.
Liebe Christiane, du bist seit 2022 Mitglied im Bundesvorstand und unterrichtest Humanistische Lebenskunde in Hessen. Dort bist du aber noch für ganz viele andere Aufgaben zuständig. Kannst du uns einen kurzen Überblick über dein Tätigkeitsfeld geben?
Ich bin die Koordinatorin des Humanistischen Lebenskundeunterrichts in Hessen, verantworte das Curriculum und damit die Standards und unterrichte auch. Außerdem bin ich zuständig für die humanistische Feierkultur in Hessen – also alle Feiern im Lebenskreis wie Willkommensfeiern, Jugendfeiern, Hochzeiten und natürlich auch für die „Feiern des gewesenen Lebens“. Ich konzipiere das Jugendfeierprogramm in Hessen und leite die Vorbereitung. Zudem bin ich für die Beratungen zur Vorsorge, also Patientenverfügungen, Vorsorgevollmachten etc. verantwortlich. Und ein ganz großer Bereich, der in alles mit reinspielt, ist die persönliche Seelsorge.
In Hessen ist die Lebenskunde ganz anders aufgestellt als in Berlin und in Brandenburg: Hier unterrichten aktuell 413 Lehrkräfte etwa 75.000 Schüler*innen, meistens im 45-Minuten‑, manchmal im 90-Minuten-Takt. Die Humanistische Lebenskunde ist fest in den Stundenplan eingebunden und wir sind als Lehrkräfte Teil des jeweiligen Kollegiums der Schule, auch wenn wir einen anderen Arbeitgeber haben als unsere staatlichen Kolleg*innen, nämlich den Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg. Wie sieht es bei euch in Hessen aus?
Unser Unterricht gilt als regulärer Schulunterricht, ist ja sogar versetzungsrelevant – und doch läuft er ganz anders ab als normaler Unterricht in Schulen. Wir unterrichten die vorgeschriebene Unterrichtszeit nicht in der Schule, nicht ein- oder zweimal pro Woche, nicht als Frontalunterricht. Humanistische Lebenskunde wird an zwei Wochenenden im Halbjahr mit Übernachtung gegeben, sodass die Lernenden auch im Privatbereich zusammenkommen (an den Abenden, in den Pausen).
Unsere Schüler*innen sind momentan in drei Lerngruppen aufgeteilt: 5. bis 7. Klasse, 8. bis 10. Klasse und die Oberstufe. Der Humanistische Verband Deutschlands | Hessen hat die Genehmigung, Schüler*innen schulform- und jahrgangsübergreifend außerhalb der Schulen zu unterrichten – genauso übrigens wie andere Anbieter im Religions- und Weltanschauungsportfolio in Hessen.
Unsere momentan drei Lehrkräfte legen viel Wert auf Gruppen- und Paararbeit, ebenso auf Reflexionsarbeit.
Kannst du uns etwas zur Geschichte der Humanistischen Lebenskunde in Hessen erzählen?
Schon zu Anfang der freireligiösen und freidenkerischen Bewegung stand fest, dass junge Menschen geschult werden sollten – denn was ist bei diesen Gruppierungen anders als bei den etablierten Religionen? Und schon früh war klar, es muss auch in den öffentlichen Schulen die Möglichkeit gegeben sein, den freien Geist dieser Weltanschauungen zu lehren.
1921 gab es die ersten staatlich anerkannten Lehrpläne in Hessen für das Fach, das wir heute „Lebenskunde“ nennen. Nach der Machtübernahme durch die NSDAP wurden dann praktisch alle freireligiösen Gemeinden verboten, der Unterricht in den Schulen verschwand. Erst 1951 konnte er in der heute noch praktizierten Form wieder etabliert werden. Damals allerdings unter dem Namen „Freireligiöser Unterricht“, später als „Freie Religion“, dann 2015 als „Freie Religion – Humanistische Lebenskunde“. Seit 2023 heißt er endlich ausschließlich „Humanistische Lebenskunde“. Momentan wird ein neues Curriculum erstellt und wir sind dankbar, dass uns der Landesverband Berlin-Brandenburg dabei unterstützt.
Der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg ist bereits seit 2016 der größte Anbieter an den öffentlichen Grundschulen Berlins im Bereich des Religions- und Weltanschauungsunterrichts. Aktuell, im Schuljahr 2026/2027, unterrichten nur acht Lebenskunde-Lehrkräfte an weiterführenden Schulen. Die Humanistische Lebenskunde ist also in erster Linie ein Grundschulfach und es gibt generell keine Zensuren. In Hessen ist es aber möglich, in Lebenskunde Abi zu machen. Das bedeutet, dass das Fach benotet wird und versetzungsrelevant ist, wie du auch schon erwähnt hast. Kannst du uns dazu mehr erzählen?
In Hessen gibt es die Besonderheit, dass tatsächlich 14 Religionen und Weltanschauungen Unterricht erteilen dürfen. Humanistische Lebenskunde ist eines dieser angebotenen Fächer, dazu gibt es Ethik als Ersatzfach. Wir bieten das Fach ab der Grundschule an, wobei wir bei den unteren Klassen momentan leider keine Gruppe zusammenbekommen. Dann ab der 5. Klasse läuft das jahrgangsübergreifend, wie schon erwähnt. Die Teilnehmenden bekommen eine reguläre Note, das Fach ist dann auch versetzungsrelevant und es ist kein weiterer Unterricht im Fachbereich Religions- und Weltanschauungsunterricht mehr nötig. Falls gewünscht, kann das Fach auch als zusätzliches Fach im Fachbereich besucht werden, dann gilt es als AG und es wird nicht benotet, sondern nur bewertet, ob „teilgenommen“ oder „mit Erfolg teilgenommen“ wurde.
Hat man das Fach in der Oberstufe durchgängig besucht, darf man es als mündliches Prüfungsfach zum Abitur oder auch als praktisches Prüfungsfach für die Mittlere Reife wählen.
Du bist für die Auswahl des Lebenskunde-Prüfungsthemas im mündlichen Abitur verantwortlich und hast dich im letzten Schuljahr für die Tierethik entschieden. Wie kam es denn dazu?
Die Themen kommen aus den behandelten Themenbereichen der Oberstufe, wie Sterbehilfe, Abtreibungsparagraf 218, Euthanasie oder eben auch Tierethik. Tatsächlich haben mein Kollege Gunter Müller, der die Oberstufe momentan unterrichtet, und ich uns im letzten Schuljahr entschieden, das Thema Tierethik erstmals als Prüfungsthema zu nutzen, da durch eure Arbeit als Fachausschuss auch beim Humanistischen Verband insgesamt das Thema mehr beleuchtet wurde. So hatte unsere Schülerin Helena, die sich für das Lebenskunde-Abi entschieden hatte, die Gelegenheit, die humanistische Position zu erörtern.
Unser Anliegen als Fachausschuss Tierethik ist es, Gerechtigkeit in der Mensch-Tier-Beziehung als humanistisches Kernthema zu etablieren. Uns geht es hier um ganz praktischen Humanismus, denn durch Veränderungen im Ernährungs- und Konsumverhalten können wir zugleich Menschenrechte schützen wie auch Tierleid verringern, maximal natürlich durch eine vegane Lebensweise.
Wie siehst du selbst die Rolle der Tierethik im Humanismus? Konkret: Findest du, dass unserem Umgang mit nicht-menschlichen Lebewesen im Humanismus aktuell genug Bedeutung beigemessen wird?
Für mich gehört Tierethik ganz klar zum Humanismus dazu. Wenn wir von Verantwortung, Mitgefühl und einem achtsamen Umgang mit unserer Umwelt sprechen, dann können wir nicht so tun, als beträfe das nur den Menschen. Auch die Frage, wie wir mit Tieren und mit der Natur insgesamt umgehen, gehört für mich zu einer humanistischen Ethik.
Gleichzeitig tue ich mich mit sehr absoluten Positionen schwer. Für mich bleibt der Mensch nicht einfach außen vor, sobald wir über Tierwohl sprechen. Gerade in medizinischen Grenzsituationen wird das deutlich. Was ist beispielsweise, wenn ein Mensch auf ein Medikament oder ein medizinisches Produkt angewiesen ist, dessen Herstellung ohne tierische Bestandteile oder Tierversuche bisher nicht möglich war? Ich habe selbst erlebt, dass ein Mensch ohne ein aus tierischem Ausgangsmaterial gewonnenes Medikament kaum noch hätte essen und verdauen können. Andere Menschen sind auf Insulin, Impfstoffe oder andere lebensnotwendige Behandlungen angewiesen. Da würde ich das menschliche Leben und die menschliche Gesundheit nicht grundsätzlich dem Tierwohl unterordnen wollen.
Für mich liegt genau darin die schwierige Frage: Wo ziehen wir die Grenze? Und ich glaube, dass diese Grenze nicht für alle Menschen an derselben Stelle liegen muss. Entscheidend ist für mich zunächst, dass wir hinschauen und uns überhaupt fragen, welche Folgen unser Handeln hat. Wo können wir Tierleid vermeiden? Wo können wir unseren Konsum verändern? Wo gibt es gute Alternativen? Und wo geraten unterschiedliche ethische Güter tatsächlich miteinander in Konflikt?
Ich selbst esse nur selten Fleisch, und wenn, dann ist mir wichtig, woher es kommt und unter welchen Bedingungen das Tier gelebt hat – oder ob es beispielsweise aus freier Wildbahn stammt. Ich weiß, dass auch das aus einer konsequent veganen Perspektive nicht weit genug geht. Aber für mich bedeutet Humanismus nicht, moralische Reinheit zu verlangen. Er bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen immer wieder zu hinterfragen und auch Widersprüche auszuhalten.
Ich wünsche mir deshalb, dass Tierethik im Humanismus eine stärkere Rolle spielt – aber nicht als Frage von „richtig“ oder „falsch“ und schon gar nicht als moralischer Zeigefinger. Spannender finde ich die Frage: Wie weit reicht unsere Verantwortung gegenüber anderen Lebewesen und wie wägen wir sie ab, wenn unterschiedliche Bedürfnisse und Schutzgüter miteinander in Konflikt geraten? Genau darüber sollten wir sprechen.
Möchtest du uns noch ein bisschen mehr über die Bedeutung von tierethischen Überlegungen in deinem persönlichen Alltag erzählen?
Mein ältestes Kind sowie das Schwiegerkind leben vegan, die anderen beiden Kinder sowie ich essen vegetarisch mit ab und an Fisch oder Fleisch und achten dabei sehr auf Haltung, wie schon erwähnt. Und durch die Auseinandersetzung mit dem Thema ist bei mir der Konsum von tierischen Nahrungsmitteln allgemein sehr viel weniger geworden.
Allerdings gebe ich zu, ich habe bisher noch keinen veganen Camembert gefunden, der an meinen favorisierten, gut durchgereiften Schafsmilch-Camembert rankommt. Nein, Spaß beiseite. Ich esse mittlerweile sehr viele vegane Produkte sehr gerne, vermeide allerdings hochindustriell Hergestelltes. Ich mache lieber vieles selbst. Und ansonsten mache ich niemals aus irgendetwas ein Dogma – auch nicht aus dem „niemals“!