Zum geplanten Pflegeneuordnungsgesetz

„Verhinderungspflege ist kein Luxus“

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Foto: Konstantin Börner

Beitragsbild: Palle Knudsen/Unsplash

Die Verhinderungspflege soll als eigene Leistung entfallen, so sieht es der Entwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes vor. Ramona Timmons pflegt selbst einen Angehörigen. Im Interview erzählt sie, was auf dem Spiel steht und was diese Leistung für sie im Pflegealltag bedeutet: ein Stück normales Leben.

Fast neun von zehn pfle­ge­be­dürf­ti­gen Men­schen in Deutsch­land wer­den zu Hau­se ver­sorgt. 2023 waren es 86 Pro­zent aller Pfle­ge­be­dürf­ti­gen. Rund 3,8 Mil­lio­nen Men­schen wur­den dabei über­wie­gend durch Ange­hö­ri­ge betreut. Häus­li­che Pfle­ge ist damit kei­ne Rand­er­schei­nung, son­dern eine tra­gen­de Säu­le der Ver­sor­gung in Deutsch­land.

Aus­ge­rech­net bei einer der wich­tigs­ten Ent­las­tungs­mög­lich­kei­ten für die­se Fami­li­en sieht der aktu­el­le Ent­wurf des Pfle­ge­neu­ord­nungs­ge­set­zes grund­le­gen­de Ver­än­de­run­gen vor: Die Ver­hin­de­rungs­pfle­ge soll in ihrer bis­he­ri­gen Form als eigen­stän­di­ge Leis­tung ent­fal­len. Ersatz­pfle­ge bleibt zwar grund­sätz­lich mög­lich, soll künf­tig aber aus neu gebil­de­ten Bud­gets finan­ziert wer­den. Sozi­al- und Ange­hö­ri­gen­ver­bän­de kri­ti­sie­ren, dass damit ein bis­lang fle­xi­bel nutz­ba­rer eige­ner Leis­tungs­an­spruch ver­lo­ren geht und pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge finan­zi­ell und orga­ni­sa­to­risch schlech­ter gestellt wer­den könn­ten.

Ver­hin­de­rungs­pfle­ge ist nicht nur eine ein­zel­ne Leis­tung der Pfle­ge­ver­si­che­rung. Sie ermög­licht pfle­gen­den Ange­hö­ri­gen, zeit­wei­se Ver­ant­wor­tung abzu­ge­ben, bei­spiels­wei­se für Arbeit, eige­ne Ter­mi­ne, Erho­lung oder schlicht eine Pau­se von einer Auf­ga­be, die sonst rund um die Uhr prä­sent ist.

Aus huma­nis­ti­scher Per­spek­ti­ve geht es dabei unmit­tel­bar um Selbst­be­stim­mung: Wie ermög­li­chen wir pfle­ge­be­dürf­ti­gen Men­schen ein mög­lichst selbst­be­stimm­tes Leben im ver­trau­ten Umfeld, ohne dass die­je­ni­gen, die die­se Pfle­ge ermög­li­chen, ihre eige­ne Selbst­be­stim­mung immer wei­ter ein­schrän­ken müs­sen?

Ramo­na Tim­mons arbei­tet beim Huma­nis­ti­schen Ver­band Deutsch­lands | Bun­des­ver­band und kennt die­se Fra­gen zugleich aus eige­ner Erfah­rung als pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge. Im Gespräch berich­tet sie dar­über, was häus­li­che Pfle­ge im All­tag bedeu­tet, wel­che Rol­le Ver­hin­de­rungs­pfle­ge dabei spielt und war­um poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen über Ent­las­tungs­leis­tun­gen sehr kon­kre­te Aus­wir­kun­gen auf das Leben von Fami­li­en haben kön­nen.

Ramo­na Tim­mons ist Assis­tenz in der Bun­des­ge­schäfts­stel­le des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Deutsch­lands.

Du pflegst selbst einen Angehörigen. Kannst du erklären, was konkret diese Pflege für deinen Alltag bedeutet?

Pfle­ge bedeu­tet nicht ein­fach, ein paar Auf­ga­ben zusätz­lich zu über­neh­men. Sie ver­än­dert den gesam­ten All­tag. Oft hängt an ganz nor­ma­len Ter­mi­nen die Fra­ge: Wer über­nimmt in die­ser Zeit die Pfle­ge?

Von außen sieht man oft nur ein­zel­ne Auf­ga­ben. Was weni­ger sicht­bar ist, ist die­ses stän­di­ge Mit­den­ken und die Tat­sa­che, dass vie­les im eige­nen All­tag nicht ein­fach spon­tan mög­lich ist. Pfle­ge ist im All­tag viel mehr als die eigent­li­chen pfle­ge­ri­schen Tätig­kei­ten. Es ist vor allem die­se dau­ern­de Ver­ant­wor­tung im Hin­ter­grund. Man orga­ni­siert, plant vor­aus, stimmt Ter­mi­ne ab und muss immer mit­den­ken, was pas­siert, wenn etwas anders läuft als geplant.

Ich glau­be, es ist wich­tig zu ver­ste­hen, dass der Wunsch nach Ent­las­tung nichts damit zu tun hat, dass man weni­ger Ver­ant­wor­tung über­neh­men möch­te. Nie­mand kann dau­er­haft rund um die Uhr ver­füg­bar sein. Aus­zei­ten gehö­ren dazu, damit Pfle­ge lang­fris­tig über­haupt funk­tio­nie­ren kann.

Welche humanistischen Werte sind dir bei der Pflege besonders wichtig zu betonen?

Vor allem die Selbst­be­stim­mung, aber für bei­de Sei­ten.

Natür­lich geht es dar­um, dass pfle­ge­be­dürf­ti­ge Men­schen mög­lichst selbst­be­stimmt leben kön­nen und nicht allein des­halb ihre ver­trau­te Umge­bung ver­las­sen müs­sen, weil sie Unter­stüt­zung brau­chen. Aber Selbst­be­stim­mung darf nicht nur auf eine Sei­te bezo­gen wer­den.

Auch pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge brau­chen die Mög­lich­keit, ihr eige­nes Leben wei­ter­zu­füh­ren. Gute Pfle­ge­po­li­tik muss des­halb bei­de Per­spek­ti­ven zusam­men­den­ken.

Welche Rolle spielt die Verhinderungspflege für dich ganz konkret? Was ermöglicht sie dir im Alltag?

Ver­hin­de­rungs­pfle­ge schafft über­haupt erst die Mög­lich­keit, dass jemand ande­res zeit­wei­se über­neh­men kann.

Das kön­nen ganz all­täg­li­che Din­ge sein: ein Arzt­ter­min, ein Behör­den­gang, eine Ver­ab­re­dung, ein Kino­be­such oder ein­fach ein paar Stun­den, in denen man ein­mal nicht ver­ant­wort­lich sein muss.

Für mich ist das Ent­schei­den­de nicht, dass dadurch etwas Beson­de­res ermög­licht wird. Es ermög­licht ein Stück nor­ma­len All­tag.

Mit dem geplanten Pflegeneuordnungsgesetz soll die Verhinderungspflege in ihrer bisherigen Form als eigenständige Leistung entfallen. Was würde eine solche Veränderung für deinen Alltag bedeuten?

In der öffent­li­chen Debat­te wird Ver­hin­de­rungs­pfle­ge häu­fig stark mit Urlaub ver­bun­den. Gleich­zei­tig ent­steht teil­wei­se der Ein­druck, pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge wür­den die­se Leis­tung miss­bräuch­lich nut­zen oder müss­ten des­halb stär­ker kon­trol­liert wer­den. Das emp­fin­de ich als pro­ble­ma­tisch.

Ver­hin­de­rungs­pfle­ge bedeu­tet im All­tag näm­lich sehr viel mehr als Urlaub. Sie wird gebraucht, wenn ich zu einem Arzt­ter­min muss, einen Behör­den­gang habe, ein­mal ins Kino gehen oder mich mit Freund*innen tref­fen möch­te – also immer dann, wenn ich für eine gewis­se Zeit nicht selbst pfle­gen kann und jemand ande­res über­neh­men muss.

Wenn die­se Mög­lich­keit in der bis­he­ri­gen Form weg­fällt, ver­schwin­den die­se Situa­tio­nen natür­lich nicht. Prak­tisch bedeu­tet das dann ent­we­der, dass Ange­hö­ri­ge auf sol­che Din­ge ver­zich­ten oder dass Ersatz­pfle­ge aus eige­ner Tasche bezahlt wer­den muss.

Für mich ist des­halb wich­tig, dass Ver­hin­de­rungs­pfle­ge nicht als Luxus oder als eine Art Urlaubs­leis­tung betrach­tet wird. Sie ist ein Instru­ment, das pfle­gen­den Ange­hö­ri­gen über­haupt ermög­licht, neben der Pfle­ge noch ein eige­nes Leben zu füh­ren.

Gleichzeitig ist politisch gewollt, dass pflegebedürftige Menschen möglichst lange in ihrem vertrauten Umfeld leben können. Was muss aus deiner Sicht gegeben sein, damit das für alle Beteiligten funktionieren kann?

Dann muss man auch ehr­lich sagen, dass die­ses Modell nur funk­tio­niert, wenn Ange­hö­ri­ge aus­rei­chend unter­stützt wer­den.

Häus­li­che Pfle­ge ent­steht nicht ein­fach dadurch, dass jemand zu Hau­se blei­ben möch­te. Dahin­ter ste­hen Men­schen, die Ver­ant­wor­tung über­neh­men und sehr viel orga­ni­sie­ren.

Wenn man möch­te, dass Pfle­ge zu Hau­se mög­lich bleibt, braucht es des­halb ver­läss­li­che Ent­las­tungs­an­ge­bo­te, fle­xi­ble Leis­tun­gen und Struk­tu­ren, auf die man sich tat­säch­lich ver­las­sen kann. Sonst wird die Ver­ant­wor­tung immer wei­ter ins Pri­va­te ver­scho­ben.

Wenn wir über Selbstbestimmung in der Pflege sprechen: Wie lässt sich die Selbstbestimmung des pflegebedürftigen Menschen mit der Selbstbestimmung der pflegenden Angehörigen zusammendenken?

Für mich darf das kein Gegen­satz sein.

Natür­lich soll ein pfle­ge­be­dürf­ti­ger Mensch so selbst­be­stimmt wie mög­lich leben kön­nen. Aber die­ses selbst­be­stimm­te Leben darf nicht dar­auf beru­hen, dass die pfle­gen­de Per­son ihr eige­nes Leben voll­stän­dig zurück­stellt.

Die Fra­ge muss des­halb immer sein: Wie schaf­fen wir Bedin­gun­gen, unter denen bei­des mög­lich ist?

Für mich ist genau das der gesell­schaft­li­che Auf­trag: nicht eine Selbst­be­stim­mung gegen die ande­re aus­zu­spie­len, son­dern Struk­tu­ren zu schaf­fen, die bei­de Sei­ten tra­gen.

Was würdest du dir wünschen, dass politische Entscheidungsträger*innen bei solchen Reformen stärker berücksichtigen?

Dass hin­ter jeder Rege­lung kon­kre­te Lebens­si­tua­tio­nen ste­hen.

Wenn eine Leis­tung ver­än­dert oder ein­ge­schränkt wird, klingt das auf dem Papier viel­leicht erst ein­mal tech­nisch. Im All­tag kann es aber bedeu­ten, dass jemand einen Arzt­ter­min nicht wahr­neh­men kann, eine Ver­ab­re­dung absagt oder sich eine not­wen­di­ge Pau­se nicht mehr leis­ten kann.

Ich wür­de mir wün­schen, dass die Per­spek­ti­ve pfle­gen­der Ange­hö­ri­ger des­halb viel stär­ker mit­ge­dacht wird – nicht nur als Kos­ten­fak­tor, son­dern als die Men­schen, die einen sehr gro­ßen Teil der Pfle­ge über­haupt erst mög­lich machen.

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