Fast neun von zehn pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden zu Hause versorgt. 2023 waren es 86 Prozent aller Pflegebedürftigen. Rund 3,8 Millionen Menschen wurden dabei überwiegend durch Angehörige betreut. Häusliche Pflege ist damit keine Randerscheinung, sondern eine tragende Säule der Versorgung in Deutschland.
Ausgerechnet bei einer der wichtigsten Entlastungsmöglichkeiten für diese Familien sieht der aktuelle Entwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes grundlegende Veränderungen vor: Die Verhinderungspflege soll in ihrer bisherigen Form als eigenständige Leistung entfallen. Ersatzpflege bleibt zwar grundsätzlich möglich, soll künftig aber aus neu gebildeten Budgets finanziert werden. Sozial- und Angehörigenverbände kritisieren, dass damit ein bislang flexibel nutzbarer eigener Leistungsanspruch verloren geht und pflegende Angehörige finanziell und organisatorisch schlechter gestellt werden könnten.
Verhinderungspflege ist nicht nur eine einzelne Leistung der Pflegeversicherung. Sie ermöglicht pflegenden Angehörigen, zeitweise Verantwortung abzugeben, beispielsweise für Arbeit, eigene Termine, Erholung oder schlicht eine Pause von einer Aufgabe, die sonst rund um die Uhr präsent ist.
Aus humanistischer Perspektive geht es dabei unmittelbar um Selbstbestimmung: Wie ermöglichen wir pflegebedürftigen Menschen ein möglichst selbstbestimmtes Leben im vertrauten Umfeld, ohne dass diejenigen, die diese Pflege ermöglichen, ihre eigene Selbstbestimmung immer weiter einschränken müssen?
Ramona Timmons arbeitet beim Humanistischen Verband Deutschlands | Bundesverband und kennt diese Fragen zugleich aus eigener Erfahrung als pflegende Angehörige. Im Gespräch berichtet sie darüber, was häusliche Pflege im Alltag bedeutet, welche Rolle Verhinderungspflege dabei spielt und warum politische Entscheidungen über Entlastungsleistungen sehr konkrete Auswirkungen auf das Leben von Familien haben können.

Ramona Timmons ist Assistenz in der Bundesgeschäftsstelle des Humanistischen Verbandes Deutschlands.
Du pflegst selbst einen Angehörigen. Kannst du erklären, was konkret diese Pflege für deinen Alltag bedeutet?
Pflege bedeutet nicht einfach, ein paar Aufgaben zusätzlich zu übernehmen. Sie verändert den gesamten Alltag. Oft hängt an ganz normalen Terminen die Frage: Wer übernimmt in dieser Zeit die Pflege?
Von außen sieht man oft nur einzelne Aufgaben. Was weniger sichtbar ist, ist dieses ständige Mitdenken und die Tatsache, dass vieles im eigenen Alltag nicht einfach spontan möglich ist. Pflege ist im Alltag viel mehr als die eigentlichen pflegerischen Tätigkeiten. Es ist vor allem diese dauernde Verantwortung im Hintergrund. Man organisiert, plant voraus, stimmt Termine ab und muss immer mitdenken, was passiert, wenn etwas anders läuft als geplant.
Ich glaube, es ist wichtig zu verstehen, dass der Wunsch nach Entlastung nichts damit zu tun hat, dass man weniger Verantwortung übernehmen möchte. Niemand kann dauerhaft rund um die Uhr verfügbar sein. Auszeiten gehören dazu, damit Pflege langfristig überhaupt funktionieren kann.
Welche humanistischen Werte sind dir bei der Pflege besonders wichtig zu betonen?
Vor allem die Selbstbestimmung, aber für beide Seiten.
Natürlich geht es darum, dass pflegebedürftige Menschen möglichst selbstbestimmt leben können und nicht allein deshalb ihre vertraute Umgebung verlassen müssen, weil sie Unterstützung brauchen. Aber Selbstbestimmung darf nicht nur auf eine Seite bezogen werden.
Auch pflegende Angehörige brauchen die Möglichkeit, ihr eigenes Leben weiterzuführen. Gute Pflegepolitik muss deshalb beide Perspektiven zusammendenken.
Welche Rolle spielt die Verhinderungspflege für dich ganz konkret? Was ermöglicht sie dir im Alltag?
Verhinderungspflege schafft überhaupt erst die Möglichkeit, dass jemand anderes zeitweise übernehmen kann.
Das können ganz alltägliche Dinge sein: ein Arzttermin, ein Behördengang, eine Verabredung, ein Kinobesuch oder einfach ein paar Stunden, in denen man einmal nicht verantwortlich sein muss.
Für mich ist das Entscheidende nicht, dass dadurch etwas Besonderes ermöglicht wird. Es ermöglicht ein Stück normalen Alltag.
Mit dem geplanten Pflegeneuordnungsgesetz soll die Verhinderungspflege in ihrer bisherigen Form als eigenständige Leistung entfallen. Was würde eine solche Veränderung für deinen Alltag bedeuten?
In der öffentlichen Debatte wird Verhinderungspflege häufig stark mit Urlaub verbunden. Gleichzeitig entsteht teilweise der Eindruck, pflegende Angehörige würden diese Leistung missbräuchlich nutzen oder müssten deshalb stärker kontrolliert werden. Das empfinde ich als problematisch.
Verhinderungspflege bedeutet im Alltag nämlich sehr viel mehr als Urlaub. Sie wird gebraucht, wenn ich zu einem Arzttermin muss, einen Behördengang habe, einmal ins Kino gehen oder mich mit Freund*innen treffen möchte – also immer dann, wenn ich für eine gewisse Zeit nicht selbst pflegen kann und jemand anderes übernehmen muss.
Wenn diese Möglichkeit in der bisherigen Form wegfällt, verschwinden diese Situationen natürlich nicht. Praktisch bedeutet das dann entweder, dass Angehörige auf solche Dinge verzichten oder dass Ersatzpflege aus eigener Tasche bezahlt werden muss.
Für mich ist deshalb wichtig, dass Verhinderungspflege nicht als Luxus oder als eine Art Urlaubsleistung betrachtet wird. Sie ist ein Instrument, das pflegenden Angehörigen überhaupt ermöglicht, neben der Pflege noch ein eigenes Leben zu führen.
Gleichzeitig ist politisch gewollt, dass pflegebedürftige Menschen möglichst lange in ihrem vertrauten Umfeld leben können. Was muss aus deiner Sicht gegeben sein, damit das für alle Beteiligten funktionieren kann?
Dann muss man auch ehrlich sagen, dass dieses Modell nur funktioniert, wenn Angehörige ausreichend unterstützt werden.
Häusliche Pflege entsteht nicht einfach dadurch, dass jemand zu Hause bleiben möchte. Dahinter stehen Menschen, die Verantwortung übernehmen und sehr viel organisieren.
Wenn man möchte, dass Pflege zu Hause möglich bleibt, braucht es deshalb verlässliche Entlastungsangebote, flexible Leistungen und Strukturen, auf die man sich tatsächlich verlassen kann. Sonst wird die Verantwortung immer weiter ins Private verschoben.
Wenn wir über Selbstbestimmung in der Pflege sprechen: Wie lässt sich die Selbstbestimmung des pflegebedürftigen Menschen mit der Selbstbestimmung der pflegenden Angehörigen zusammendenken?
Für mich darf das kein Gegensatz sein.
Natürlich soll ein pflegebedürftiger Mensch so selbstbestimmt wie möglich leben können. Aber dieses selbstbestimmte Leben darf nicht darauf beruhen, dass die pflegende Person ihr eigenes Leben vollständig zurückstellt.
Die Frage muss deshalb immer sein: Wie schaffen wir Bedingungen, unter denen beides möglich ist?
Für mich ist genau das der gesellschaftliche Auftrag: nicht eine Selbstbestimmung gegen die andere auszuspielen, sondern Strukturen zu schaffen, die beide Seiten tragen.
Was würdest du dir wünschen, dass politische Entscheidungsträger*innen bei solchen Reformen stärker berücksichtigen?
Dass hinter jeder Regelung konkrete Lebenssituationen stehen.
Wenn eine Leistung verändert oder eingeschränkt wird, klingt das auf dem Papier vielleicht erst einmal technisch. Im Alltag kann es aber bedeuten, dass jemand einen Arzttermin nicht wahrnehmen kann, eine Verabredung absagt oder sich eine notwendige Pause nicht mehr leisten kann.
Ich würde mir wünschen, dass die Perspektive pflegender Angehöriger deshalb viel stärker mitgedacht wird – nicht nur als Kostenfaktor, sondern als die Menschen, die einen sehr großen Teil der Pflege überhaupt erst möglich machen.