Léonie war die Tochter eines Uhrmachers aus einer Familie vieler revolutionärer Republikaner und Anhänger der Aufklärung. Sie wurde Strickerin und heiratete 1860 den Buchhändler Auguste Rouzade, der sie in ihrem feministischen Anliegen unterstützte. Sie ließen sich in Meudon, südwestlich von Paris, nieder. Léonie wollte in erster Linie die Frauen der Arbeiterklasse für die Emanzipation gewinnen, durch Bildungsarbeit und durch ihre beiden im Jahr 1872 veröffentlichten feministischen Romane Voyage de Théodose à l’île de l’Utopie („Reise des Theodosius auf die Insel der Utopie“) und Le Monde renversé („Die auf den Kopf gestellte Welt“). Im Roman Théodose à l’île de l’Utopie entdeckt der Schiffbrüchige Theodosius eine Insel, auf der die Bevölkerung vier Stunden am Tag arbeitet und vollkommene Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen herrschte. In Le Monde renversé führt eine in einem Harem im Nahen Osten eingesperrte Frau eine Revolte an und setzt ein neues Gesetzbuch durch, das auf dem Gehorsam der Männer gegenüber den Frauen basierte.
1878 nahm Léonie Rouzade am Internationalen Frauenkongress teil, wo sie die bekannte freidenkerische Feministin Hubertine Auclert (1848–1914) kennenlernte. Léonie schrieb sodann für die Arbeiterbewegung, die Zeitung Le Prolétaire, sprach auf Parteitagen und wurde 1880 mit Eugénie Potonié-Pierre (1844–1898) zur Gründerin der Union des femmes, der ersten sozialistischen Frauenvereinigung Frankreichs.
Die Stickereiarbeiterin Léonie wurde eine der bekanntesten sozialistischen Rednerinnen. Allein im Jahr 1900 sprach sie in mehreren Städten des Nordens vor Tausenden von Zuhörern. Die Titel ihrer Vorträge verraten auch ihre antiklerikale Richtung: „Die Götter gehen, der Fortschritt kommt“, „Nieder mit dem Konkordat“, „Die klerikalen Leprakranken“, „À bas la calotte!“ [„Nieder mit der Kalotte“, Kalotte ist eine kleine kreisrunde Kopfbedeckung, die von katholischen Geistlichen getragen wird. „À bas la calotte!“ ist eine weit verbreitete antiklerikale Losung i.S. von „Nieder mit dem klerikalen Einfluss (in der Politik).]
Louis Couturier porträtierte Léonie Rouzade, l’ouvrière socialiste („die sozialistische Arbeiterin“) mit den Worten:
»Louise-Léonie Camusat, verheiratete Rouzade, Enkelin eines Abgeordneten des Dritten Standes von 1789, Nicolas-Jacques Camuzat de Bellombre. Sie schrieb ‚Le monde renversé‘, ‚Voyage de Théodose à l’île d’Utopie‘ und mehrere Romane, darunter 1872 ‚Le roi Johanne‘, der vom Einfluss des utopischen Sozialismus von Etienne Cabet und des Fourierismus geprägt war. Von ihrem Vater hatte sie voltairianische und antiklerikale Sympathien geerbt.
Als Arbeiterin und Stickerin heiratete sie 1860 Auguste Rouzade, einen offenherzigen Buchhändler, der ihr viel Zeit zum Schreiben und Aktivismus ließ. Als Antiklerikale engagierte sie sich im Kampf für die Rechte der Frauen und begann ab 1879, gemeinsam mit Jules Guesde und manchmal auch mit Blanqui, Vorträge zu halten. Sie wurde als eine der Referentinnen der ‚Antiklerikalen Liga‘ von Leo Taxil [1854–1907]. Léonie Rouzade, die 1880 die ‚Union des femmes socialistes de Paris‘ [„Verband der sozialistischen Frauen von Paris“] gründete, wurde von niemandem an Popularität übertroffen. Die Wahl dieses Namens war eine Anspielung auf die Kommune [1871]. An ihrer Seite stand Marguerite Tinayre, [1831–1895, Lehrerin, Autorin und Aktivistin] eine reiche Saint-Simonistin, die während der Commune aktiv gewesen war. Das Ziel der Union war es, gegen die Unterdrückung der Menschen und der Patrons zu kämpfen.
Am 13. April 1880 nahm Léonie Rouzade an der Seite von Jules Guesde [1845–1922, führender sozialistischer Politiker der Parti socialiste de France (P.O.F.)] an einer Versammlung teil. Nachdem sie auf die Rechte der Frauen hingewiesen hatte, forderte sie die Arbeiter auf, ihnen bei der Befreiung zu helfen, denn ‚die Wurzel des Klerikalismus liegt in unserer Unwissenheit‘. Sie gab der Klassensolidarität den Vorzug vor der von Maria Pognon, einer anderen prominenten Freidenkerin, vertretenen Geschlechtersolidarität. […]
Als öffentliche Rednerin sprach Léonie Rouzade meist über antiklerikale Themen: ‚Die Götter gehen, der Fortschritt kommt‘, ‚Nieder mit dem Konkordat‘, ‚Die neue Zivilisation‘, ‚Die Frauen in der Gesellschaft‘, ‚Die leprösen Klerikalen‘ oder einfach ‚A bas la calotte‘. Am 26.11.1882 nahm sie in Noisy-le-Grand das Thema ‚Gott und der Klerus, die Absurdität der Dogmen und die Sinnlosigkeit der religiösen Zeremonien‘ auf.
Wie Paule Mink [1839–1901] war sie Mitglied von Jules Guesdes P.O.F. und war die erste Frau in Frankreich, die sich um ein offizielles Wahlmandat bewarb (Jeanne Deroin tat dies 1849, aber als Soldatin). Sie nahm 1885 an einer feministischen Wahlkampagne teil und lebte dann, laut Charles Sowerwine, ‚bis zu ihrem Tod im Oktober 1916 ruhig mit ihrem Mann in Meudon‘. […]
Léonie Rouzade hatte bereits 1884 begonnen, sich im Freidenkertum zu engagieren, nachdem sie in der Antiklerikalen Liga von Léo Taxil aktiv gewesen war. Sie nahm am Libre-Pensée-Kongress von 1884 teil und wurde zusammen mit Julie Pasquier, Marie und Maria Vérone in den Zentralrat der Fédération nationale de la libre pensée gewählt. Ihre Aktivitäten, insbesondere in den Jahren 1894 bis 1902, erregten große Aufmerksamkeit.
Sie war antiklerikal und radikal, geißelte den Unsinn des Alten Testaments, brandmarkte die Unmoral der Ohrenbeichte und des Zölibats der Priester. Sie riet ihren Zuhörern, den Kontakt zu Priestern, diesen ‚Aposteln der Faulheit‘, zu meiden, und prangerte mit einem witzigen Neologismus ‚die Schandtaten der Kleriker‘ an. Im Laufe des Jahres 1895 beschränkte sich ihre Tätigkeit nicht nur auf Vorträge. Sie veröffentlichte ‚Un petit catéchisme de morale laïque et socialiste‘ („Ein kleiner Katechismus der weltlichen und sozialistischen Moral“), welcher weite Verbreitung fand. Sie nahm am Freidenker-Weltkongress in Brüssel 1895 teil und saß in der Kommission für Referenten, also für Propaganda, wie es damals hieß. Bei der Generalversammlung der Französischen Föderation Libre Pensée (FFLP) im April 1895 vertrat sie die Gruppen aus den Departements Deux-Sèvres, Pontarlier und Amboise. Dort trat sie v.a. auf mit Paule Mink und Maria Vérone [1874–1938 – die drei in dieser Zeit bekanntesten Freidenkerinnen Frankreichs].
1889 nahm sie zusammen mit Maria Deraismes, Clémence Royer und Annie Besent am französischen und internationalen Kongress für Frauenrechte in Paris teil. In den Jahren 1894 und 1895 wurde sie in den Zentralrat der FFLP gewählt. Sie trat als Rednerin auf: Es gibt Aufzeichnungen über dreizehn Vorträge in Paris, Versailles, Bondy, Pantin, Noisy-le-Sec, Montreuil-sous-Bois, Orléans, Les Mureaux, Audincourt und Enghien-les-Bains. Sie sprach vor Zuhörern über ‚Die Frau und die Freidenker‘, ‚Die Frau ist die Zivilisation‘, ‚Was zusammenbricht und was neu gegründet wird‘, ‚Das Volk urteilt über die Regierungen, den Klerus und die Götter‘, ‚Religiöse Moral und soziale Moral‘ […] Das Bulletin der FFLP Nr. 73 vom Januar 1896 zitierte aus diesen Redebeiträgen und Tagungen: ‚Wenn die Völker die schlechten Gesetze, die sie belasten, beibehalten, liegt das daran, dass sie noch nicht die nötigen Fähigkeiten erworben haben, um sie loszuwerden.‘ Madame Rouzade beendete ihre Konferenz mit einer Anklage gegen die christliche Religion und all die lächerlichen Manifestationen der Anbetung. Sie forderte die Männer auf, der Frau bei der Einräumung des richtigen Platzes in der Zivilisation zu helfen. Die Frau kann eine wertvolle Helferin für den Mann werden, da sie die erste Erzieherin der Kinder ist. Wenn die Frau den Klerus verlassen hat, kann sie an dem großen Werk der Zivilisation teilnehmen.‘
Bevor der Vorsitzende der Konferenz, Camus, die Sitzung schloss, wies er darauf hin, dass früher, vor 1789, Redner und Zuhörer noch verbrannt worden wären und dass sie vor fünfzig Jahren ins Gefängnis gekommen wären. Doch glücklicherweise hätten Fortschritt und Toleranz seither einen weiten Weg zurückgelegt. Die Sitzung wurde mit dem Ruf geschlossen: ‚Es lebe die Republik! Es lebe das Freidenkertum!‘
Die Pflicht der Frau ist es, Republikanerin und Freidenkerin zu werden.
Um sechs Uhr fand im Hôtel de la Balance ein Bankett statt, an dem etwa 60 Gäste teilnahmen. Madame Rouzade führte den Vorsitz, neben ihr saßen Monsieur Camus und der Delegierte der Libre-Pensée von Chalon-sur-Saône. In einer brillanten Improvisation sprach Madame Rouzade erneut über die Rolle, die die Frau in der zukünftigen Gesellschaft haben wird und haben muss. Es wurde auf Madame Rouzade und den Triumph des Freidenkertums angestoßen.
Dann wurden Lieder gesungen; kurz gesagt, alle waren von dieser brüderlichen Zusammenkunft begeistert. Der Ball, der im Lokal der Gauloise stattfand, war ein voller Erfolg. Der Saal war sehr schön dekoriert und viele hübsche Tänzer und Tänzerinnen nahmen an diesem charmanten Abend teil.
Die Bürgerin Léonie Rouzade erläuterte das Thema ‚Frau und Zivilisation‘ und zeigte in einer klaren und einfachen Sprache, dass es die Pflicht der Frau ist, Republikanerin und Freidenkerin zu werden, um eine Zivilisation zu gründen, die im Leben von Vorteil ist. Sie betont, dass es auf der Erde verschiedene Religionen gibt und dass sich die Geistlichen dieser Religionen gegenseitig die Kundschaft wegnehmen. Aus diesem Grund hat die christliche Religion die Formel ‚Außerhalb der Kirche gibt es keine Rettung‘ aufgestellt.
Die Rednerin sagte, dass die wahre Religion darin besteht, eine soziale Organisation zu gründen, in der es ein Recht auf Arbeit gibt und in der der Arbeiter seinen Anteil am Gewinn erhält, so dass die Familie ehrlich leben kann. Die Frauen würden ihre Kinder ihre wirkliche Liebe zeigen, indem sie sich um die Reform der sozialen Organisation kümmern, in der sie leben müssen.
‚Wir wollen, dass Krieg durch Frieden ersetzt wird, Elend durch Wohlstand, und dass es nur noch einen Kampf gibt, den Kampf der Wissenschaft, um die Kräfte der Natur zu zähmen und sie zum Nutzen der Menschheit einzusetzen‘, sagte sie abschließend. […]
Im April 1901 hielt Léonie Rouzade in Palaiseau einen Vortrag über ‚Le Clergé, les Dieux et l’Humain‘ („Der Klerus, die Götter und der Mensch“). Im November 1901 war sie Beisitzerin beim 11. Nationalkongress der Fédération Française de la Libre Pensée, wo sie Pont-de-Veyle-Oise, die Gruppen von Valenciennes und Condé vertrat.
1902 wurde für sie ein schmerzhaftes und schwieriges Jahr: Sie verlor ihren Mann und beendete ihre aktive Mitarbeit in der Föderation. Von 1902 bis zu ihrem Tod im Jahr 1916 hatte sich Léonie Rouzade aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sie nimmt jedoch in jedem Fall einen wichtigen Platz im Freidenkertum der Jahre 1880 bis 1902 ein.«
Werkauswahl: Connais-toi toi-même („Erkenne dich selbst“, Paris 1871); Ci et çà, çà et là („Hier und da, da und hier“, Paris 1872); Le Monde renversé („Die verkehrte Welt“, Paris 1872); Le Roi Johanne („König Johannes“, Paris 1872); Voyage de Théodose à l’île d’Utopie („Reise des Theodosius zur Insel Utopia“, Paris 1872); Développement du programme de la Société „L’Union des femmes“: Discours de la citoyenne Rouzade, prononcé Salle d’Arras le 13 avril 1880 („Entwicklung des Programms der Gesellschaft ‚Union der Frauen’. Rede der Bürgerin Rouzade, gehalten im Salle d’Arras am 13.04.1880“, Paris 1880); Petit catéchisme de morale laïque et socialiste („Kleiner Katechismus der säkularen und sozialistischen Moral“, Meudon 1895, erweiterte Neuauflagen 1903, 1904, 1905); La Femme et le peuple, organisation sociale de demain („Die Frau und das Volk, soziale Organisation von morgen“, Meudon 1896, erweiterte Neuauflage 1905).
Literatur: Louis Couturier: Léonie Rouzade, l’ouvrière socialiste in: La Libre Pensée et les femmes, les Femmes et la Libre Pensée (Paris 2014, S. 192ff.); Heiner Jestrabek: Léonie Rouzade in: Freidenkerin und Frauenrechtlerin Maria Vérone. Biographische Porträts von 70 Freidenkerinnen Vorkämpferinnen für Frauenrechte und Freies Denken (Heidenheim-Reutlingen 2024, S. 155–159).